Frischer Fisch direkt vom Dreispitz

Fischernte mit Panoramablick über ein boomendes Areal: Auf dem Dach des Lokdepots auf dem Dreispitz werden zum ersten Mal frisch gezüchteter Fisch und Gemüse geerntet. Dabei soll es sich um ein weltweit einzigartiges Projekt handeln.

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Mit kräftigen Bewegungen zappelt ein weiss glänzender Fisch im Netz. Der knapp eineinhalb Kilo schwere Tilapia gehört zur Familie der Buntbarsche – und er zählt zu den ersten Bewohnern der frisch in Betrieb genommenen Fischfarm auf dem Dreispitz. Hier, auf dem Dach des Lokdepots an der Frankfurt-Strasse, sollen ab nun auf 250 Quadratmetern jährlich fünf Tonnen Gemüse und 800 Kilo Fisch geerntet werden. «Das ist die weltweit erste kommerzielle Aquaponic-Fischfarm auf einem Hausdach», erklärt Mitinitiant Roman Gaus von der Firma UrbanFarmers, ein Spinoff der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil – oder wie Gaus mit einem Augenzwinkern sagt: «das Harvard der Gemüseproduzenten».

Die Idee hinter dem Aquaponic-Ansatz der Fischfarm auf dem Dreispitz ist einfach: Mit dem verunreinigten Wasser der Zuchtfische werden Nutzpflanzen wie Nüsslisalat, Tomaten oder Kresse bewässert und ernährt. Diese reinigen das Wasser, das danach in alter Frische wieder bei den Fischen landet. Es ist die naheliegende Symbiose zweier Wirtschaftszweige, die bis jetzt weitgehend getrennt agieren. «Wir haben nicht einmal einen Abwasserabfluss», sagt Gaus über das in sich geschlossene System.

Zürcher Grossprojekt auf Basler Boden

Mit der Fischfarm auf dem Lokdepot im Dreispitz wollen die Jungunternehmer zeigen, dass es auch auf Stadtgebiet möglich ist, im grösseren Stil frische Lebensmittel zu produzieren. Alleine in Basel gibt es gemäss Gaus rund zwei Millionen Quadratmeter brach liegende Dachfläche, die sich für derartige Projekte eignet. Dass die UrbanFarmer aus Zürich ihr erstes grosses Vorhaben am Rheinknie realisieren, hat seine Gründe. «Wir fanden in Basel hervorragende Voraussetzungen für unser Projekt», erklärt Gaus.

Damit meint er nicht nur Dreispitz-Besitzerin Christoph Merian Stiftung (CMS), die das Projekt mit 250'000 Franken Anschubfinanzierung und einem Mieterlass unterstützt, sondern auch das fruchtbare Umfeld. «Hier gibt es in der Bevölkerung eine grosse Akzeptanz für nachhaltige Lösungen», sagt Gaus. In Zürich stünde oft das schnelle Geld im Vordergrund. Natürlich handeln auch die Fischfarmer nicht nur aus purem Idealismus. Das Vorhaben muss auf Dauer Gewinn abwerfen, schliesslich sind insgesamt rund 800'000 Franken in die Aquaponic-Anlage geflossen – darunter Investoren-Gelder und Eigenmittel der Initianten. Zudem geht es darum, nicht nur die ökologischen, sondern auch die ökonomischen Vorzüge dieses Anbausystems aufzuzeigen.

Fangfrisch ins Restaurant um die Ecke

Frischerer Fisch als den vom Dreispitz dürfte in Basel kaum zu finden sein. Es kann vorkommen, dass morgens um 11:30 Uhr eine Restaurant-Bestellung eingeht und der Buntbarsch keine zwei Stunden später zum Essen serviert wird. «Unsere Fische zucken fast noch bei der Lieferung», erklärt Gaus voller Begeisterung. Getötet werden die Tiere durch Elektroschock, ausgeliefert wird per E-Bike mit Kühlanhänger. Das Angebot der Fischfarmer richtet sich vorerst hauptsächlich an Basler Gastronomen. Diese können Fisch und Gemüse im Abo beziehen. Am Freitag wurde die allererste Ladung Frischfisch im Kleinbasler Restaurant Parterre zubereitet.

Auch Lokale wie das Schifferhaus in Kleinhüningen, der Platanenhof an der Klybeckstrasse oder der Viertelkreis im Gundeli setzen künftig auf frischen Fisch vom Hausdach. Den kürzesten Lieferweg hat aber das «Schmatz» auf dem Dreispitz. Das Restaurant der Baselcitystudios verköstigt seine Gäste nur einen Steinwurf von der Fischfarm entfernt. Chefkoch Markus Himpsl freut sich auf die erste Lieferung: «Es ist toll, einen Fisch anbieten zu können, von dem ich weiss, wo er gezüchtet wurde». Mit seinem dezenten Eigengeruch, den wenigen Gräten und seiner Festigkeit eigne sich Tilapia-Fleisch besonders gut für die Zubereitung.

Die Fischfarm auf dem Dreispitz dient nicht nur als Prototyp, sondern auch als Vorzeigeobjekt. Ziel der Jungunternehmer ist nämlich weniger der Betrieb, sondern die Planung und Umsetzung weiterer Aquaponic-Farmen auf Hausdächern. Am besten für Grossinvestoren wie Migros oder Coop, welche die Früchte ihrer Dächer in ihren eigenen Filialen anbieten können – zum Beispiel im nah gelegenen M-Parc, auf dessen Flachdach eine ziemlich grosse Fischfarm Platz hätte. Auf dass künftig nicht mehr 95 Prozent des Schweizer Speisefisches importiert werden müssen. Genügend freie Hausdächer gäbe es jedenfalls. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2013, 16:18 Uhr

Mahlzeit: Roman Gaus füttert die Zuchtfische. (Video: Joël Gernet)

Infobox


Roman Gaus referiert über seine Vision des Urban Farming.

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