Ist Tiefbauamt schuld an Havarie?

Vor ihrer Havarie unterhalb der Dreirosenbrücke konnte die «Merlin» jahrelang an weniger gefährlicher Stelle arbeiten. Dann änderten die Behören die Vorschriften – und das Baggerschiff kenterte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anfang August kenterte unterhalb der Dreirosenbrücke das Kranschiff Merlin mit drei Personen an Bord. Wie durch ein Wunder kamen dabei keine Menschen zu Schaden. Der Kapitän des Schiffes rettete sich in extremis, indem er während des Kenterns auf die Schiffsunterseite kletterte. Im Anschluss an die Havarie kam es zur Kollision mit dem Passagierschiff Olympia, das rheinabwärts fuhr und nicht mehr rechtzeitig abdrehen konnte. Dieses prallte anschliessend mit dem Bug noch gegen das am Ufer vertäute Hotelschiff Lafayette.

Der Unfallhergang und die Ursache werden von den Behörden untersucht. Kurz nach der Havarie hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ein Ermittlungsverfahren wegen Störung des öffentlichen Verkehrs eingeleitet. Untersucht wird etwa, warum das Schiff ins Kippen geriet und ob das missglückte Wendemanöver des Passagierschiffs Olympia ein Fehlentscheid des Kapitäns war.

6000 Tonnen weggeschafft

Recherchen der BaZ zeigen nun, dass auch die Basler Verwaltung eine Mitschuld an der Havarie treffen könnte, wenn auch wohl keine juristische. Denn der Unfall ereignete sich, kurz nachdem das Tiefbauamt dem Besitzer der «Merlin» neue Vorschriften gemacht hatte, wo das Schiff zu entladen sei. Das Kranschiff gehört der Firma Schweizer Wasserbau AG aus Birsfelden. Diese erledigt im Auftrag des Kraftwerks seit Jahren Baggerarbeiten.

Durch das Nebeneinander von Kraftwerk und Schleuse kommt es dort zu verschiedenen Strömungen, die das Geschiebe, welche das Kraftwerk passiert, flussaufwärts in den Bereich unterhalb der Schleuse drücken. Rund 3000 Kubikmeter müssen deshalb im Schnitt pro Jahr aus dem Abschnitt gebaggert werden. Das entspricht gut 6000 Tonnen. Diese Arbeit dauert jeweils zwischen zwei bis drei Wochen.

15 Jahre ohne Probleme

Das Geschiebe, das vor allem aus Schlamm, Kies und Holzstückchen besteht, wird anschliessend wieder zurück in den Rhein gegeben und weitergeschwemmt. Bis anhin konnte die «Merlin» dafür quasi ums Eck fahren und das Material unterhalb des Kraftwerks – keine 100 Meter Fahrt – wieder in den Rhein geben. Dabei wurden jeweils die entsprechenden Wehrfelder des Kraftwerks geschlossen und die Strömung so positiv beeinflusst.

15 Jahre lang wurden die Baggerarbeiten so erledigt. Doch dieses Jahr änderte das Tiefbauamt die Vorschriften – dies in Absprache mit den Schweizerischen Rheinhäfen und dem Amt für Umwelt und Energie. Neu musste das Geschiebe unterhalb der Stadt wieder in den Rhein gegeben werden. «Der neue Standort ist für uns mit einem deutlichen Mehraufwand von über zwei Stunden pro Tag verbunden und wie man jetzt gesehen hat, auch nicht ganz ungefährlich», sagt «Merlin»-Besitzer Thomas Schweizer. Zumal die Aufträge oft unmittelbar nach einem Hochwasser bei noch immer starker Strömung erledigt werden müssen. Tatsächlich kenterte das Schiff bei einer der ersten Fahrten nach dem neuen Regime. Offenbar konnten die Sicherungspfosten, welche im Schiffsrumpf eingebaut sind, nicht im Flussgrund verankert werden. Daraufhin geriet das Schiff in Schieflage und die Ladung ins Rutschen. Die starke Strömung brachte die «Merlin» dann vollends zum Kentern.

Untersuchungen dauern an

«Das Tiefbauamt muss als Daueraufgabe sicherstellen, dass das Material an möglichst optimalen Stellen abgeladen wird», begründet Pressesprecher André Frauchiger den Entscheid. Seit Anfang 2014 vermisst das Tiefbauamt den Rhein mit einem sogenannten Fächerecholot. «Wir können nun genau bestimmen, wo das Baggermaterial sinnvollerweise abzulagern ist», sagt Frauchiger. Wenn das Material unterhalb des Kraftwerks abgeladen werde, bestehe die Gefahr, dass sich das Material anschliessend in der Schifffahrtsrinne ablagert.

Doch die Beeinträchtigung, die das havarierte Schiff seit Wochen darstellt, dürfte deutlich schwerer wiegen als das Geschiebe. Unklar ist, ob das Tiefbauamt sich den Standort für den Materialablad nochmals überlegt. «Dazu können wir uns zum heutigen Zeitpunkt, da die laufenden Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, nicht äussern», sagt Frauchiger. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.09.2014, 10:43 Uhr

Artikel zum Thema

Die «Merlin» könnte noch lange im Hafen liegen

Die Bergung des Schiffswracks gestaltet sich schwieriger als angenommen. Die Verhältnisse haben sich seit der Havarie stark verändert. Mehr...

Deutscher Havarie-Experte für «Merlin»-Bergung beigezogen

Das Baggerschiff dürfte noch mindestens eine Woche kieloben im Rheinhafen liegen. Weil derartige Havarien so selten sind, haben sich die Schweizerischen Rheinhäfen Unterstützung aus dem Ausland geholt. Mehr...

Bergung der Merlin ist erst in Planung

Noch ist unklar, wann das am Montag auf dem Rhein bei Basel gekenterte Kiesschiff Merlin geborgen werden kann. Wegen der starken Strömung des Flusses und der Lage des Schiffes wird mit einer schwierigen Bergung gerechnet. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Kommentare

Blogs

Geldblog Wachstum oder Ertrag?
Mamablog Ach, das kinderlose Leben…

Die Welt in Bildern

Bis die letzte Strähne sitzt: Eine Assistentin toupiert die Haare Donald Trumps in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin. (17. Oktober 2017)
(Bild: Fabrizio Bensch) Mehr...