«Man muss die Muslime mitnehmen»

Theologe Xaver Pfister will, dass der Kanton Basel-Stadt den Islam als Religion anerkennt.

Aktiver Theologe. Xaver Pfister will mit der Anerkennung des Islam die Muslime besser einbinden.

Aktiver Theologe. Xaver Pfister will mit der Anerkennung des Islam die Muslime besser einbinden. Bild: Florian Bärtschiger

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BaZ: Sie kämpfen für die kantonale Anerkennung des Islam. Warum?
Xaver Pfister: In Basel gibt es 13 523 Muslime, das sind 8,5 Prozent der Bevölkerung. Am Runden Tisch der Religionen treffen sich mandatierte Vertreter relevanter Religionsgemeinschaften von beiden Basel. Die Mitglieder diskutieren gemeinsam aktuelle Fragen und Problemstellungen aus Verwaltung und Politik sowie Anliegen von Religionsgemeinschaften. Jetzt muss ein nächster Schritt folgen.

Weshalb gerade jetzt?
Viele Leute haben mit dem Islam Mühe, jedenfalls so wie er sich anstellt. Das verstehe ich sehr gut. Auf der anderen Seite gibt es Muslime, die sich ernsthaft um ein Verständnis der europäischen Kultur bemühen und einen europäischen Islam fordern.

Und was wäre das für einer?
Das wäre einer, der die Grundrechte anerkennt, so wie sie in Europa verstanden werden: Das sind Religionsfreiheit, die Möglichkeit, aus der Religionsgemeinschaft austreten zu können, Anerkennung der Verfassung des Staates, in dem man lebt und Offenlegung der Finanzen.

Das sind Grundrechte einer modernen, europäischen Kultur. Warum stehen diese moderaten Muslime nicht schon lange auf und setzen sich dafür ein?
In der Schweiz praktizieren nur knapp 60'000 Muslime den Islam. Es gibt eine grosse Gruppe muslimisch Orientierter, darunter viele Intellektuelle, die sich vom Islam distanzieren, weil sie nicht damit identifiziert werden wollen. Das hat zur Folge, dass bei den Aktiven mehr Konservative vertreten sind und Oberhand haben.

Und weshalb sollen die Basler als Pionierkanton bei der Anerkennung des Islam vorpreschen?
Wir haben im Kanton Basel-Stadt durch die neue Verfassung, die auch schon ein paar Jahre alt ist, eine besondere Chance. Dort ist geregelt, dass es neben der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der christlichen Kirche die Möglichkeit gibt, andere Religionen rechtlich zu anerkennen.

Das ist exklusiv?
Ich kenne keinen anderen Kanton, der das in der Verfassung hat. Zürich diskutiert heftig darüber und die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr hat gesagt, sie wäre froh, auch ihr Kanton hätte eine solche Gesetzesgrundlage wie Basel. Dort ist klar geregelt, was die Bedingungen für eine solche Anerkennung sind. Die erste ist die gesellschaftliche Bedeutung. Die zweite ist die Garantie des Religionsfriedens. Die Geschichte zeigt ja, dass die Kirche relativ viel Religionsunfrieden gestiftet hat. Ein wichtiger Punkt ist auch die Offenlegung der Spendengelder. Man sagt ja, dass viel Schwarzgeld von Saudiarabien in Basler Moscheen fliesst. Wenn eine transparente Finanzverwaltung vorliegen muss, könnte die Regierung das besser kontrollieren.

Ist es nicht blauäugig, anzunehmen, dass diese Gelder transparent gemacht und deklariert würden?
Das ist die Schwierigkeit, aber wenn sie anerkannt sind, haben sich die Muslime zumindest auf diesen Punkt verpflichtet. Dann haben die rechtlichen Behörden zumindest die Möglichkeit zu recherchieren.

Im Umgang mit der Muslimkommission ist das Präsidialdepartement an seine Grenzen gestossen. Es gab unter anderem mit der Familie Karatekin Probleme. Warum sollte es anders sein, wenn der Islam eine Landesreligion wäre?
In der Muslimkommission hatte die Familie Karatekin recht viel zu sagen und dort gab es Familienmitglieder, die sich zum türkischen Diktator Erdogan bekannt haben. Es ist allgemein eine Schwierigkeit, dass die türkischen Muslime besonders sind. Aber im Moment ist keiner aus der Familie Karatekin Präsident der Muslim-Kommission, sondern ein Pakistaner namens Sohail Mirza. Er ist Arzt und hat lange in der Region praktiziert. Er ist für mich eine sehr glaubwürdige und seriöse Person. Doch die Schwierigkeit ist, dass die Muslimkommission keinem anderen Verein reinreden darf. Damit ist sie eine schwache Institution. Sie ist mehr ein Netzwerk.

Sie denken also, die Anerkennung des Islam als Religion im Kanton Basel-Stadt würde viele Probleme lösen?
Sie würde garantieren, dass die Muslime die hier geltenden Regeln einhalten müssen. Wenn sich nämlich eine Religionsgemeinschaft nicht an die Regeln hält, kann ihr die Anerkennung wieder entzogen werden. Bei vielen muslimische Gemeinschaften ist beispielsweise ein Riesenproblem, dass man nicht austreten kann. Wer es trotzdem tut, wird häufig verfolgt. Mit einer Anerkennung wären solche Grundrechte nicht mehr diskutierbar und man hätte eine klare Leitlinie. Diese wäre eine Entlastung für die moderaten Muslime wie für Kritiker des Islam und ein Zeichen, dass sich diese Weltreligion in Richtung Europatauglichkeit wandelt.

Wird das reichen, um das Vertrauen wieder herzustellen?
Nein, das reicht natürlich nicht, da es immer wieder Vorfälle in Sachen Straffälligkeit und terroristischen Zellen gibt. Es braucht auch polizeiliche Massnahmen. Beispielsweise die Überwachung einer Moschee, wenn man den Verdacht hat, dass dort Hassprediger oder Terrorismusbekenner auftreten.

Liegt die rechtliche Anerkennung einer Landesreligion überhaupt in der Kompetenz der Kantone?
Ja. Der Bund kann keine Kirche anerkennen. Jeder Kanton, der das will, muss eine religiöse Gemeinschaft selbstständig anerkennen.

Hat dies schon ein Kanton getan?
Ausser Basel-Stadt noch keiner.

Basel hat ja keine muslimische Glaubensgemeinschaft anerkannt.
Sie hat die Aleviten anerkannt. Das sind zwar keine Muslime, sie sind jedoch auf der Linie der muslimischen Tradition, allerdings viel liberaler. Es gibt zwei Gemeinschaften in Basel, beide sind anerkannt. Ebenfalls die Christengemeinde der Antroposophen oder die neuapostolische Kirche.

Was bringt die Anerkennung den Religionsgemeinschaften überhaupt?
Es gibt den Muslimen, die grundsätzlich mit ihrer Identität Mühe haben, das Gefühl, respektiert zu werden.

Finanzielle Vorteile?
Die gibt es nicht. Auch nicht für die christlichen Gemeinschaften. Diese bekommen nur für die Spital- und Gefängnisseelsorge eine Abgeltung. Da würde sich dann natürlich die Frage stellen, ob der Staat der Gerechtigkeit halber auch mit den Muslimen für die Spitalseelsorge einen Vertrag machen müsste. Wobei im Islam der Besuch eines Kranken durch einen Imam nicht im Zentrum steht. Das ist etwas, das die Familie selber tut.

Wie gehen Sie jetzt vor?
Ich schreibe und spreche schon seit längerem immer wieder über den Islam. Ausserdem möchte ich gemeinsam mit der SP, deren Mitglied ich ja auch bin, das Thema angehen. Mir geht es auch darum, sichtbar zu machen, was der Islam ist und welche Traditionen er hat. Da gibt es vorallem im wissenschaftlichen Bereich grosse Errungenschaften für Europa. Mathematik etwa gäbe es ohne die Muslime nicht. Oder auch in der Philosophie hat es Texte, die eigentlich aus der griechischen Antike sind, die aber durch die Muslime nach Europa gekommen sind. Kulturell haben sie eine grosse Bedeutung. Das zweite ist meine Idee – und die Verfassung gibt das auch vor –, dass man sich aktiver um den Kontakt mit den Muslimen bemüht.

Doch sagen Sie mir: Weshalb müssen Sie als Schweizer sich für die Muslime einsetzen? Weshalb kommen sie nicht selber aus der Deckung raus und stehen für ihre Religion ein?
Die Idee ist schon, dass die Muslime selber aktiv werden. Doch häufig haben sie Minderwertigkeitsgefühle.

Die lindern Sie kaum, indem Sie sie an der Hand nehmen und ihnen den Weg weisen.
Das stimmt, sie müssen schon selber aktiv werden. Doch ich kann über die Voraussetzungen eines solchen Schrittes informieren.

Doch das Bedürfnis sollte von den Muslimen selber kommen.
Das ist richtig, ja.

Ist es auch von ihnen gekommen?
Es gibt einzelne, die sehr aktiv sind, doch es gibt viele, die gar nicht verstehen, dass es in der Schweiz mit dem Islam ein Problem gibt. In ihrer Heimat ist es meist so, dass es nur eine Religion gibt und diese ist das höchste. Sie steht gar über dem Staat. Es ist für viele Muslime ein grosser Schritt, das Verhältnis von Religion und Staat und der religiösen Praxis zu überdenken. Doch mir ist es auch ein grosses Anliegen, dass sie selber aktiv werden. Aber vielleicht brauchen sie einfach eine Unterstützung, nicht vom Staat, sondern von einzelnen Personen. Es hat sich einmal ein Mitglied der Muslimkommission, bemüht in Erfahrung zu bringen, wie eine Anerkennung rechtlich aussehen würde. Doch dieser ist weggezogen und jetzt ruht es wieder.

Müssten die Muslime nicht zuerst elementare Dinge wie etwa Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau anstreben, bevor man sich überlegen kann, diese Religion zu anerkennen?
Es gibt liberale Muslime, die sich sehr um solche Dinge bemühen. Doch ich bin auch der Meinung: Man muss die Muslime mitnehmen, aber das Pochen auf Gleichstellung ist unverzichtbar, das stimmt. Frauen müssen sich anziehen können, wie sie wollen, also auch die Burka ausziehen können, wann sie wollen. Doch ich bin zuversichtlich, dass die kommende Generation eine Veränderung herbeiführen wird.

Allerdings scheint es eher, wie wenn die Ultrakonservativen unter den Muslimen Oberhand bekommen. Ist das in Ihren Augen ein letztes Aufbäumen vor der Veränderung?
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Es gibt keine Religion, die sich im Verlauf ihrer Geschichte nicht verändert hat. Allerdings dauerte es immer lange, sehr lange.

Denken Sie, die Politik ist reif für einen solchen Vorstoss?
Nein, das denke ich nicht. Sicher nicht die rechten Parteien.

Umfrage

Der Basler Theologe Xaver Pfister fordert, den Islam anzuerkennen, um Forderungen stellen zu können. Befürworten Sie, dass der Islam als Staatsreligion anerkannt wird?

Ja

 
39.2%

Nein

 
60.8%

1882 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 07:22 Uhr

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