«Kältewelle hat Insekten nicht dezimiert»

Die Insekten sind mit der frostigen ersten Februarhälfte gut klargekommen. Die Basler Biologin Eva Sprecher erklärt, was wirklich entscheidend für das Schicksal von Wespen, Mücken und Schmetterlingen ist.

«Angenommen, der Frühling ist nasskalt, haben die Wespen-Königinnen weniger Chancen, ein Volk aufzubauen.»

«Angenommen, der Frühling ist nasskalt, haben die Wespen-Königinnen weniger Chancen, ein Volk aufzubauen.» Bild: Keystone

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Immer wieder ist zu hören, dass ein kalter Winter den Mücken in spürbarer Weise den Garaus macht. Stimmt das?
Der Winter ist immer ein Engpass für Lebewesen. Sie müssen Strategien entwickeln, um die Kälte durchzustehen. Ein anhaltend kalter Winter ist sicher selektiv: Die Stärksten überleben. Wesentlich gefährlicher wird es aber, wenn der Winter nur mässig kalt und zudem noch feucht ist. Dann können sich gewisse Bakterien und Pilze besser entwickeln. Ein Insekt in einer Ruhephase ist besonders anfällig auf Pilzbefall. Feuchtwarmes Wetter kann sich also viel negativer auswirken als ein strenger Winter. Kritisch wird dies im Frühling, wenn die Insekten wieder erwachen...

... und dann nochmals von einer Kältewelle überrascht werden.
Nach der Winterstarre steht die Nahrungssuche im Vordergrund. Wenn der Organismus bereits auf den Frühling eingestellt ist und ihm dabei frostige Temperaturen einen Strich durch die Rechnung machen, kann dies verheerend sein. Starke Temperaturschwankungen sind schwieriger als anhaltende Kälte.

Wird dieser Winter in sonst einer Form Auswirkungen auf den Insektenbestand haben?
Eher nicht. Wesentlich bedeutsamer waren der warme Frühling sowie der letztjährige Sommer. Das war optimal für die Insekten. Sie konnten sich prächtig entwickeln, was einen guten Start in den Winter ermöglichte. Deshalb nehme ich an, dass die Insekten gut überwintert haben. Die Kälteperiode hat in geringem Ausmass geschadet. Die einheimischen Insekten sind an diese Temperaturen angepasst und diese Kältewochen waren nichts Aussergewöhnliches – strenge Winter gab es schon immer.

Welche Arten sind resistenter und welche anfälliger auf Kälte?
Aus dem Süden eingewanderte und eingeschleppte Arten sind nicht so gut an unsere Winter angepasst. Schlussendlich entwickeln die Insekten aber auch ganz verschiedene Strategien. Die meisten produzieren einen körpereigenen Frostschutz ein in Form von Alkohol, Glycol oder gewissen Zuckern und Eiweissen. Andere überwintern tief im Boden oder verkriechen sich in Ritzen von Dachstöcken, Kellern, Schächten und Kanalisationen.

Angenommen, dieser Frühling fällt nasskalt aus, welche Plagegeister dürften dadurch reduziert werden?
Beispielsweise die Wespen, die im Spätsommer lästig werden können. Nur Königinnen überwintern und müssen im Frühling bei null beginnen, das heisst ein Nest bauen, die Brut aufziehen und Futter beschaffen, bis die ersten Arbeiterinnen einsatzbereit sind. Das ist eine kritische Phase. Angenommen, der Frühling ist nasskalt, haben die Wespen-Königinnen weniger Chancen, ein Volk aufzubauen. Die Fliegen haben da bessere Bedingungen, da sie leicht in Gebäuden Unterschlupf finden können. Bei den Stechmücken überwintern die befruchteten Weibchen in Kellern, Ställen, Schächten und ähnlichen Orten und legen im Frühling nach einer Blutmahlzeit Eier im Wasser ab. Wir Menschen bieten also den Fliegen und Mücken ungewollt Überwinterungsplätze an. Libellen-Larven und andere Tiere, die auf dem Grund von Gewässern überwintern, überstehen einen kalten Winter gut. Die Teiche müssen aber tief genug sein, damit sie nicht bis zum Grund durchfrieren.

Und wie sieht es mit Schädlingen in der Forstwirtschaft aus? Beispielsweise mit dem Borkenkäfer.
Das hängt nicht zuletzt von den Bäumen ab. Die letztjährige Trockenheit verursachte eine Art Stress bei den Bäumen. In einer solchen Situation sind sie anfälliger auf Borkenkäfer. Diese können dank Frostschutz gut überwintern. Dieser Winter dürfte die Borkenkäfer nicht dezimiert haben.

Haben klimatische Veränderungen in den letzten paar Jahren einen einschneidenden Einfluss auf die Insekten-Welt der Region Basel gehabt?
Die wärmeren Sommer haben bewirkt, dass neue Arten sesshaft geworden sind. Dabei spreche ich nicht von eingeschleppten Insekten, sondern von Einwanderungen aus dem Süden. Beispiele dafür sind das Taubenschwänzchen, eine Schwärmer-Art oder die Holzbiene. Diese haben hier gut Fuss gefasst.

Stellen solche Einwanderer eine Bedrohung für die einheimischen Arten dar?
Die genannten Beispiele nicht. Viel schlimmer sind die vom Menschen eingeschleppten Arten, zum Beispiel der Asiatische Marienkäfer, welcher seine europäischen Verwandten verdrängt. Das hat aber nichts mit dem Klima zu tun. Der Asiatische Marienkäfer wurde als Schädlings-Vertilger eingeführt. Nun begnügt er sich nicht mit Blattläusen, sondern macht auch vor Eiern und Larven einheimischer Marienkäfer nicht halt. Da sie grösser sind als die europäischen Käfer, sind sie die effizienteren Blattlaus-Fresser. Jedoch wurden ihre Feinde nicht auch miteingeschleppt, daher können sie sich erst recht breit machen. Das alles ist menschen- und nicht klimagemacht.

Wurde durch solche Eingriffe auch die Nahrungskette gestört?
Insekten gibt es genug, um die Nahrungskette aufrecht zu erhalten. Das Problem ist eher die Abnahme der Artenvielfalt. Für die Abnahme der Biodiversität ist jedoch nicht in erster Linie das Klima, sondern das Fehlen von Lebensräumen schuld. In säuberlich herausgeputzten Parkanlagen finden sich keine Nischen wie Stängel, Laub- und Asthaufen oder Tannennadeln mehr. Daher wird es für manche Insekten schwieriger, im Winter Unterschlupf zu finden.

Womit wir wieder beim Thema Überwinterung sind. Inwiefern ist der Organismus der Insekten auf Kälte vorbereitet?
Viele Insekten sind einem Zyklus unterworfen. Sie sterben im Herbst und hinterlassen dann Eier, Puppen oder Larven. Andere Arten überwintern. Sobald die Temperaturen langsam zurückgehen, beginnen sie rechtzeitig, einen Frostschutz einzulagern, damit ihr Körpersaft, die Hämolymphe nicht gefriert. Ansonsten würde es ihre Zellen sprengen. Manche Schmetterlings-Arten geben zudem noch vor der Überwinterung Körperflüssigkeit ab, damit diese nicht gefriert. All diese Strategien machen den Winter überlebbar. Anders wäre es jedoch, wenn wir ein Insekt packen und in den Tiefkühler stecken würden. In diesem Fall hätte es keine Zeit, einen Frostschutz zu bilden.

Wie lautet Ihre Insekten-Prognose für dieses Jahr?
Wir haben mit einem normalen Insekten-Jahr zu rechnen. Ich denke nicht, dass zwei Wochen Kälte ausgereicht haben, die Populationen in aussergewöhnlichem Mass zu dezimieren. Jede Kältephase ist selektiv, dies ist ein natürlicher Prozess. Dieser Winter dürfte sich im normalen Rahmen bewegen. Mit Frostschutzmittel und Überwinterungs-Nischen sind einheimische Insekten dafür gerüstet. Was die Insekten-Menge anbelangt, so nimmt der Mensch die Dinge anders war. Jedes Jahr ist beispielsweise eine Diskussion über die Wespen-Plage im Gange. Dies mag zwar punktuell zutreffen, doch insgesamt bleiben die Populationen im gleichen Rahmen. Hinzu kommt noch, dass der Mensch den Insekten ideale Überwinterungsplätze anbietet, so etwa den Fliegen, die in allen Stadien überwintern und aktiv werden, sobald es genug warm ist. Kein Wunder also, dass sich in der Nähe des Menschen stets viele Insekten aufhalten.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.02.2012, 09:52 Uhr

Eva Sprecher (58) ist Kuratorin am Naturhistorischen Museum Basel. Die Biologin ist spezialisiert auf Insekten, insbesondere Käfer. Sie hat schon Forschungen zu den Hirschkäfern im Raum Basel sowie zu Blattkäfern im Himalaja durchgeführt.
(Bild: zVg)

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