Geschichte eines Triumphs

Nino Angiuli, unser Art Director, arbeitet seit 45 Jahren bei der BaZ, unermüdlich, heiter. Eine Hommage.

Wer mit ihm arbeitet, glaubt an die Ewigkeit. Nino Angiuli 1974 als Schriftsetzer-Lehrling und heute als Art Director bei der Basler Zeitung. Foto Pino Covino

Wer mit ihm arbeitet, glaubt an die Ewigkeit. Nino Angiuli 1974 als Schriftsetzer-Lehrling und heute als Art Director bei der Basler Zeitung. Foto Pino Covino Bild: Pino Covino

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1968 kam Nino Angiuli aus Apulien in die Schweiz, er war damals 15 Jahre alt, konnte kein Wort Deutsch, eine Lehre hatte er nicht gemacht, gelernt hatte er in Italien wenig, was er hier hätte brauchen können – er war arm und suchte eine Stelle. Heute ist er Art Director der Basler Zeitung, und eine der Schlüsselfiguren unseres Blattes. Ohne Nino, wie wir ihn alle nennen, obwohl er eigentlich Trifone heisst, ohne Nino würde wenig funktionieren, Redaktoren öfter die Nerven verlieren, Sekretärinnen depressiv, die Zeitung nie herauskommen und die Sonne nie mehr aufgehen.

Ninos Geschichte, die ich hier erzählen möchte, weil er inzwischen 45 Jahre für die Basler Zeitung beziehungsweise ihre Vorgängerin Basler Nachrichten gearbeitet hat und hoffentlich noch lange für uns tätig ist, zeigt vieles, was früher hart war, aber auch was man klug eingerichtet hatte, vor allen Dingen aber zeigt es, was Nino richtig gemacht hat. Es ist die Geschichte eines Triumphes.

Trifone ist ein seltsamer Name, der aber passt, wenn man nachschlägt, woher er kommt: Tryphon hiess ein christlicher Märtyrer, der andere heilen konnte und die bösen Geister vertrieb. Wie er das im Einzelnen tat, weiss ich nicht, wie Nino dies aber nach wie vor kann, ist allen klar, die mit ihm zu tun haben. Nino ist ein Mensch mit einer unzerstörbaren Heiterkeit. Wer mit ihm arbeitet, beginnt selber zu strahlen und glaubt an die Ewigkeit.

Zunehmendes Heimweh

Als Nino in die Schweiz kam, fiel ihm als Erstes auf, wie grün es hier war: Blumen, Wiesen, Bäume, Regen. Zu Hause in Apulien war das unbekannt, gelb war die Landschaft, verzweifelt die Menschen. Sein Vater, der bereits in Pratteln lebte, hatte Nino hierhergebracht, kaum hatte dieser in Italien die obligatorische Schule abgeschlossen. Eine Lehre kam nicht infrage, weil es keine gab. Arbeit hätte er in Apulien kaum gefunden, es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als auszuwandern.

Der Vater war einige Jahre zuvor vorausgegangen, hatte den einen oder anderen Job gefunden, aber nie gut genug verdient, um seine Familie nachzuholen, was er wollte, denn ohne Familie, so erzählte mir Nino, konnte er nicht leben. Er hatte Heimweh nach den Kindern, Heimweh nach der Frau, sodass er ständig hin- und herfuhr, bis er endlich eine gute Stelle bei den SBB erhielt: Er reinigte die Eisenbahnwagen. 1968 war es so weit und seine Familie zog ebenfalls in die Schweiz, Nino, dessen Bruder, die Schwester und die Mutter.

Was aber sollte Nino tun? Zuerst strandete er in einer miefigen Beiz in Binningen, halb Hotel, halb Restaurant, mit komischen Gästen und einem komischen Wirt. Es gefiel Nino hier nicht, wo er Kartoffeln schälte, das Hotel putzte und sonst noch alles machte, was so anstand. 200 Franken im Monat bekam er, nach zwei Monaten gab er die Stelle wieder auf. Nun hatte er mehr Glück und fand zu Rolf Ehrler, dem Chef des Cafés Ehrler im Kleinbasel, einem altmodischen Tea Room, wo die Gäste am Nachmittag in ihren Stühlen versanken, Kuchen assen und Café crème schlürften, wie das hiess in jenen Tagen, als es noch keinen Cappuccino und keinen Latte macchiato gab.

Wenn Nino in Binningen gelitten hatte, so ging es ihm hier ausgesprochen gut: Als «Buffetbursche» wirkte er im Hintergrund, an einer entscheidenden Stelle, ohne dass man ihn bemerkte, büschelte die Kuchenstücke auf die Teller, bereitete die Getränke vor, liess den Café crème aus der Maschine. Vor allem lernte er Deutsch, von dem er kein Wort verstanden hatte, wie auch in seinem Café keiner Italienisch sprach. Die Tschinggen, wie man die Italiener verächtlich nannte, waren erst gekommen, und ihre Sprache, eine der schönsten der Welt, machte den Krachdeutsch sprechenden Schweizern keinen Eindruck.

Dennoch, so sagte mir Nino, geschah es sehr selten, dass man ihn hier schlecht behandelte, nur weil er Italiener war, was damit zusammenhängen mag, dass Nino ein so liebenswürdiger Mensch ist, dass man schon sehr dicke Vorurteile haben muss, um ihn nicht zu mögen. Was sich aber vielleicht als am wichtigsten erwies: Nino arbeitete wie ein Ochse. Wenig überzeugt die Schweizer mehr, wenig versöhnt sie rascher mit einem falschen Akzent oder einem kuriosen Brauch, den sie nicht kennen. Wer arbeitet und Schweizerdeutsch lernt, kann kein schlechter Mensch sein. «Dich kann man ja brauchen», wird dann irgendwann ein Chef sagen, und kaum ein Satz drückt im Schweizerdeutschen ein grösseres Kompliment aus. Willkommen in der Schweiz. Du gehörst dazu.

Der Abzieher

Nach ein paar glücklichen Jahren im Kleinbasel und zwei, drei weiteren Jobs griff wieder der Vater in Ninos Leben ein. Das war 1972. Bei den Zeitungen suchten sie Leute in der Spedition, habe er erfahren, und dort verdiene man besser als im Café. Also zogen Vater und Sohn zur National Zeitung am Aeschenplatz, der anderen Vorgängerin der BaZ, und fragten am Schalter, ob man einen wie Nino eventuell brauchen könnte? Nein, man suche niemanden.

Wie bestellt, aber nicht abgeholt, standen die beiden Italiener da, bis ihnen einfiel, dass es ja noch eine andere Zeitung in der Nähe gab: die Basler Nachrichten an der Dufourstrasse, wohin sie sich jetzt wandten und wo sie die gleiche Frage stellten. Ja, man suche gerade einen «Abzieher» in der Setzerei, also einen, der von den neu gegossenen Bleisätzen einen ersten Abzug machte – das war die Epoche des Bleisatzes noch, wo es Dutzende von Arbeitern brauchte, um eine Zeitung herzustellen. Nino bewährte sich genauso wie im Kleinbasel, und irgendwann sagte sein Chef, er hiess Siegel: «Dich kann man ja brauchen.»

Lehrjahre eines Unermüdlichen

Weil Nino aber eine treue Seele war, brachte er es nicht über sich, das Café ganz im Stich zu lassen. Jeden Samstag arbeitete er dort weiter, bis das Café schloss, um umgebaut zu werden. Rolf Ehrler, der Wirt, schrieb ihm ein Zeugnis, das Nino bis heute aufgehoben hat und mir zeigte – mit einem gewissen ironischen Blick zwar, und doch gerührt. In Blockschrift hatte sein Chef festgehalten: «T. Angiuli war mein anständigster, zuverlässigster und ehrlichster Angestellter, der je in meinem Betrieb gearbeitet hat. Wegen Abbruch des Cafés verlässt er die Stelle. Ich wünsche ihm alles Gute und Gesundheit. Basel, 31. Januar 1972.»

Bei den Basler Nachrichten und später nach der Fusion mit der National Zeitung schliesslich bei der BaZ machte Trifone Angiuli Karriere, und er verliess sich darauf, was ihn noch heute auszeichnet: eine heitere Hartnäckigkeit. Wenn die anderen Kollegen in der Setzerei Pause machten, um sich ein Bier zu genehmigen (Alkohol war damals allgegenwärtig, in der Setzerei genauso wie in der Redaktion) – dann trank Nino nicht mit, sondern arbeitete weiter, in seinem Job wurde er so von Tag zu Tag besser, er lernte und lernte, wobei ihm Horst Ujak, ein Deutscher, besonders half. Horst, ein ebenso loyaler, tüchtiger Mann, arbeitete bis vor wenigen Jahren ebenfalls bei der BaZ, leider starb er letztes Jahr kurze Zeit nach der Pensionierung.

Weil Nino, der Hilfsarbeiter, immer nützlicher wurde, kam sein Chef zum Schluss, dass es gut wäre, ihn weiter auszubilden, und die Basler Nachrichten ermöglichten ihm im Basler Berichthaus eine Anlehre als Schriftsetzer. Diese dauerte zwei Jahre, und allein das Zeugnis, das Nino erhielt, zeigt, wie einfach und klug unsere damaligen Bildungsexperten dachten und handelten:

«Herr Trifone ANGIULI legte heute [29. April 1976] in nachfolgend aufgeführten Tätigkeiten seine Prüfung als Hilfssetzer ab.» Und man zählte sorgfältig auf, was Nino alles zu bestehen hatte, wie etwa «Umbruch einer Zeitungsseite (nach schriftlichen Angaben)» oder «Setzen und giessen an der Nebitype-Buchstaben-Giessmaschine», insgesamt in acht Disziplinen wurde er geprüft, um am Schluss folgende Beurteilung zu erhalten: «Die saubere und sichere Ausführung der ihm übertragenen Arbeiten, welche er in äusserst speditiver Art und mit grosser Sicherheit erledigte, verdient volle Anerkennung. Wir sind überzeugt, dass Herr Angiuli ein wertvoller Berufsmann sein wird.» Das Urteil ist noch gültig. Besser kann das kein langes Palaver einer HR-Chefin ausdrücken.

Kurz nachdem Nino bei den Basler Nachrichten angefangen hatte, wurde er von der Fremdenpolizei aufgeboten. Dort empfing ihn ein Beamter und stauchte ihn fürchterlich zusammen: Was ihm denn einfalle? Er habe innert weniger Monate drei Mal die Stelle gewechselt, das sei verboten. Wenn das noch ein einziges Mal vorkomme, dann werde er sofort nach Italien ausgewiesen. Schlusspunkt. Nino nahm sich das offenbar sehr zu Herzen. Er blieb 45 Jahre. Nie mehr wechselte er die Stelle. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 00:21 Uhr

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