Polnische Helfer bei der Obsternte im Baselbiet

Seit Jahrzehnten pflegt das Baselbiet eine besondere Beziehung zu den Osteuropäern. Trotz tiefer Löhne haben die Bauern keine Mühe, willige Arbeitskräfte zu finden.

Helfer bei der Kirschenernte. Landwirt Hansruedi Wirz
(Mitte) mit seinen polnischen Gastarbeitern Michal-Tomasz
Misiura (links) und Stanislaw Tokarz.

Helfer bei der Kirschenernte. Landwirt Hansruedi Wirz (Mitte) mit seinen polnischen Gastarbeitern Michal-Tomasz Misiura (links) und Stanislaw Tokarz. Bild: Anna Furrer

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In diesen Tagen treffen sie wieder ein: Erntehelfer aus Polen. Für die Baselbieter Bauern seit Jahrzehnten eine feste Stütze während der Sommermonate. Genaue Zahlen gibt es seit der Einführung der Personenfreizügigkeit letztes Jahr keine mehr. In den Jahren zuvor bewegte sich die Anzahl der Erntehelfer jeweils um die 350.

Ein Bauer, der seit Jahren auf die Hilfe von polnischen Erntehelfern baut, ist Hansruedi Wirz. Auch heuer beschäftigt der SVP-Landrat drei Erntehelfer auf seinem Hof Niestelen in Reigoldswil. Zwei sind bereits da, der dritte folgt in den nächsten Tagen. «Ich brauche einen festen Stamm, der den ganzen Sommer über da ist», sagt Wirz. Seine Erntehelfer bleiben jeweils drei bis vier Monate und helfen bei allen Arbeiten, die in dieser Zeit anfallen. Letzte Woche wurden bei den Obstbäumen von Wirz die Regendächer montiert, anschliessend folgt die Behangsregulierung und dann geht es an die Ernte: zuerst die Kirschen, dann Zwetschgen, Birnen, Äpfel.

1700 Franken für 54 Stunden Arbeit

Seit Ende der 90er-Jahren greift Wirz auf polnische Erntehelfer zurück. Dabei musste er sich beim Thema Personenfreizügigkeit innerhalb der SVP auch schon als Befürworter outen. Viele seiner Helfer kommen dabei mehrmals: Auch Stanislaw Tokarz verbringt bereits zum zweiten Mal den Sommer in Reigoldswil. Das Geld – vom Mindestlohn von 3150 Franken brutto bleiben den meisten je nach Abzügen für Versicherungen, Kost und Logis zwischen 1700 und 2000 Franken – spart der 31-jährige Bauer für seinen Hof daheim in der Stadt Zamosc an der Grenze zur Ukraine, wo seine Frau und die zwei Kinder leben. «Einige brauchen keine hundert Franken im Monat für ihre eigenen Bedürfnisse», so Wirz. Er hatte auch schon Erntehelfer, die baten, zusätzlich zur 54-Stunden-Woche am Sonntag arbeiten zu dürfen, um sich so einen kleinen Bonus zu verdienen.

«Ein Sommer im Baselbiet bedeutet einen Jahreslohn eines Bauern in Polen», erklärt Stefan Weber, der im Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain für den Bereich Arbeitswirtschaft zuständig ist und den Bereich zuvor beim Bauernverband beider Basel betreut hatte. Dieses Lohnverhältnis hat sich eigentlich seit den Anfangstagen der polnischen Erntehelfer nicht gross geändert. 1965 wurde vom damaligen Leiter des Kiga (Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit) die sogenannte «Polenhilfe» ins Leben gerufen. Durch die positive wirtschaftliche Entwicklung fehlten den Landwirten zunehmend die Arbeitskräfte. «Hier gab es Arbeit, dort wirtschaftliche Not», fasst Weber die damalige Situation zusammen. Das Experiment glückte. Durch den Austausch konnte beiden Regionen geholfen werden und eine lange Tradition nahm ihren Anfang. Rund zwei Jahrzehnte lang lief die Polenhilfe ohne Probleme. «Die Polen haben eine gute Arbeitsmoral und sind den Schweizern auch mentalitätsmässig sehr nahe», sagt Weber. Als Mitte der 1980er-Jahre und in den Nachwehen der Jugoslawien-Kriege Anfang der 1990er-Jahren die Ausländerpolitik des Bundes restriktiver wurde, mussten die Baselbieter umdisponieren. «Bauernschlau» wurde die Polenhilfe unter dem Mantel «Know-how-Transfer» von der Entwicklungshilfe- auf die Ausbildungsschiene verfrachtet.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Neu mussten die Erntehelfer nachweisen können, dass sie eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren. Dass das Gros der «Praktikanten» um die dreissig war, wurde anfangs grosszügig übersehen. «Dann ist es fast ausgeartet», erinnert sich Weber. «Plötzlich kam jeder mit einem Studentenausweis. Schweizweit hatte man zeitweise fast 2000 Praktikanten pro Jahr.» Mit dem EU-Beitritt Polens 2004 wurde der ganze Austausch institutionalisiert. Und seit der Ausdehnung der Personenfreizügigkeit vor einem Jahr reicht ein einseitiger Vertrag zwischen Bauern und Erntehelfer, der bei einem Einsatz von unter drei Monaten nicht einmal bei den Behörden gemeldet werden muss.

Ein ehemaliger Erntehelfer aus Polen hat sich selbstständig gemacht und vermittelt dem Bauernverband Arbeitshelfer – für 220 Franken können auf dem Antragsformular auch Wünsche wie Führerausweis und Erfahrung in der Pferdehaltung angebracht werden. Passenderweise führt seine Frau ein Carunternehmen, entsprechend wird die Reise oftmals gleich mitverkauft. Der Grossteil läuft aber über informelle Kontakte: So auch bei Wirz. Tokarz wurde ihm vom Erntehelfer eines befreundeten Bauern empfohlen. Dieses Jahr hat er nun noch seinen Schwager mitgebracht. Für Wirz ein Glücksfall: «Dann weiss ich, die arbeiten gut zusammen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.06.2012, 13:11 Uhr

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