«Gewalt soll keine Plattform erhalten»

Fanarbeiter und SP-Grossrat Thomas Gander spricht über sein Engagement gegen ein verschärftes Hooligankonkordat. Er warnt vor einem unrealistischen Idealbild der Gesellschaft.

«In Basel haben wir aus Erfahrungen gelernt und einen gemeinsamen Weg entwickelt», sagt Thomas Gander.

«In Basel haben wir aus Erfahrungen gelernt und einen gemeinsamen Weg entwickelt», sagt Thomas Gander. Bild: Nicole Pont

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Thomas Gander (37), Co-Leiter der Basler Fanarbeit und SP-Grossrat, erzählt im Interview mit der BaZ, weshalb er sich gegen das verschärfte Hooligankonkordat engagiert und warum Basel von gewaltbereiten Fans nicht verschont bleibt.

Herr Gander, Sie engagieren sich gegen das Hooligankonkordat. Warum?
Aufgrund meiner Funktion als Co-Leiter der Fanarbeit Basel seit rund zehn Jahren und meiner Tätigkeit für die Fan­arbeit Schweiz habe ich einen grossen Erfahrungshintergrund in der Fanthematik. Die erstmalig im Vorfeld der Euro 2008 beschlossenen Verschärfungen, aus denen das jetzige Konkordat hervorging, setzte eine polemische Debatte und ein Massnahmenkarussell in Gang – der Fan jedoch bleibt aussen vor. Bei den jetzigen Verschärfungen fehlt das Augenmass. Das Gewaltphänomen ist ein klar eingrenzbares Problem, das verschärfte Konkordat trifft aber alle, und damit auch die grosse Masse der friedlichen Fans.

Hat Basel ein Problem mit gewaltbereiten Hooligans?
Auch Basel bleibt nicht verschont von gewaltbereiten Fans. Es bringt uns aber nicht weiter, mit einem unrealistischen Idealbild einer völlig gewaltfreien Gesellschaft zu arbeiten, denn die gibt es leider nicht. Fussball zieht neben vielen friedlichen Zuschauern auch solche an, die der Gewalt nicht abgeneigt sind. Unser Ziel ist es, dass derjenige, der Gewalt sucht, keine Plattformerhält.

Könnte das verschärfte Hooligankonkordat aber nicht gerade da Abhilfe schaffen?
Wenn das Konkordat nur auf Gewalttäter fokussiert wäre, hätte ich weniger Probleme damit. Die Gewaltdefinition wurde aber derart ausgeweitet, dass man von einer Art Sonderstrafrecht für Sportfans reden muss. Ein Massnahmenkatalog, der zudem Tausende von Zuschauern unter Verdacht stellt, verletzt die Verhältnismässigkeit und ist kontraproduktiv. Für Gewalttäter haben wir das Strafgesetzbuch, mit dem Straftaten schon heute geahndet werden können, und der Fussballclub kann Stadionverbote erteilen. Vielmehr macht es Sinn, auf eine gesunde Mischung von präventiven und repressiven Massnahmen zu setzten, um Gewalt einzudämmen.

Sie sprechen das sogenannte Basler Modell an. Funktioniert dieses Modell aus Ihrer Sicht?
Den Begriff Basler Modell mag ich nicht besonders, es geht nicht darum, uns abzugrenzen und aufzuzeigen, dass wir angeblich etwas besser machen als der Rest der Schweiz. In Basel haben wir aus Erfahrungen gelernt und einen gemeinsamen Weg entwickelt. Dazu gehören regelmässige Treffen aller Beteiligten auf verschiedenen Ebenen, wie den Verantwortlichen des FCB, der Polizei, Fanvertretern und uns von der Fanarbeit. Gerade nach negativen Vorfällen funktionieren diese Mechanismen gut, weil sachlich analysiert wird, ohne sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben und Polemik zu betreiben.

78 Vorkommnisse in Basel seit 2006 listet eine interne Liste des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) auf. Das widerspricht doch Ihrer Argumentation, dass man auf einem guten Weg sei.
Diese Liste ist mit Vorsicht zu geniessen, da sie nicht nach der Schwere von Ereignissen differenziert. Unter den 78 Vorfällen ist vom Bagatell­delikt wie einem Bierdosenwurf bis zum verletzten Polizisten alles dabei. Allein aufgrund dieser Liste lassen sich keine seriösen Aussagen machen. Aus der Liste lässt sich gerade vielleicht noch ablesen, dass die Mitteleinsätze, also der Einsatz von Gummischrot oder Tränengas, im Gegensatz zu früheren Jahren heute kaum noch nötig sind. Die Qualität der Erhebungen für diese Liste ist zudem von Kanton zu Kanton sehr verschieden, dabei ist die Gefahr gross, dass sie als politisches Instrument missbraucht wird.

Nehmen wir an, Basel tritt dem Hooligan­konkordat nicht bei. In Kraft gesetzt wird es aber trotzdem, weil andere Kantone beigetreten sind. Was soll dieser Widerstand dann noch?
Für den FCB-Fan, der an ein Auswärts­spiel geht, gilt das verschärfte Konkordat in den Kantonen, die beigetreten sind. Deshalb ist auch noch eine Beschwerde beim Bundesgericht von Grossrat Tobit Schäfer hängig. Wichtig ist aber, dass das Gesetz an seiner ganzen Tragweite gemessen wird – die Argumentation der «Kann»-Formulierungen und der pragmatischen Umsetzung ist trügerisch –, auch in Basel können die Entscheidungsträger wechseln.

Zurück zu Ihrem Engagement gegen das Konkordat. Sehen Sie sich nicht in einem Interessenkonflikt, weil Sie einerseits das Konkordat mit der Fanarbeit bekämpfen, diese aber gleichzeitig von der Regierung finanziert wird, welche die Verschärfungen befürwortet?
Diese Diskussion führen wir offen. Es gäbe meiner Meinung nach einen Interessenkonflikt, wenn meine Vorgesetzten mir sagen würden, dass ich mich in dieser Frage nicht politisch äussern dürfe oder mir eine Meinung aufoktroyiert würde, die ich fachlich nicht teile. Unsere Geldgeber sind sich bewusst, dass wir unabhängig sein müssen, um überhaupt arbeiten zu können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.07.2013, 14:29 Uhr

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