Polizei macht Jagd auf alkoholisierte Velofahrer

Zwischen 9.15 und 10.15 Uhr morgens liess die Basler Polizei Velofahrer ins Röhrchen blasen. Hat die Polizei jetzt völlig jeglichen Bezug zur Realität verloren?

Für Velofahrer gelten die gleichen gesetzlichen Grenzwerte bezüglich Alkohol wie für motorisierte Verkehrsteilnehmer.

Für Velofahrer gelten die gleichen gesetzlichen Grenzwerte bezüglich Alkohol wie für motorisierte Verkehrsteilnehmer. Bild: Henry Muchenberger

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Es ist 9.30 Uhr, ein ganz normaler Donnerstagmorgen vor knapp zwei Wochen. Die Sonne scheint und Mamma Bölle hat eben ihre zwei Kinder mit dem Kistenvelo zur Schule im Kleinbasel gefahren. Nun will sie über die Wettsteinbrücke ins Grossbasel gelangen, um dort im Bioladen Obst und Gemüse einzukaufen. Bölle hat die Fahrt über das Bauwerk noch nicht ganz hinter sich, als sie eine Überraschung erlebt. Beamte der Kantonspolizei Basel-Stadt halten sie zwecks einer Verkehrskontrolle an. Sie inspizieren mit kritischem Blick das Cargobike, verlangen die Personalien und lassen die Frau schliesslich ins Röhrchen blasen. Sie haben richtig gelesen: Die Polizei will am Morgen um 9.30 Uhr von Mamma Bölle wissen, wie viel sie bereits getrunken hat.

Die Frau, weit entfernt vom Dasein einer Alkoholikerin, ist erstaunt und etwas perplex, von der Staatsmacht bereits um 9.30 Uhr des Alkoholkonsums verdächtigt zu werden. Die unbescholtene Frau fragt die Beamten, ob das jetzt wirklich sein müsse. Bei sich denkt sie aber, dass die Polizei jetzt völlig jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Besser würden die Beamten Velofahrer kontrollieren, die Ampeln bei Rot überquerten oder unerlaubterweise auf dem Trottoir fahren. Doch die Polizei kennt kein Pardon. Neben Velofahrern müssen auch Autofahrer ihren Promillegehalt in der Atemluft überprüfen lassen.

Natürlich macht Mamma Bölle keinen Aufstand, aber sie ist etwas verlegen ob der Situation, dass die Polizisten sie als potenzielle Trinkerin einschätzen. Doch das ist nicht der Fall und das Testgerät zeigt keinen Alkohol in der Atemluft an. Die Frau darf ihren Weg fortsetzen.

Diskussionslos, dass es in unserer Gesellschaft Alkoholiker gibt und Alkoholismus verbreitet ist. Gewiss auch kippen sich manche Leute bereits am Morgen Bier und Schnäpse hinter die Binde. Aber ebenso diskussionslos ist: Alkoholisierte Leute gehören keinesfalls hinter das Steuer eines Autos, Lastwagens oder Motorrads. Kleinste Unachtsamkeiten können schlimmste Folgen für das Leben anderer Menschen haben. Der betrunkene Velofahrer hingegen gefährdet vor allem einen: sich selber.

Mamma Bölle wird das Gefühl nicht los, dass es die Polizisten in diesen Morgenstunden krass übertreiben. Wenn schon die Beamten die Absicht haben, Velofahrer mit Alkohol im Blut zu erwischen, sollten sie die Kontrollen doch besser in den späten Abendstunden durchführen. Dann ist die Chance um ein Vielfaches grösser, Leute auf dem Velo mit übermässigem Alkoholkonsum zu überführen. Und darum geht es der Polizei ja offensichtlich, sonst würde sie nicht völlig unverdächtige Leute wie Mamma Bölle, die mit dem Kistenvelo weder Schlangenlinie fährt noch bei der Kontrolle lallt, noch sonst etwaige Anzeichen von Alkoholkonsum aufweist, ins Röhrchen blasen lassen.

Promille kein Begriff mehr

Das Resultat der einstündigen Kontrolltätigkeit der Alkoholfahnder fällt im wahrsten Sinn des Wortes ernüchternd aus. Von insgesamt 217 kontrollierten Auto- und Velofahrern wiesen gemäss eines Sprechers der Kantonspolizei insgesamt zwei Velofahrer überhaupt einen Atemalkoholgehalt auf. Der höchste Wert lag bei «0.16 Milligramm pro Liter», so der Sprecher. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Polizei nicht mehr von Promille spricht, so dass sich jeder ein etwaiges Bild über den Zustand der Kontrollierten machen kann. Milligramm pro Liter ist den Leuten etwa so fremd, wie Mamma Bölle der morgendliche Schnaps.

Diese Aktionen zeigen nur eines auf: Die Basler Polizei hat sich längst von der Bevölkerung entfremdet. Ob Dienstwagenprivilegien mit gemessenen Autokilometern in Luftlinie, die Verhaftung von unbeteiligten Passanten bei einer Pappteller-Performance oder eben diese Alkoholkontrolle bei Velofahrern. Zu hoffen ist, dass ein neuer Kommandant bei solch weltfremden Aktionen wieder ein bisschen Gegensteuer geben wird und die Beamten wieder mit gesundem Augenmass agieren lässt.

Den Promillewert erhält man gemäss des Polizeisprechers übrigens, wenn man den Milligramm-pro-Liter-Wert mit dem Faktor zwei multipliziert. Ein Velofahrer war am Donnerstagmorgen somit mit einem Alkoholgehalt in der Atemluftwert von 0,32 Promille unterwegs. Ausser den Kosten für die Röhrchen, blieb somit in der Kontrolle nichts hängen.

Hätte ein Velofahrer allerdings den Wert von 0,5 Promille überschritten, hätte er zu Fuss weitergehen und das Velo schieben müssen.

Verkehrssicherheit erhöhen

Im Gegensatz zu Mamma Bölle und den anderen kontrollierten Velofahrern erachtet es die Polizei aber durchaus als sinnvoll, am Morgen nach Alkohol zu fahnden. Der Sprecher: «Jeder Verkehrsteilnehmer muss zu jeder Tageszeit mit einem Alkoholtest rechnen.» Damit solle die Verkehrssicherheit erhöht werden, denn die Erfahrung zeige, dass auch Morgens immer wieder Fahrzeuglenker in alkoholisiertem Zustand unterwegs seien. Bei den einen handle es sich um Restalkohol vom Vortag, bei den anderen sei Alkohol Teil des Frühstücks. Zudem soll den Velofahrern auch vor Augen geführt werden, dass für sie die gleichen gesetzlichen Grenzwerte bezüglich Alkohol gelten wie für motorisierte Verkehrsteilnehmer.

In Deutschland ist das nicht so. Dort gilt vernünftigerweise das Credo: «Wer festet, der fährt nicht mit dem Auto hin, sondern mit dem Velo.» Dahinter stecken die Annahme und das Kalkül, dass die Leute für ausgelassene Abende das Auto vernünftigerweise stehen lassen und das Velo nehmen. Ist die Promillegrenze allerdings bei beiden Verkehrsmitteln gleich hoch, bestehe die Gefahr, dass sich die Leute fürs Auto entscheiden und trotzdem etwas trinken. Folglich gilt in Deutschland ein Promillewert von 1,6. Erst ab dieser Marke muss ein Velofahrer sein Velo schieben.

Umgerechnet auf Mamma Bölle mit ihren 70 Kilogramm Körpergewicht wären das vier Halbliter Lagerbier, die sie in Deutschland trinken dürfte, also etwa zwei Liter. Das ist vernünftig und würde sich auch für eine Velostadt wie Basel gehören. So hingegen wird Mamma Bölle ab einem Konsum von circa 0,6 Litern Bier bereits kriminalisiert – das Strassensicherheitsprogramm Via Sicura lässt grüssen. Um Basel velofreundlicher zu gestalten, sollte ein etwas höherer Promillewert ins Gesetz aufgenommen werden. Hans-Peter Wessels, übernehmen Sie!

Umfrage

Die Polizei absolviert bei Frau Bölle um 9.30 Uhr eine Alkoholkontrolle. Ist das verhältnismässig?

Ja

 
29.3%

Nein

 
70.7%

2347 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 20.06.2017, 07:07 Uhr

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