Man wird ihn vermissen

Vor wenigen Tagen ist der Basler Politiker und Anwalt Andreas Gerwig im Alter von 85 Jahren verstorben. Zum Gedenken an den langjährigen SP-Nationalrat.

Die Schweiz ist eine Demokratie, aber kein Rechtsstaat: Andreas Gerwig sass für die SP von 1967 bis 1983 im Nationalrat.

Die Schweiz ist eine Demokratie, aber kein Rechtsstaat: Andreas Gerwig sass für die SP von 1967 bis 1983 im Nationalrat. Bild: Walter Rutishauser

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Was hat den in seinem 86. Alters­jahr verstorbenen Andreas Gerwig ausgezeichnet? Vieles. Nun sei er, meinte er mal ironisch, von Beruf Grossvater. Wer Kinder liebt, mag die Menschen. Andreas Gerwig brauchte die Familie, brauchte Freunde, verwöhnte sie mit grosszügiger Aufmerksamkeit.

Andreas Gerwig war wohl der geborene Anwalt. Er bewies ein sicheres Gespür für junge Juristen, mit denen er ein starkes Team bildete. Das «Büro Gerwig» genoss einen legendären Ruf. Es hatte, um nur ein Beispiel zu nennen, bei der Besetzung des AKW-Geländes 1975 in Kaiseraugst Aktive vor Gericht verteidigt.

Hautnah habe ich Andreas Gerwig natürlich in der Politik erlebt. Als junger Grossrat sorgte er für kolossale Aufregung im Rathaus. Mit einer Interpellation. Er zählte die häufigen repräsentativen Auftritte von Regierungsräten auf. Um zu fragen, ob sie überhaupt noch Zeit zum Arbeiten hätten. Oder ob jede «Hundsverlochete» wichtiger sei? Das war erstens medienwirksame Politik. Und wurde zweitens von den Regierenden als Unverschämtheit ohnegleichen beklagt.

Politisches Schwergewicht

Andreas Gerwig gehörte als SP- Nationalrat zu den politischen Schwergewichten. Als seine Hauptthemen würde ich Rechtsstaatsfragen, Medien- und Kulturpolitik erwähnen. Er provozierte mal mit seiner erfrischenden und direkten Art, die Schweiz sei zwar eine Demokratie, aber kein Rechtsstaat. Auf den Bänken der Bürgerlichen brach helle Empörung aus. Gerwig am Mikrofon löste bei ihnen regelmässig Alarmbereitschaft aus.

Er präsidierte die nationalrätliche Kommission für das neue Eherecht. Frau und Mann wurden endlich gesellschaftspolitisch gleichgestellt. Es war Blochers Einstand als Nationalrat. Er lehnte diesen Quantensprung ab. Kurt Furgler als zuständiger Bundesrat, Gerwig mit seinem Kommissionsvize, dem liberalen FDP-Nationalrat Gilles Petit­pierre, setzten sich auf der ganzen Linie durch. Auch in der Volksabstimmung. Das neue Eherecht war wohl Gerwigs wichtigster politischer Erfolg.

Zwischenrufe im Rat

Er brillierte ebenso in der Medien- und Kulturpolitik. Gerwig verteidigte als Sprecher der SP-Fraktion stets die Angriffe von rechts auf Radio und Fernsehen der SRG. Jahrelang gehörte er dem Verwaltungsrat unseres Theaters als Personalvertreter an. Und stand Dügg, Werner Düggelin, dem unvergess­lichen Theaterdirektor, politisch zur Seite. Gerwig war juristischer Berater von Max Frisch und pflegte mit Peter Bichsel, Adolf Muschg und vielen anderen Kulturschaffenden persönliche Beziehungen.

Erwähnenswert ist die «Viererbande»: Lilian Uchtenhagen, Andreas Gerwig, Walter Renschler und ich. Wir sassen im Rat nebeneinander und waren für unsere Zwischenrufe recht gefürchtet. Wir machten Politik im Team. Wer ans Radio oder Fernsehen durfte, mit dem trainierten wir. Tauschten Bücher und Manuskripte aus, gingen in Klausur, um wieder mal das Wesentliche zu hinterfragen. In unserer Arbeitsgemeinschaft war Adreas Gerwig der Primus inter Pares. Im Privaten pflegte er das Hobby des begabten Kochs, war ein angefressener Fasnächtler und Tennis­spieler, ein «vergifteter» FCB-Fan und ein herrlicher Gastgeber. Viele unter uns werden ihn als Freund vermissen. Adieu, mein Lieber.

Helmut Hubacher (88) ist ehemaliger Basler SP-Nationalrat und BaZ-Kolumnist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.05.2014, 15:20 Uhr

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