«Es ist meine bislang herausforderndste Zeit»

2017 hat das Basel Tattoo erstmals einen Verlust geschrieben. Erik Julliard will die Kosten senken, aber nicht die Qualität.

Ist selbstkritisch. Erik Julliard will dort Einsparungen vornehmen, wo es der Zuschauer qualitativ nicht merkt.

Ist selbstkritisch. Erik Julliard will dort Einsparungen vornehmen, wo es der Zuschauer qualitativ nicht merkt.

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BaZ: Herr Julliard, im Mai herrschte bei den Vereinen, die am Basel Tattoo eine Beiz betreiben, grosser Unmut Ihnen gegenüber, weil Sie sie dazu zwingen wollten, Tickets zu verkaufen.
Erik Julliard: Ja, zu meiner grossen Enttäuschung. Bei anderen Veranstaltungen ist das gang und gäbe; bei den Swiss Indoors zum Beispiel gilt eine Pflichtabnahme von einer bestimmten Anzahl Tickets. Für mich wäre das selbstverständlich, denn als Betreiber einer Beiz weiss ich, welchen Umsatz und welchen Gewinn ich mache. Verärgern wollen wir aber natürlich niemanden. Deshalb sehen wir nun von einer Billett-Pflichtabnahme ab. Stattdessen reduzieren wir die Standplatzgebühr, wenn die Standbetreiber eine bestimmte Anzahl Billette verkaufen.

Weshalb überhaupt die Idee einer Pflichtabnahme?
Der Ticketverkauf bei den Baslern war in den vergangenen Jahren stark rückläufig. Dem wollen wir entgegenwirken. Wir machen das auf verschiedenen Ebenen – auch was den Inhalt der Show betrifft, indem wir noch mehr Pipes and Drums ins Programm integrieren, was einem viel gehegten Wunsch entspricht. Auch beginnen die Shows unter der Woche am Abend publikumsfreundlicher wieder um 21 Uhr, sprich: eine halbe Stunde früher. Im Zuge aller Massnahmen kam auch die Idee auf, das Netzwerk der Beizer punkto Ticketverkauf zu nützen.

Sie haben gesagt, die Basler Besucher haben stark abgenommen. Wann begann diese Abwärtskurve?
Im Jahr 2012. Im 2016 waren wir noch bei 2500 Baslern, die im Durchschnitt 2,5 Billette gebucht haben. Jetzt ist es noch weiter unten. Hinzu kam, dass die Deutschen aus dem badischen Raum nicht mehr gekommen sind. Wir haben in Freiburg bis vor wenigen Jahren eine Parade und ein Mini-Tattoo durchgeführt, zu denen bis zu 40'000 Zuschauer kamen. Die sagten sich mit der Zeit: Weshalb an das Basel Tattoo gehen, wenn wir es bei uns haben können?

Kommen Sie denn mit dem Tattoo in eine kritische Zone, in der Aufwand und Ertrag vielleicht bald nicht mehr stimmen?
Wir sind es schon. Wie auch andere Events haben auch wir aufgrund der Erfolge in den vergangenen Jahren eine Grösse erreicht, die uns zu gewissen Anpassungen zwingt, weil es nicht immer in die gleiche Richtung weitergehen kann. Dieser Prozess ist herausfordernd und natürlich auch mit gewissen Abstrichen verbunden. Abstriche jedoch, die wir niemals auf Kosten der Zuschauerinnen und Zuschauer machen würden.

Heisst das mit anderen Worten, Sie machen keinen Gewinn mehr?
Zum ersten Mal in der Geschichte des Basel Tattoo sind wir in einer Phase, in welcher wir auf gewisse Reserven zurückgreifen müssen und, ja, auch Einsparungen vornehmen müssen.

Sind Sie in der Verlustzone?
Ja, zum ersten Mal.

Wie gross ist der finanzielle Verlust, den Sie 2017 erlitten haben?
Es waren mehrere Hunderttausend Franken. Wichtig ist uns jedoch, dass die Zuschauer auch im nächsten Sommer eine Show präsentiert bekommen, die auf absolutem Weltniveau spielt. Das ist unser Anspruch, dem wir gerecht werden, solange es das Basel Tattoo gibt.

Sie haben davon gesprochen, dass Sie beim Basel Tattoo zurückfahren müssen. Befinden Sie sich also in einer Konsolidierungsphase, bei der mit weiteren Verlustjahren gerechnet werden muss?
2018 soll und wird uns das nicht mehr passieren, davon bin ich überzeugt. Wir werden das Budget reduzieren, indem wir gescheiter wirtschaften. In früheren Jahren organisierten wir nebst dem Basel Tattoo auch noch das Christmas Tattoo und das Berlin Tattoo. Weil wir auf diese Engagements verzichten, passen wir unsere Organisation an und fahren den Mitarbeiterpool herunter.

Kosten einsparen und gleichzeitig die Qualität halten: Kann das funktionieren?
Ich glaube, dass das Tattoo innerhalb von zwei Jahren heruntergefahren werden kann, ohne an Qualität zu verlieren. Wir optimieren mit unserem erfahrenen Team dort, wo es der Zuschauer nicht merkt. Ein Beispiel: Statt mit 74 Funkkanälen meistern wir das Tattoo künftig eben mit 65. Es sind solche kleinen Dinge, die in der Summe einen stolzen Betrag ergeben. Reiste in den Vorjahren eine Formation einen Tag zu früh an, übernahmen wir selbstverständlich die Kosten für die zusätzliche Übernachtung. Bei 70 Personen geht das jedoch rasch ins Geld. Darum müssen wir nun auf dem vereinbarten Ankunftsterminen beharren und können nicht mehr entgegenkommen.

Erleben Sie als Tattoo-Chef die bislang herausforderndste Zeit?
Ich würde schon sagen, ja. Bislang galt ich eher als Erfolgsproduzent. Immer hat alles funktioniert. Rückblickend betrachtet hätte man die Dinge gewiss noch klüger angehen können, das räume ich selbstkritisch ein. Ich habe es allerdings immer als Aufgabe empfunden, dafür zu sorgen, dass sich das Budget im Gleichgewicht befindet. Wir haben so viele freiwillige Helfer und zudem die Unterstützung der Armee, weshalb es einfach nicht korrekt wäre, wenn wir riesige Überschüsse verbuchten. Ich bin überzeugt, dass in einem solchen Fall das Tattoo scheitern würde.

Könnten Sie sich vorstellen, das Tattoo nur alle zwei Jahre zu veranstalten?
Der Hauptgrund, das Tattoo nicht alle zwei Jahre durchzuführen, ist egoistischer Natur: Man kann dann den Betrieb nicht aufrechterhalten, die Werbung müsste viel weiter unten begonnen werden, und Besucher kaufen keine Billette zwei Jahre im Voraus. Sonst wäre es ein interessanter Gedanke; aber da sind wir einfach noch zu gross dafür.

Müsste man sich auch überlegen, das Basel Tattoo neu zu erfinden?
Das schliesse ich aus, sonst zerstören wir am Ende das Produkt. Es soll ein Tattoo sein mit Musiken und Pipes and Drums. Aus einem Tattoo eine völlig andere Show machen zu wollen? Nein, wir müssen mit dem Helikopter dort landen, wo er hingehört. Die Kurve, die das Basel Tattoo nahm, ging schnell hoch – es war fast eine Verdreifachung. Den Höhepunkt hatten wir in den Jahren 2011 und 2012. Jetzt landen wir vielleicht irgendwo in einem normalen Bereich.

Was dürfen wir unter «normal» verstehen?
Wenn man die Tattoos weltweit vergleicht, dann haben wir das Edinburgh Tattoo an der Spitze mit 240'000 Zuschauern als eine wohl in sich geschlossene Ausnahme. Es ist dort nicht nur die Show, die zieht, sondern auch die Stadt, denn das Tattoo hat jährlich über 75 Prozent Erstbesucher. Hinter Edinburgh ist Basel mit 120'000 Besuchern zu seinen besten Zeiten – und nach uns kommt lange nichts mehr; die beiden nächsten sind Halifax und Moskau mit ungefähr 50'000 Besuchern. Was ich damit sagen will: Wir sind wahrscheinlich in diesem Hype genau zwischendrin aufgestiegen und gehen jetzt dahin zurück, wo es wahrscheinlich hingehört, nämlich zu einer Besucherzahl von etwa 60'000; was übrigens immer noch sensationell ist für ein selber aufgebautes Tattoo, das open-air stattfindet.

Sie wollen damit also sagen, es ist völlig normal, dass Sie in Zukunft kleinere Brötchen backen werden?
Ja, es liegt bei derart grossen Events in der Natur der Sache, dass nach dem raschen Wachstum eine Phase der Konsolidierung kommt und eine gewisse Sättigung vorhanden ist.

Bei den freiwilligen Helfern scheint diese Sättigung aber nicht zu spüren zu sein.
Ja, bei den freiwilligen Helfern ist die Freude ungebrochen. Und jetzt, da das Tattoo nicht mehr so läuft wie früher, ist die Bereitschaft noch grösser mitzuhelfen.

Umfrage

2017 hat die Veranstaltung zum ersten Mal Verlust geschrieben. Die Zahl verkaufter Tickets hat abgenommen. Hat das Basler Tattoo inzwischen an Reiz verloren?

Ja

 
67.1%

Nein

 
32.9%

1021 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 23.11.2017, 07:12 Uhr

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