«Ich habe viele Angebote abgelehnt»

Ruedi Staechelin im grossen Interview zum Verkauf des Gauguin-Bildes, zur Zukunft der Sammlung und zur Entwicklung des Kunstmarktes.

Da herrschte noch Harmonie. Anna Maria und Ruedi Staechelin mit dem Direktor des Kunstmuseums Basel, Bernhard Mendes Bürgi (links), vor Paul Gauguins «Nafea».

Da herrschte noch Harmonie. Anna Maria und Ruedi Staechelin mit dem Direktor des Kunstmuseums Basel, Bernhard Mendes Bürgi (links), vor Paul Gauguins «Nafea».

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Herr Staechelin, welcher Preis wurde für das Gauguin-Werk «Nafea faa ipoipo» bezahlt?
Der Staechelin Family Trust hat das Bild verkauft, über den Verkaufspreis und den Käufer ist jedoch Stillschweigen vereinbart worden.

Das Werk wird jetzt als das teuerste Bild der Welt gehandelt. Stimmt das?
Ich darf keine Angaben zum Kaufpreis und zum Käufer machen. Es liegt allerdings auf der Hand, dass es sich nicht bloss um eine zweistellige Millionensumme handelt.

Weshalb hat der Trust gerade jetzt dieses Gauguin-Bild verkauft. Gab es nicht schon früher Angebote?
Da es bekannt ist, dass die Familie Staechelin viele Bilder, aber wenige andere Vermögenswerte hat, haben wir immer wieder Angebote für einzelne Werke bekommen. Natürlich auch für «Nafea» als eines der Meisterwerke von Paul Gauguin. Die Situation auf dem Kunstmarkt und das jetzige Angebot haben uns nun aber dazu bewogen, diesen Verkauf zu tätigen.

Mit dem durch die Ausstellung in der Fondation Beyeler erwachten Gauguin-Interesse hat das nichts zu tun?
Nein, das Angebot kam an mich gekommen und ich habe es dann den anderen Trustees vorgelegt. Sie haben sich dann zum Verkauf entschieden. Nicht gegen meinen Willen, wie ich ehrlicherweise sagen muss. Der Kunstmarkt ist gegenwärtig sehr stark. Ob er es in zehn Jahren noch sein wird, ist offen. Zudem verändert sich auch der Geschmack. Bilder des klassischen Impressionismus sind heute weniger Wert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Wie hängen die Familienstiftung und der Trust zusammen?
Der Trust ist ein angelsächsisches Modell, das aus Trustees besteht, die für alle Handlungen des Trusts haften. Der Trust besitzt konkret alle Bilder der Sammlung Rudolf Staechelin, die bis zur Schliessung als Leihgaben im Kunstmuseum Basel hingen.

Werden mit dem Trust Steuern in der Schweiz gespart?
Der Trust zahlt in der Schweiz keine Steuern, sondern in Amerika. Auszahlungen des Trusts an Familienmitglieder werden aber in der Schweiz versteuert, wesentlich höher als aus der damaligen Familienstiftung. Steuerliche Überlegungen waren jedoch nicht für die Gründung des Trusts massgebend, sondern drohende Exportbeschränkungen unserer Kunstwerke durch eine neues Kulturgütergesetz. Der Trust wurde übrigens in Zusammenarbeit mit den Basler Behörden Schritt für Schritt eingerichtet, um zu ermöglichen, dass die Bilder auch wieder aus Amerika zurückkommen können.

Aus Angst, die Bilder könnten die Schweiz nicht mehr verlassen, haben Sie sie nach Amerika gebracht. Wieso haben Sie die Sammlung trotzdem wieder zurück nach Basel geholt?
Ich wollte sie wieder nach Basel und ins Kunstmuseum zurückbringen. Ich schliesse auch heute nicht aus, dass die Sammlung oder zumindest einzelne Werke daraus wieder ins Kunstmuseum kommen. Im Moment ist das aber ausgeschlossen.

Wieso? In einem Jahr wird das erweiterte und sanierte Kunstmuseum wieder eröffnet und da wären die Bilder der Sammlung Staechelin in den neuen Räumen wiederum eine grosse Attraktion gewesen.
Ich möchte jetzt einfach erst mal abwarten. Man weiss ja auch noch nicht, wer der neue Direktor des Kunstmuseums sein wird und wie es mit der Kunstkommission weiter geht. Ich fühle mich im gegenwärtigen Umfeld persönlich und die übrigen Trustees juristisch nicht wohl.

Sie schliessen aber nicht aus, dass die Werke zu einem späteren Zeitpunkt wieder ins Kunstmuseum zurückkehren?
Ich schliesse gar nichts aus, muss aber auch betonen, dass nicht ich alleine entscheide. Der Trust ist auch mit anderen Museen im Gespräch, aber es ist noch nichts entschieden. Wahrscheinlich ist aber, dass die Bilder der Sammlung Rudolf Steachelin bei der Wiedereröffnung des Kunstmuseums Basel nicht zu sehen sein werden. Nicht zurückkommen wird «Nafea».

Auch nicht als Leihgabe der neuen Besitzer?
Ich gebe keinen Kommentar zum neuen Besitzer ab. Auch nicht, ob er aus Basel oder anderswo her kommt.

Sie sagen, dass Sie sich derzeit nicht sehr wohl im Umfeld des Kunstmuseums fühlen. Weshalb?
Ich war ja Mitglied der Kunstkommission, und dort herrschte eigentlich ein gutes Klima. Die Absetzung des Präsidenten Alex Fischer hat mich damals aber sehr getroffen. Seine Pläne, das Museum zu öffnen und ihm eine eigenständige juristische Stellung zu geben, fand ich richtig. Ohne ihn wäre der Erweiterungsbau gar nicht initiiert worden. Den Ausschlag für meine Demission in der Kommission hat dann aber die Wahl des neuen Präsidenten gegeben. Ich möchte aber betonen, dass ich nicht der Einzige bin, der sich vom Museum zurückgezogen hat. Bei aller Anerkennung dafür, was Maja Oeri für diese Stadt leistet, ist es schade, dass andere Gönner wegfallen. Matthias Eckenstein wollte dem Museum Millionen spenden, die jetzt an den Zolli geflossen sind. Die meisten Mitglieder des Patronatskomitees haben denn auch Verständnis für meine Demission gezeigt.

Welche Rolle spielt das Präsidialdepartement bei Ihrer Verstimmung?
Auf der technischen Ebene, bis hin zu Direktor Bernhard Mendes Bürgi habe ich gute Beziehungen. Das Präsidialdepartement ist hingegen für die politische Ausrichtung des Museums verantwortlich, und damit habe ich Mühe. Es war auch nicht richtig, wie man bei der letzten Direktionswahl mit dem damaligen Präsidenten der Kunstkommission, Peter Böckli, umgesprungen ist. Da schlägt die Findungskommission eine Person vor, und das zuständige Erziehungsdepartement wählt einfach für jemand anderen. Da muss sich eine Findungskommission schon sehr dumm vorkommen. Peter Böckli war übrigens nicht in die Einrichtung des Trusts involviert, wie in Ihrem Artikel beschrieben.

Hat Ihnen das Ausscheiden aus der Kunstkommission Kritik eingebracht?
Ich persönlich sah mich zu diesem Entscheid gezwungen. Was andere darüber denken, ist mir ziemlich egal. Ich bewege mich nicht in den Kreisen der sogenannten High Society. Ich brauche da nicht ständig Streicheleinheiten der besseren Kreise.

Nochmals zurück zum «Nafea»-Verkauf. In den Statuen ist davon die Rede, dass Verkäufe nur bei einer Notlage in der Familie getätigt werden dürfen. War das jetzt der Fall?
Es geht nicht um eine finanzielle Notlage, sondern um eine bessere Vermögensverteilung zum Wohle der Familie. Der von Ihnen zitierte Artikel in den Statuten ist auch nicht mehr in Kraft, weil die Familienstiftung gar nicht mehr Eigentümerin der Bilder ist, sondern der Trust. Gemäss seinen Statuten von 1931 hätte der Stiftungsrat der Staechelin’schen Familienstiftung jeden Paragrafen ändern und die Stiftung sogar auflösen können. Ob das auch wirklich juristisch haltbar gewesen wäre, sei dahingestellt. Ich betone aber: Der Zweck einer Familienstiftung oder auch des Trusts ist die Unterstützung der Familie. Es geht also nicht primär um den Erhalt einer Sammlung. Die Stiftung oder der Trust verwaltet einen Teil des Privatvermögens der Familie.

Weshalb hat Ihr Grossvater die Sammlung überhaupt angelegt?
Sicher aus Liebe zur Kunst und nicht in erster Linie als Vermögensanlage. Damals waren aber auch andere Zeiten. Er konnte es sich leisten, neben seinem Eigentum auch noch eine Kunstsammlung zu haben. Ich glaube aber nicht, dass sich mein Grossvater im Grab umdrehen würde, wie Sie gestern schrieben, wenn er wüsste, dass heute über 90 Prozent des Familienvermögens in diesen Bildern liegen. Er hätte nie sein ganzes Vermögen in eine Kunstsammlung investiert. Aber es ist müssig, zwei Generationen später darüber zu sinnieren, was mein Grossvater getan hätte und was nicht.

Haben Sie sich lange gegen weitere Verkäufe aus der Sammlung gesträubt?
Es gab immer wieder Angebote für Werke. Ich habe sie ausgeschlagen und nicht einmal an den Stiftungsrat oder die Trustees weitergeleitet.

Wie viele der einst 150 Bilder sind denn heute noch in der Stiftung?
Heute beträgt die Substanz noch weniger als etwa die Hälfte wie zu Zeiten meines Grossvaters. Schon vor dem Gauguin-Verkauf sind einige wichtige Werke veräussert worden. Es gibt aber auch eine schöne Seite: Zwei der wichtigsten Picasso-Bilder aus der Sammlung Staechelin hat Basel erworben, zu einem damals sehr fairen Preis. Das war ein Erfolgserlebnis für die Stadt, nicht für unsere Familie. Ich habe diese Zeiten alles andere als positiv erlebt. Doch wenn die Werke der Sammlung Staechelin jetzt aus dem Kunstmuseum abgezogen werden, so bleiben der Stadt doch zwei schöne Bilder meines Grossvaters erhalten.

Laufen bereits Verkaufsverhandlungen über weitere Werke aus der Sammlung Rudolf Staechelin?
Nein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.02.2015, 10:37 Uhr

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