Freitod-Organisationen sind überlastet

Eternal Spirit oder Exit müssen Patienten abweisen – ein Grund ist der Sterbetourismus. Die Nachfrage von ausländischen Kunden dürfte weiter steigen.

Begleitet Menschen in den Tod. Die meisten ausländischen Kunden von Erika Preisig stammen aus Frankreich, Italien und England.

Begleitet Menschen in den Tod. Die meisten ausländischen Kunden von Erika Preisig stammen aus Frankreich, Italien und England. Bild: Boris Gygax

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Manche Menschen nehmen einen langen Weg auf sich, um in Basel sterben zu dürfen. «Wir schicken Ambulanzen zum Beispiel auch nach Paris, um sie hierherzubringen», sagt Erika Preisig mit einem Kopfschütteln, «das kann doch nicht sein.» Preisig ist Präsidentin des Vereins Lifecircle und der Stiftung Eternal Spirit, welche die Sterbehilfe durchführt. Vor allem der Zulauf aus dem Ausland sprengt mittlerweile die Kapazitäten. «Wir sind so weit, dass wir Leute abweisen müssen», sagt Preisig, die hauptberuflich in Biel-Benken eine Hausarztpraxis führt.

Durch ihr Engagement für Lifecircle arbeitet sie täglich 14 Stunden, oft sieben Tage die Woche. Ein Viertel ihrer Kunden stammen aus der Schweiz, drei Viertel aus dem Ausland. «Die meisten Menschen kommen aus Frankreich, gefolgt von Italien, England und Deutschland.» Zudem setzt sich Preisig über die Stiftung Eternal Spirit für die Legalisierung der Freitod-Bewegung ein.

Während in den vergangenen Tagen einige Medien aufgrund einer neuen Pilotstudie im Journal of Medical Ethics von einem Boom von sogenannten Sterbehilfe-Touristen berichteten, hat die Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis in Biel-Benken eine ganz andere Meinung. Von einem Boom könne nicht die Rede sein: Der Andrang sei schlicht «unvermindert hoch». Dies bestätigt auch die Freitod-Organisation Exit. Das Beratungsbüro in Binningen ist für einen Monat ausgebucht, das heisst sieben bis neun Sitzungen pro Tag. Allerdings werden dort nur Schweizer und keine Ausländer beraten. Die Zahlen der Inland-Sterbehilfe steigen: 2011 waren es bei Exit 305 Freitod-Begleitungen, 2012 bereits 356, letztes Jahr 459.

Druck auf ausländische Behörden

Die Nachfrage von ausländischen Kunden werde weiter steigen, doch nicht mehr so stark, wie das die Pilotstudie vermuten liesse, sagt Preisig. Diese schreibt von einer Verdoppelung zwischen 2008 und 2012. Auch andere Sterbehilfeorganisationen üben massive Kritik an der kürzlich publizierten Untersuchung (siehe Box). «Die Nachfrage wird nicht zurückgehen, bis auch andere Länder den Freitod per Gesetz akzeptieren», ist die Ärztin überzeugt. Dies sei ihr erklärtes Ziel. Mit ihrem Engagement will Preisig «Druck auf die ausländischen Behörden ausüben»: Je mehr Menschen aus dem Ausland den Freitod in der Schweiz erleben, desto grösser wird die Forderung in deren Herkunftsländern nach Gesetzesänderungen. Dies sei ihre Hauptmotivation, betont sie mehrmals. Den stetigen Zuwachs erklärt sich Preisig durch die Babyboom-Generation, die vermehrt im hohen Alter an unheilbaren Krankheiten leidet. Zudem sei der heutige Patient kritischer, lasse sich nicht einfach eine Therapie vorschreiben. «Diese Menschen wollen auch selber über die Art und Weise ihres Todes bestimmen.»

Wie viele Menschen Eternal Spirit in den Tod begleitet, darüber möchte Erika Preisig keine Auskunft geben. Das sei in den Statuten so festgehalten. Auch die Basler Staatsanwaltschaft kann die Anzahl nicht näher beziffern. «Welche Sterbehilfeorganisationen wie viele Menschen in den Tod begleitet haben, können wir Ihnen nicht mitteilen», sagt der Basler Kriminalkommissär Peter Gill. Er hält fest: Die Anzahl begleiteter Suizide im Vergleich zu allen anderen Suiziden nehme «tendenziell gesehen zu».

Preisig war zuvor auch bei der gröss­eren Sterbehilfe-Organisation Dignitas tätig. Im Zeitraum zwischen 2007 und 2011 untersuchte sie selber Fälle auf ähnliche Aspekte wie in der Pilotstudie. In einigen Punkten decken sich die Erkenntnisse. Beispielsweise bei den Beschwerden, an denen die Menschen leiden, die sich für den Freitod entschieden haben. Am häufigsten seien neurologische Krankheiten, gefolgt von Krebs und rheumatischen Beschwerden.

Freitod keine Frage des Geldes

Ihre Untersuchung zeige aber noch weitere Erkenntnisse, beispielsweise über den Beruf. «Es sind mehrheitlich Akademiker und höher Geschulte, die sich für einen Freitod entscheiden.» Dies habe wohl mit Selbstbewusstsein zu tun, vermutet Preisig, und mit der Gewohnheit zur Selbstbestimmung. «Ein Bankdirektor, der sein Leben lang Entscheide fällen musste, möchte oft auch selber über seinen Tod bestimmen.» Auch wenig vermögende Menschen hätten die Möglichkeit auf einen Freitod, schiebt Preisig gleich nach. Eternal Spirit habe auch schon für Sozialhilfeempfänger aus Deutschland Sterbehilfe geleistet. Finanziert wird dies dann durch die Stiftung.

Hartnäckig kämpft Preisig gegen den Vorwurf, dass sie sich am Geschäft mit dem Tod bereichere. «Per Gesetz ist in der Schweiz festgelegt, dass Sterbehilfe nicht gewinnorientiert sein darf.» Ein Schweizer bezahlt bei Lifecircle 3000 Franken für den Freitod, Menschen aus dem Ausland 10'000 Franken. Der Mehraufwand für Letztere sei beträchtlich, erklärt Preisig den grossen Preisunterschied. Der Raum, der Sarg, der Transport, die Beerdigung und die Kremation müssen bezahlt werden, genauso wie die aufwendigere Administration. Die Betreuung der Kunden dauere oft über ein halbes Jahr lang, bis dann der Entscheid feststeht. Dafür sei auch Fachpersonal nötig. «Ich bin klar der Meinung, dass diese nicht ehrenamtlich arbeiten sollen. Eine seriöser Freitod hat darum seinen Preis.»

Weil der Andrang so gross ist, möchte Erika Preisig schon länger weitere Ärzte dafür gewinnen, für ihre Stiftung zu arbeiten. Das sei jedoch sehr schwierig. «Sie wollen sich nicht der öffentlichen Kritik aussetzen.» Zudem übe die Schweizerische Ärztevereinigung Druck auf ihre Mitglieder aus. «Viele fürchten um ihre Praxisbewilligung.» Wenigstens im administrativen Bereich konnte für Entlastung gesorgt werden: Vor einigen Wochen hat Preisig eine Sekretärin eingestellt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.09.2014, 15:27 Uhr

Kritik an Studie über Sterbehilfe

Die Zahl der Sterbehilfe-Touristen in der Schweiz habe sich zwischen 2008 und 2012 verdoppelt. Dies ist das Fazit der Forschergruppe um Saskia Gauthier, Assistenzärztin der Rechtsmedizin am Institut für Rechtsmedizin an der Universität Zürich. Diverse Schweizer Medien haben darüber berichtet. Sterbehilfe-Organisationen wie Dignitas, Exit oder Lifecircle üben jedoch massive Kritik an der Studie. Die Autoren haben mit der Auswahl des Zeitraumes ein verzerrendes Bild dargestellt, so der Vorwurf. «Hätten die Autoren den repräsentativeren Zeitraum 2006 bis 2012 gewählt, hätten sie nur konstante Fallzahlen vorweisen können», schreiben die Organisationen in einer gemeinsamen Medienmitteilung. Die Sterbehilfe für Ausländer liege gesamtschweizerisch seit Jahren konstant bei rund 220 Fällen. Die Studie enthalte zudem falsche Preisangaben, falsche Mitgliederzahlen sowie falsche Namen von Organisationen.

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