Im Frühling haben die Bettler Hochsaison

In Basel gehören sie mittlerweile zum Strassenbild – die einen kommen in Gruppen, andere sind Einzelkämpfer. Für sie stellen Bettlerbanden das grösste Problem dar.

Verkommen: Während einige fixe Plätze zum betteln haben, quälen sich andere durch die Tage auf der Strasse.

Verkommen: Während einige fixe Plätze zum betteln haben, quälen sich andere durch die Tage auf der Strasse.

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Tonja* sitzt schon seit Stunden auf der Bank vor dem Bahnhof. Sie hat ein paar Franken bekommen, damit kauft sie sich Brot und einen Cervelat. Die Frau, mit den langen Haaren – oben grau, unten schwarz – und der breiten Zahnlücke ist mit wenig zufrieden. Mal eine Suppe im Treffpunkt Glaibasel, ein paar Gratiskleider von der Caritas, ein Plätzchen zum Schlafen am Flughafen. «Ich stamme aus Spanien», erzählt die 62-Jährige, die nur gebrochen Deutsch spricht. Früher habe ihr noch ihre Schwester ein wenig unter die Arme greifen können, doch diese habe ihr Haus verkaufen müssen und finde keine Arbeit mehr. Sie selbst sei nach der Trennung von ihrem Mann nicht mehr richtig im Kopf. Nun habe sie eine kleine IV-Rente von 600 Franken. Damit müsse sie durchkommen. Weiter vorne steht ein kleiner dünner Handorgelspieler. Soeben unterbricht er sein Spiel und redet mit einem Kollegen an Krücken, der seinerseits die Bettelarbeit unterbrochen hat. Sie seien von Mülhausen. Dann winken sie ab. Mehr wollen sie nicht sagen, schon gar nicht der Presse.

«Die Banden sind ein Problem»

Ja, sagt Silvano*, der inzwischen zu Tonja gestossen ist und sich auskennt. «Diese Banden sind ein Problem.» Viele seien Roma aus Rumänien mit Camps in Mülhausen. Der Handorgelspieler und der Behinderte sind denn auch nicht allein. Bei den Bänken warten zwei weitere Männer, die die Situation beobachten und ihre Kollegen auf Betteltour zwischendurch mit Brot und Käse aus dem Rucksack verpflegen. «Die meisten kommen morgens und gehen abends nach Mülhausen zurück. Doch einige schlafen auch im Flughafen. Dort ist es warm und wenn man sich anständig benimmt, kann man dort in Ruhe übernachten», sagt Silvano.

Auf Anfrage erklärt Martin Schütz, Mediensprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements, dass das Phänomen der Bettlerbanden nicht neu sei: «Vor allem in den Frühlingsmonaten stellen wir jährlich eine Zunahme fest, so auch in diesem Jahr.» Laut Schütz habe die Kantonspolizei aber ein besonderes Augenmerk auf die Problematik und verfolge die vor allem aus dem osteuropäischen Raum stammenden Bettlerbanden konsequent. «Da Betteln im Kanton Basel-Stadt verboten ist, werden Personen, die beim Betteln von der Polizei angehalten werden, mit 50 Franken gebüsst.» Zudem sind mit den Bussen auch ausländerrechtliche Massnahmen verbunden, wie Mediensprecher Martin Schütz weiter sagt: Werde eine Person mehrmals beim Betteln aufgegriffen, werde sie an das Migrationsamt für eine Massnahme weitergemeldet – konkret eine Wegweisung vom Kantonsgebiet. Mit dieser Vergällungstaktik habe man in den letzten fünf Jahren «gute Erfahrungen» gemacht, erklärt Schütz weiter. «Dass die Polizei das Bettelgeld sicherstellt, spricht sich bei den organisierten Banden relativ schnell herum, was wiederum zu einer raschen Abnahme der Bettelaktivitäten führt.»

Behörden drängen zur Sozialhilfe

Thomas mit seinem Standplatz vor dem Migros-Drachencenter in der Aeschenvorstadt ist schon fast eine Institution. Er steht zu seinem Vornamen und er hat gar einen gewissen Berufs­stolz. «Seit zwei Jahren bin ich in Basel», erzählt der gebürtige Berner. Dort habe er noch versucht, Fuss zu fassen und bei einem Bauern zu arbeiten. Doch er sei gescheitert. Einen Job zu finden, das könne er gleich vergessen, da heisse es immer, er sei mit seinen 48 Jahren zu alt. So habe er sich aufs Betteln verlegt.

Die Leute seien anständig mit ihm und teilweise auch grosszügig. Er beziehe weder IV noch Sozialhilfe. Nur dass er keine Krankenkasse habe, sei ein Schönheitsfehler, da wolle er nun etwas unternehmen. Doch die Behörden drängten ihn dazu, sich bei der Sozialhilfe anzumelden. «Dann hätten sie mich besser unter Kontrolle», sagt er. Doch Thomas will sich seine Eigenständigkeit bewahren. Er wisse ja, dass Betteln illegal sei, doch besser als dem Staat auf der Tasche zu liegen sei es allemal.

Thomas ist ein Bettler der angenehmeren Sorte, offen und gesprächig. Schwieriger ist es mit denjenigen, die in Banden kommen, kaum Deutsch sprechen oder gar mit ihren Kindern zusammen betteln. Andere können auch aggressiv werden, wie ein Beispiel vom Mittwochabend zeigt. Gegen 19 Uhr sitzt ein Mann vor dem Unternehmen Mitte beim Feierabendbier. Da kommt eine osteuropäisch aussehende Frau mit einem Kinderwagen daher und hält ihm eine halbwelke Rose hin. Mit der anderen Hand verlangt sie Geld als Gegenleistung für die Rose. Sie sagt «bitte» und lächelt gequält. Als der Mann ablehnt, reagiert sie äusserst gereizt und stapft davon. Ihre Wut bekommt der Kleine im Kinderwagen zu spüren, der sich mit Tränen in den Augen an seinem Becher aus dem Mc Donald’s hält. * Namen der Redaktion bekannt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.04.2015, 06:58 Uhr

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