«Ich hoffe, dass das Stimmvolk das begreift»

Reto W. Kressig, ärztlicher Direktor Felix Platter-Spital, sieht bei einer Spitalfusion nur Vorteile für ältere Patienten.

Vor Veränderungen: Reto W. Kressig arbeitet ab kommendem Frühjahr im Neubau des Felix Platter-Spitals.

Vor Veränderungen: Reto W. Kressig arbeitet ab kommendem Frühjahr im Neubau des Felix Platter-Spitals. Bild: Florian Bärtschiger

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BaZ: Weshalb hätte Ihrer Meinung nach die Spitalfusion positive Auswirkungen auf ältere Menschen?

Reto W. Kressig: Ich glaube, die Gesundheitsversorgung der Zukunft wird auf einer integrativen Ebene stattfinden müssen. Auch die Altersversorgung muss gut eingebettet in der medizinischen Landschaft sein. Das heisst, dass alle gesundheitsmedizinischen Angebote gut koordiniert sind und gezielt denen zur Verfügung stehen, die sie brauchen. Aufgrund unserer bereits heute engen Zusammenarbeit mit der Notfallstation des Universitätsspitals Basel werden nach einer Spitalfusion noch mehr ältere Patienten direkten Zugang zu den spezialisierten akutgeriatrischen Leistungen haben.

Gerade unter der älteren Bevölkerung wurden jedoch Ängste laut, dass eine Unterversorgung droht.

Die Angst, dass man plötzlich zu wenig Betten hat, ist nicht gerechtfertigt. Wir haben in unserem Neubau 280 Betten und können bei Bedarf 307 zur Verfügung stellen. Zur Not hätten wir im vierten Stock noch eine Fläche, die wir ausbauen und mit weiteren 46 Betten bestücken könnten. Im Übrigen stehen auf dem Bruderholz bis zur Umsetzung der Fusion im Jahr 2026 rund 50 Betten zur Verfügung, in Liestal wurden zusätzliche 15 für das Oberbaselbiet geschaffen, das Adullam Spital könnte die Kapazität auch hochfahren.

Wie steht es, wenn diese Betten nicht gebraucht werden? Steht dann eine ganze Abteilung leer?

Ja, das Adullam Spital beispielsweise hat tatsächlich eine Abteilung, die leer steht. Wir haben damit weniger Probleme. Wir bieten neben Akutgeriatrie ja auch Rehabilitation und Alterspsychiatrie an. Die Betten bei uns sollten auch künftig, also mit Betriebsaufnahme im Neubau, voll sein. Doch wir müssen eine gewisse Elastizität haben. Wenn eine Grippewelle kommt, müssen wir rauffahren und danach, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, wieder runterfahren können.

Man hört von der Basler SP, dass sie sich eher für die Fusion hätte erwärmen können, wenn man auf dem Bruderholz auf Betten verzichtet hätte? Ist es überhaupt sinnvoll, diese 45 Betten mehrere Jahre weiterzubetreiben?

Nein, wenn das Bruderholz als ambulantes Zentrum ohne nächtlich vorhandene medizinische Infrastruktur betrieben werden soll, gehören dort keine akut-medizinischen Betten hin. Das Personal von Radiologie und Labor kann ja nicht abends die Lichter löschen und nach Hause gehen, wenn akut-kranke Patienten im Haus sind, die auch nachts oder an Wochenenden Komplikationen machen können.

Was bedeutet für die älteren Leute die Fusion konkret?

Ich sehe es als ungemeine Chance hin zu einer Qualitätsverbesserung. Leistungen können viel zentrierter und gebündelter angeboten werden. Das ist für ein im System eingebettetes Geriatriespital enorm wichtig. Viele Leute wissen gar nicht, was Akutgeriatrie ist.

Erklären Sie es?

Akutgeriatrie beinhaltet akut-medizinische Leistungen bei gleichzeitig intensivsten physiotherapeutischen Massnahmen, damit der ältere Mensch während der Bettlägerigkeit nicht an Kraft und Funktion verliert. Als Beispiel: Ältere Patienten mit einer schweren Lungenentzündung erhalten auf einer Akutgeriatrie im Gegensatz zu solchen auf einer Station der Inneren Medizin nicht nur eine Infusion mit Antibiotika, sondern fast von Beginn weg intensivste frührehabilitative Massnahmen wie Physiotherapie oder eine geeignete Muskelaufbau-Kost. So ist die Chance am grössten, dass sie wieder nach Hause können. Das koordinierte Anbieten von solch intensiven frührehabilitativen Massnahmen ist für ein Spital eine riesige logistische Herausforderung.

Viele Leute, vor allem auch die Bruderholz-Bewohner, hängen am Standort Bruderholz. Was sagen Sie denen?

Ich verstehe ihre Ängste. Doch wenn die Fusion nicht zustande kommt, wird sich nicht die Frage stellen, ob man durch die Stadt ins Spital fahren muss. Dann wird sich die Frage stellen, ob man nach Zürich oder Bern fahren muss. Basel würde in 10, 15 Jahren keine Spitzenmedizin mehr haben. Und zwar, weil es sich nicht mehr rechnet.

Warum nicht?

Sehen Sie, das DRG-System, das seit einigen Jahren in Kraft ist, schreibt ganz klar Kosteneffizienz und Wirtschaftlichkeit vor. Zudem hat es einen hohen Qualitätsanspruch. Also bekommt ein Spital, das gewisse Behandlungen nicht in einer Mindestanzahl machen kann, die Bewilligung nicht mehr. Ich hoffe, dass das Stimmvolk das begreift. Wir haben jetzt sehr gute Mediziner in der Region Basel. Diese würden schnell reagieren und gehen, mit fatalen Konsequenzen für unsere regionale Gesundheitsversorgung. Ich bin manchmal ziemlich beunruhigt, wenn ich höre, welche Ansprüche die Leute haben. Da will man innert einer Viertelstunde im Spital sein und dort auf jeden Fall eine umfassende Gesamtversorgung haben. Das passt nicht zusammen. Denken Sie nur an Amerika. Dort gibt man pro Kopf noch mehr für die Gesundheit aus als in der Schweiz und muss je nach Wohnlage Stunden zum nächsten Spital fahren.

Doch nochmals zurück: Was würde sich denn in der Geriatrie nach einer Fusion konkret ändern?

Die altersmedizinische Versorgung wird sich verbessern. Man kann die Patientenströme und Schnittstellen einfacher bearbeiten. Nach einer Fusion hätten wir nicht mehr x Ansprechpartner, sondern nur noch einige wenige, und das würde uns enorm entlasten.

Wird es auch nach dem Umzug in den Neubau eine gewisse Entlastung geben? Den beziehen Sie ja im kommenden Frühling.

Ja, jetzt haben wir die Bereiche auf verschiedene Gebäude aufgeteilt. Dann werden alle Leistungen unter einem Dach vereint sein. Wir führen aktuell auch ein neues multiprofessionelles Krankeninformationssystem ein. Die Dokumentation, Planung und Steuerung medizinischer Leistungen wird damit massiv erleichtert. Wir sind das erste Haus in der Schweiz, das ein solches von allen Professionen gemeinsam benutztes elektronisches System haben wird. Damit wird die Informationsqualität zwischen Ärzten, Pflegenden und Therapeuten massiv verbessert.

Für Sie gibt es also nur ein Ja im Februar zur Spitalfusion.

Ja, man muss die Fusion unterstützen, wenn man will, dass Basel nicht in der medizinischen Bedeutungslosigkeit versinkt. Doch eben, es ist auch eine grosse Chance im Sinne einer Qualitätsverbesserung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.12.2018, 05:12 Uhr

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