Körner im Sekundentakt

Das Gundeldingerquartier leidet unter einer Taubenplage – schuld sind die Fütterer.

Gurr, gurr, gurr. Im Gundeldinger Quartier sind die Tauben weitverbreitet, was Anwohner und Gewerbetreibende massiv stört.

Gurr, gurr, gurr. Im Gundeldinger Quartier sind die Tauben weitverbreitet, was Anwohner und Gewerbetreibende massiv stört. Bild: Christian Merz

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Die alte Frau mit dem grünen Kopftuch sitzt auf einem Bänkli am Tellplatz. Ihre Füsse stecken in alten Turnschuhen, ihr Körper ist in einen viel zu grossen Trenchcoat gehüllt. Alle paar Sekunden verschwindet die rechte Hand der Seniorin in der Manteltasche, greift ein paar Körner und streut diese auf den Boden. Dort warten rund 15 Tauben auf die nächste Portion. «Wissen Sie, dass man Tauben nicht füttern soll?», frage ich. Die alte Frau versteht mich nicht oder gibt dies zumindest vor. Und wieder verschwindet ihre Hand in der Tasche.

Es sind Taubenfütterer wie sie, die es zwar gut meinen, damit aber Schaden anrichten. «Wenn Tauben ein Überangebot an Nahrung vorfinden, können sie ganzjährig brüten und sich viel zu stark vermehren», sagt der Basler Uniprofessor und Taubenforscher Daniel Haag-Wackernagel. Rund 5000 bis 8000 der grauen Vögel leben in der Stadt Basel. Aktuell werde anscheinend wieder vermehrt gefüttert, was zu einer Erhöhung des Bestandes geführt habe, bestätigt Haag-Wackernagel die Wahrnehmung vieler Anwohner sowie einen Artikel der Gundeldinger Zeitung. Dies ist in erster Linie für die Tiere selber problematisch. Die hohe Dichte der Population führt zu Stress und fördert die Verbreitung von Krankheiten und Parasiten.

Betroffen sind von der Taubenplage vor allem das Gundeli, das St. Johann und das Kleinbasel. In diesen Gebieten sind die Tiere in Parkanlagen, auf Plätzen und Gebäuden omnipräsent. Sie gurren und scharren und flattern. Und wecken in vielen Passanten und Anwohner ein Gefühl von Ekel. Ihre zum Teil deformierten Beine, das von Krankheiten zerfressenes Gefieder und vor allem der von Parasiten besiedelte Kot, den die Stadttauben von jedem Mauervorsprung, jeder Strassenlampe und jedem Fenstersims absetzen, widert viele Menschen an. Ein Gefühl, das nicht unbegründet ist: Viele der Krankheitserreger sind unter anderem über die Ausscheidungen auch auf Menschen übertragbar. Im Jahr 2015 wurde ein Mann in seiner Wohnung in Basel mehrfach von Taubenzecken befallen, was bei ihm eine heftige allergische Reaktion auslöste.

Füttern ist Tierquälerei

In den Städten hat man schon vieles versucht, um die Taubenpopulation einzudämmen. In Basel wird seit 2005 nicht mehr auf die Vögel geschossen. Nicht nur aus Tierschutzgründen; es sei zudem nicht zielführend, hiess es damals bei den Behörden. Genauso wenig wie das Vergiften oder die speziell für Tauben entwickelte Antibabypille. Beim «Basler Modell», das auch von anderen Städten in Europa übernommen wurde, setzt man unter anderem auf staatliche Taubenschläge, die für Sauberkeit sorgen sollen. Ausserdem können dort die Eier der Tiere gegen Attrappen ausgetauscht werden, um die Fortpflanzung zu bremsen.

Solange jedoch gefüttert wird, hilft das alles nicht genug. Hauptanliegen von Haag-Wackernagel und den Behörden ist es daher, die Personen zu stoppen, die mit Säcken voller Brot oder Körnern auf Füttertour gehen. «Das Nahrungsangebot zu verringern, ist die einzige wirklich effektive Methode», sagt Haag-Wackernagel.

Verboten ist das Füttern in Basel, anders als beispielsweise in Zürich, nicht. Entsprechend kann auch nicht gebüsst werden, weshalb die Behörden auf die Sensibilisierung der Bevölkerung setzen. Vergangenes Jahr wurden Plakate aufgestellt, um zu zeigen, dass Taubenfüttern nichts Gutes, sondern eigentlich Tierquälerei ist. Offenbar mit mässigem Erfolg: «Es ist trotzdem schlimmer geworden», sagt Gabriele Frank, Geschäftsstellenleiterin der Quartierkoordination Gundeldingen. Nicht nur Anwohner würden sich daran stören, auch Gewerbetreibende hätten mittlerweile Probleme mit den Vögeln.

Ein Inhaber eines Gastrobetriebs an der Güterstrasse, möchte anonym bleiben, um keine Gäste zu vergraulen, sagt aber: «Ich hatte auch schon Tauben im Betrieb. Die kommen mit den Gästen durch die Türe herein und flattern dann panisch herum.» Für die Hygiene im Betrieb sei das verheerend. «Wir müssen dann alles reinigen und desinfizieren.» Trotzdem: Habe ein Gast einmal eine Taube im Essen gehabt, komme er wohl kaum noch einmal ins Lokal.

Lösungssuche im Gundeli

Anwohner leiden besonders unter dem Kot der Vögel. Alle 30 Minuten lässt eine Taube ein Häufchen fallen. Auf Balkone, Strassen, Fassaden. Die Ausscheidungen sind nicht wasserlöslich, haben eine ätzende Wirkung und können nur mit einer Bürste weggeschrubbt werden.

Andrea Gut lebt an der Solothurnerstrasse. Unter dem Dachvorsprung über ihrem Balkon nisten Tauben. «Tische, Stühle, der Boden – alles ist ständig voll», regt sie sich auf. Die Küchenkräuter habe sie schnell wieder entsorgen müssen. «Das kann ja keiner essen, es ist nur noch widerlich.»

Oft sind es nur eine Handvoll Menschen, die durch ihr gut gemeintes Füttern den Bestand hochtreiben. Frank hat schon selber Personen im Quartier angesprochen, als diese Tauben gefüttert haben. «Diese Menschen reagieren teilweise sehr aggressiv. Damit aufhören will niemand.» Im Gundeli soll nun ein Runder Tisch stattfinden, um nach Lösungen zu suchen. «Wichtig ist der Kontakt zu den Menschen, um sie zu überzeugen, weniger oder gar nicht mehr zu füttern», sagt Haag-Wackernagel. Ob das auch bei der alten Frau vom Tellplatz irgendwann fruchtet? Es fällt schwer, das zu glauben. Fast im Sekundentakt fällt das Futter vor ihr auf den Boden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.04.2017, 07:26 Uhr

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