Morins letzte Amtshandlung

Der scheidende Basler Regierungspräsident stellt Stadtentwickler Thomas Kessler vor die Tür. Damit erweist er seiner Nachfolgerin einen Dienst.

Aus dem Amt gedrängt. Thomas Kessler verlässt seinen Schreibtisch offenbar nicht freiwillig.

Aus dem Amt gedrängt. Thomas Kessler verlässt seinen Schreibtisch offenbar nicht freiwillig. Bild: Nicole Pont

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Die Mitteilung des Präsidial­departements am gestrigen Morgen war überraschend: «Guy Morin, Vorsteher des Präsidialdepartements, ist zusammen mit seinem langjährigen Chefbeamten Thomas Kessler zum Schluss gekommen, dass der Wechsel an der Departementsspitze der richtige Zeitpunkt ist, das Präsidialdepartement gemeinsam zu verlassen.»

Es hört sich an wie kollegiales «Time To Say Goodbye». Doch von «Kollegialität» war die Beziehung zwischen Guy Morin und Thomas Kessler nicht geprägt. Auf Drängen von Kollege Christoph Brutschin verpasste Morin seinem Chefbeamten vor einem Jahr einen medialen Maulkorb, weil Kessler öffentlich forderte, dass man an der Schifflände die Ladenöffnungszeiten verlängern sollte, was dem Vorsteher des Wirtschaftsdepartements, Christoph Brutschin, nicht passte. In ein weiteres Fettnäpfchen trat Thomas Kessler, als er Asylanten gegenüber dem Tages-Anzeiger als «Abenteuermigranten» bezeichnete. Wie die BaZ von internen Quellen weiss, ist Kesslers Abgang anders abgelaufen, als es das Präsidialdepartement darstellt. Darauf weist auch das Datum hin, wann Stadtentwickler Thomas Kessler vor die Tür gestellt wird: der 8. Februar. Am selben Tag tritt Elisabeth Ackermann (GB) ihren Posten als Regierungspräsidentin an und wäre damit die neue Vorgesetzte von Thomas Kessler.

«Es war im Vorhinein schon klar, dass Ackermann nicht mit Thomas Kessler zusammenarbeiten wollte», so die interne Quelle, die in der Zeitung nicht genannt werden möchte. «Weshalb sollte Morin auch seinem Chef­beamten so kurz vor der Amtsübergabe künden, wenn nicht in Absprache mit seiner Nachfolgerin Ackermann? Ihn muss es ja nicht mehr kümmern. Er wird nicht mehr mit ihm arbeiten müssen.» Wie die Quelle bestätigt, sei Elisabeth Ackermann bestens über die Entlassung von Thomas Kessler informiert gewesen und habe auch eine wichtige Rolle gespielt.

Auch könne von einem «gegenseitigen Einvernehmen» keine Rede sein. Hätte Kessler nicht eingelenkt, wäre ihm gekündigt worden. Kessler sei also «gegangen worden». Zu welchen Konditionen, ist unbekannt.

Die designierte Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann hält sich mit Aussagen zu Thomas Kessler zurück. Die Informationen, die der BaZ zugespielt wurden, bestreitet sie: «Ich wurde lediglich von Guy Morin im Vorfeld über den Abgang von Thomas Kessler in Kenntnis gesetzt. Ich war jedoch weder in den Entscheid involviert, noch habe ich ihn initiiert.»

Ungewisse Zukunft

Ob sie diese Entscheidung bedauere oder befürworte, will Ackermann nicht sagen. Sie werde ihr Departement nach Amtsantritt aufs Genaueste analysieren und womöglich Änderungen vornehmen. Was sie konkret ändern möchte, will sie nicht sagen. Die Stelle von Kessler, die sie für sehr wichtig halte, werde sie aber wieder besetzen.

Kesslers Mitarbeiter erfuhren erst kurz vor der Publikation der Medienmitteilung vom bevorstehenden Abgang ihres Chefs. In einer E-Mail an seine Mitarbeiter, die der BaZ vorliegt, verabschiedete sich Kessler von seinen Untergebenen.

Guy Morin hingegen schweigt. Als das Präsidialdepartement gestern den Abgang von Kessler bekannt machte, weilte Guy Morin in Hamburg, um an der Einweihung der Elbphilharmonie anwesend zu sein. Seine Sprecherin Melanie Imhof gab stellvertretend bekannt, dass man zum Abgang von Kessler keine Stellung beziehen möchte. «Über die Trennungsvereinbarung wurde Stillschweigen vereinbart», sagte Imhof. Auch über die Hintergründe zum Abgang und die Rolle von Elisabeth Ackermann in der ganzen Geschichte wollte Imhof keine Auskunft geben. Thomas Kessler war für die BaZ bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. Kesslers Abgang ist das Ende von 26 Jahren engagiertem Staatsdienst. In dieser Zeit hat sich der 57-Jährige zu einem der mächtigsten und feder­führenden Chefbeamten des Kantons hochgearbeitet. Als Leiter Kantons- und Stadtentwicklung beim Präsidialdepartement unterstand Thomas Kessler die gesamte Wohnbaupolitik des Kantons.

Von 1991 bis 1998 war Kessler Drogenbeauftragter, von 1998 bis 2008 Integrationsbeauftragter, bis er von Morin selbst im neu erschaffenen Präsidialdepartement zum Chefbeamten befördert wurde. Kessler prägte in seiner Zeit beim Kanton das Basler Integrationsmodell mit seinem Siegel und setzte auf eine Kombination von Förderung und Sanktionen. Neben seinem Amt als Stadtentwickler exponierte sich Kessler auch in Radikalisierungsdebatten als Integrationsexperte. Darin und in seiner Rolle als Drogenbeauftragter war Thomas Kessler ein national gefragter Sachverständiger, und als Drogendelegierter entwickelte er auch die städtische Heroinabgabe.

Sicherlich auch wegen seines Know-hows wurde Thomas Kessler mit einer neuen Herausforderung beauftragt. Erst im November vergangenen Jahres übernahm Thomas Kessler die Leitung der neu geschaffenen «Taskforce Radikalisierung». Wie es mit dieser Taskforce nun weitergeht, bleibt ungewiss. Das Amt als Leiter Stadtentwicklung wird interimistisch von seinem Stellvertreter Roland Frank übernommen.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 12.01.2017, 06:53 Uhr

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