Lieber filmen als helfen

Gaffer behindern die Rettung: Sanitäter Pascal Rey wurde schon angepöbelt und angegriffen. Der Respekt gegenüber der Polizei und anderen Einsatzkräften hat abgenommen.

Das Handy ist wichtiger als das Leben. Der Sanitäter Pascal Rey  beklagt sich in seinem Blog über Schaulustige.

Das Handy ist wichtiger als das Leben. Der Sanitäter Pascal Rey beklagt sich in seinem Blog über Schaulustige. Bild: Keystone

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«Ich brauchte Polizeischutz, um eine Person zu betreuen, die bewusstlos am Boden lag.» Der Samariter und freiwillige Sanitäter Pascal Rey muss noch heute den Kopf schütteln, wenn er an das Ereignis denkt, das sich vor einigen Wochen Samstagnachts in der Steinenvorstadt abspielte. Der Vorfall beschäftige ihn dermassen, dass er mitten in der Nacht seinen Frust von der Leber schrieb und im Internet veröffentlichte.

Es war Samstag kurz nach halb vier Uhr nachts. Der FDP-Jungpolitiker ist praktisch jedes Wochenende als Samariter oder freiwilliger Sanitäter im Einsatz, sei es im Stadion bei FCB-Spielen, bei Festivals oder anderen Grossevents. In jener Nacht hatte er soeben einen solchen Einsatz hinter sich und trug noch Einsatzkleidung, als er von einer Passantin gebeten wurde, ihrem Freund zu helfen, dem es «echt schlecht» gehe. Der junge Mann roch nach Alkohol und lag reglos auf dem Trottoir. Er reagierte weder auf seinen Namen noch auf einen Schmerzreiz über dem Brustbein, mit dem Rey den Mann zu wecken versuchte.

«Hinter mir beginnen die ersten Pöbeleien, und eine junge und zornige Dame rennt vor Wut in einen Kellner auf dem Trottoir, welcher daraufhin seine Gläser auf dem Serviertablett verliert. ‹…› Ihre hohe Stimmlage und die Arroganz, mit welcher sie die umherstehenden Personen ohne Grund anbrüllt, ist nicht zu überhören», schreibt Rey in seinem Blog.

Hinter ihm hatten sich jetzt rund 15 Schaulustige versammelt, die sich einmischten. Es kamen Verbesserungsvorschläge wie: «Warum haust du ihn nicht wie in den Filmen, dann wacht er auf, du Idiot!»

«Die junge Dame, welche noch immer herumschreit, kommt jetzt auf mich zu. Sie stösst mich zur Seite und brüllt mich an. ‹Ich bin Pflegehelferin, ich kann das auch, verpiss dich!›»

Die Frau liess, trotz Reys Bitte, ihn arbeiten zu lassen, nicht locker. Zwei der Anwesenden versuchten die aggressive Dame vom Patienten zu entfernen. Nun konnte Rey kurz die Atmung, den Puls, die Pupillen und die Erweckbarkeit des jungen Mannes prüfen und ihn in die stabile Seitenlage drehen.

Angst vor einem Fusstritt

«Die junge und aggressive Dame findet nun wieder den Weg zu mir und schreit mich an. ‹Mach seine Beine hoch, du Idiot!› Betrunken, völlig enthemmt und nicht klar bei Sinnen, reisst sie die Beine des Jungen in die Luft.»

Der Bewusstlose fiel aus der stabilen Seitenlage. Rey, der noch immer neben ihm kniete, befürchtete, dass die wütende Frau, die nun ihr Bein bewegte, ihm ins Gesicht treten will. Die Schaulustigen blieben dicht bei der Szene, wollten alles von ganz Nahe sehen und mit ihren Handys filmen. Sie mischten sich auch ein, bemängelten, im Nothelferkurs hätte man ihnen das aber anders gezeigt. Rey machte sich Sorgen um den jungen Mann. Er war noch immer bewusstlos, was heikel sein kann. Doch die Schaulustigen und die aggressive Frau hielten ihn davon ab, sich auf den Patienten konzentrieren zu können. Rissen ihn sogar von diesem weg. Mit der Taschenlampe leuchtete Rey einer zufällig vorbeifahrenden Polizeistreife, die ihm sofort zu Hilfe eilte. Nun konnte er sich endlich Zeit für den Patienten nehmen und beschloss, den Rettungsdienst zu alarmieren.

«Jetzt, wo die Polizei hier ist, kommen immer mehr Zuschauer, und die Stimmung ist sehr aufgeheizt. Vor dem Lokal auf offener Strasse, wo wir uns nun befinden, beginnen immer wieder kleine Zankereien.»

Die Hand am Gürtel, die Taser griffbereit mussten die drei Polizisten die aggressiven Schaulustigen fernhalten, bis der Rettungswagen eintraf und den jungen Mann ins Spital brachte.

Pascal Reys Erlebnis ist kein Einzelfall. Auch Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und die Staatsanwaltschaft werden immer wieder mit störenden Schaulustigen konfrontiert. «Es gehört heute zum Alltag, dass Menschen, die sich in einer Notlage befinden, fotografiert werden – egal, ob sie schwer verletzt, tot oder halb nackt sind. Die Gaffer von früher sind heute alle mit einem Handy ausgerüstet. Sie verbreiten ihre Fotos auf sozialen Netzwerken oder verkaufen sie an gewisse Medien. Diese Tendenz nimmt immer mehr zu», sagt Kriminalkommissär Peter Gill, Mediensprecher der Basler Staatsanwaltschaft. Ein Beispiel, das ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: «Ich erschien 20 Minuten nach einem Suizid vor Ort. Das Sichtschutzzelt war noch nicht aufgestellt. Dort standen Leute und fotografierten die entstellte Leiche», sagt Gill. Und fügt an: «Für die Familie und Freunde, die ein solches Bild auf sozialen Medien entdecken, ist das eine Katastrophe. Das ist eine schlimme gesellschaftliche Entwicklung.»

Pascal Rey erzählt von einem Fall, bei dem den Schaulustigen das Filmen sogar wichtiger war als das Leben eines Menschen: «An einer Sportveranstaltung fiel ein älterer Herr sehr hart auf den Kopf. Es bestand der Verdacht eines Schädelbruchs. Seine Frau holte Hilfe. Als wir dort ankamen, lief uns das Blut bereits auf der Treppe entgegen. Neben dem Verletzten standen zwei Männer. Sie haben ihm aber nicht geholfen, sondern ihn gefilmt», sagt Pascal Rey.

Absperrungen ignoriert

Abgesehen davon, dass die filmenden Schaulustigen wahrscheinlich nicht an die Persönlichkeitsrechte der Opfer denken, wenn sie die Bilder auf sozialen Netzwerken online stellen, kann die «Dauerpräsenz von gezückten Mobiltelefonen», wie es Toprak Yerguz, Mediensprecher des Basler Justiz- und Sicherheitsdepartements ausdrückt, den Einsatz der Blaulichtorganisationen erschweren. «Ihre Arbeit wird dann richtiggehend behindert, wenn Anordnungen und Absperrungen ignoriert werden. Die Polizei, die Feuerwehr und die Sanität sind darauf angewiesen, innerhalb eines gesicherten Perimeters ihre Arbeit ohne Störungen durchführen zu können: Sie müssen ihre volle Aufmerksamkeit dem Notfall widmen», so Yerguz.

Laut Adrian Gaugler, Mediensprecher der Baselbieter Polizei, ist Filmen in der Öffentlichkeit mit Mobiltelefonen nicht verboten, und die Polizei müsse im öffentlichen Raum jederzeit damit rechnen, gefilmt zu werden. «Wenn Polizeieinsätze dadurch aber erschwert werden, können wir solche filmenden Gaffer wegweisen», so Gaugler. Konkreten Fälle seien ihm im Baselbiet aber nicht bekannt.

In Basel stellen die Kantonspolizei, die Berufsfeuerwehr und die Sanität der Rettung Basel-Stadt laut Topak Yerguz fest, dass Anordnungen unter Passanten vermehrt hinterfragt und auch missachtet werden: «Den Einsatzkräften fehlt jedoch im Notfall die Zeit, mit Passanten vertiefte Diskussionen zu führen.»

Gewalt gegen Beamte

Anders im Juli diesen Jahres. Als auf der Schwarzwaldbrücke ein Auto brannte, verlangsamten einige Fahrer das Tempo, um mit dem Mobiltelefon Bilder zu schiessen. Vier von ihnen konnten an das Strafgericht verzeigt werden. Auch im Baselbiet gibt es laut Gaugler immer wieder solche Fälle. «Wer als Lenker während der Fahrt mit einer Kamera oder einem Handy in der Hand Filmaufnahmen macht, ist abgelenkt und macht sich strafbar», so Gaugler. Dies könne zu einer Geldstrafe führen und zudem einen Führerausweisentzug von mindestens drei Monaten nach sich ziehen. Wie viele filmende Schaulustige im Baselbiet bereits so verzeigt wurden, weiss Gaugler nicht, da keine gesonderte Statistik geführt werde.

Manchmal bleibt es nicht beim Filmen, und die Schaulustigen werden, wie im Fall von Pascal Rey, aggressiv. Auch das ist eine Tendenz, die immer stärker zunimmt. In Basel kam es 2016 zu 248 Verurteilungen wegen Drohung und Gewalt gegen Beamte. Im Jahr 2010 waren es nur 103. Und dabei handelt es sich nicht nur um Ausschreitungen bei Demonstrationen, wie am Mittwochabend, als vier Beamte mit Wurfgeschossen verletzt worden sind.

«Allgemein lässt sich feststellen, dass der Respekt gegenüber der Polizei und anderen Einsatzkräften abgenommen hat», sagt Toprak Yerguz. «So wurden aus Ambulanzen der Sanität der Rettung Basel-Stadt schon Einsatzjacken entwendet oder Sachbeschädigungen an Rettungswagen verübt, während das Team beim Patienten war. Verbale Attacken und Gewalt nehmen gegenüber der Kantonpolizei Basel-Stadt und der Sanität der Rettung Basel-Stadt zu. Hier kommt es immer wieder zu Drohungen, Beschimpfungen und Tätlichkeiten.»

Gaffer-Kampagne

Im Baselbiet sind die Zahlen tiefer, aber auch steigend. Waren es 2014 erst 20 Verurteilungen, wurden 2016 bereits 97 solche Fälle verzeichnet. Laut Adrian Gaugler liegen diesem Anstieg nicht nur die Zunahme der Taten zugrunde, sondern auch eine konsequentere Verzeigungspraxis, die präventiv wirken soll.

Auf nationaler Ebene soll sich diesbezüglich ebenfalls etwas ändern. Zwei parlamentarische Initiativen verlangen, dass Gewalt gegen Vertreter des Staats mit einer Freiheitsstrafe von mindestens drei Tagen bestraft wird.

Schaulustige können rechtlich belangt werden, wenn sie beispielsweise Personen, die in Lebensgefahr schweben, nicht helfen oder die Nothilfe durch Dritte behindern. Gegen das Gaffen und Fotografieren von Tatorten gibt es rechtlich jedoch kaum eine Handhabe, wenn dadurch die Einsatzkräfte nicht behindert werden. «In Ordnung ist es trotzdem nicht», findet Pascal Rey. Gemeinsam mit jungen Polizisten, Feuerwehrleuten und Sanitätern hat er vor drei Tagen den Verein «Helfen helfen» gegründet. Mit diesem Verein will er in Zukunft auch eine Kampagne in der Schweiz lancieren, die von Schaulustigen mehr Respekt einfordert. «Wir haben alle einen Gaffer-Instinkt», so Rey. Man dürfe auch hingehen, um Hilfe anzubieten: «Wenn dies jedoch nicht erforderlich ist, entfernt euch, damit ihr nicht stört. Im dümmsten Fall geht es nämlich um Leben und Tod.»

Umfrage

Sanitäter und Polizisten beklagen sich, dass sie bei ihrer Arbeit behindert und gar beschimpft werden. Sollen Gaffer, die Rettungskräfte behindern, vermehrt verzeigt werden?

Ja

 
96.8%

Nein

 
3.2%

1585 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 08:42 Uhr

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