«Press down, press down, press down»

In der St. Jakobshalle trafen sich 400 Yogis zum grössten Yoga-Event der Schweiz. Am Ende wurde es dann noch ein bisschen spirituell.

Körper erschöpft, Kopf leer. 400 Yoga-Begeisterte verbiegen sich und folgen den Kommandos, die aus den Lautsprechern dröhnen.

Körper erschöpft, Kopf leer. 400 Yoga-Begeisterte verbiegen sich und folgen den Kommandos, die aus den Lautsprechern dröhnen. Bild: Dominik Plüss

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«No cheating» ruft die kleine ­Inderin befehlend durch den Raum. Ein Ruck geht durch die Menge. 400 Menschen strengen sich an, ihre Pose noch ein bisschen besser hinzukriegen, sich noch ein wenig mehr zu verbiegen. ­Abhijata Sridar-Iyengar, die Enkelin des berühmten Yogalehrers B.K.S. Iyengar, stolziert wie ein Ausbilder im Militär zwischen den bunten Matten hindurch. Die 28-Jährige ist aus Indien nach Basel gereist, um 400 Yogabegeisterte aus der Schweiz und Frankreich an ihre körperlichen und mentalen Grenzen zu bringen.

Und das tut sie: Anstatt sanfte Klänge und leichte Gymnastik gibt es in der Kleinen St. Jakobshalle lautstarke Kommandos und ein stundenlanges, hartes Workout. Der Schweiss tropft und die fordernde Stimme der indischen Lehrerin lässt keine Schwäche zu. «Press down, press down, press down», ­verlangt sie über Lautsprecher. Sridar-Iyengar scheint auch am Hinterkopf Augen zu haben. Zeigt jemand ­ihrer Ansicht nach nicht den vollen Einsatz, greift sie auch mal zu. Mit drei kräftigen Stössen drückt sie eine Frau tiefer in eine Dehnung hinein. Das ­Gesicht der Schülerin verzieht sich. Ein junger Mann erhält einen Schlag auf den Hintern. «Suck your buttocks in», befiehlt die Lehrerin lautstark.

Sixpack unterm Yoga-Shirt

Es ist die Entmystifizierung der jahrtausendealten Yogapraxis, die ihren Grossvater international berühmt machte. Der 1918 in Indien geborene B.K.S. Iyengar entwickelte den sehr nüchternen und klaren Unterrichtsstil, bestehend aus den Asanas, den Körperübungen, und dem Pranayama, den Atemübungen. Am Samstagmorgen sind in Basel Erstere angesagt. Von neun Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags. «Utthita Parsvakonasana», tönt es aus dem Lautsprecher und 400 Körper nehmen den «seitlichen Winkel» ein, eine Art tiefer seitlicher Ausfallschritt mit Rotation im Oberkörper.

«Es ist richtig, richtig anstrengend», sagt Thomas. Der 43-jährige Versicherungsbroker aus Frankreich hat vor zwei Jahren mit Yoga begonnen. «Obwohl ich sehr sportlich war und bereits zwei Marathons hinter mir hatte, brachte mich die erste Stunde fast um.» Viele der Posen seien ohne gut trainierte Muskeln gar nicht machbar.

Wie gut, zeigt sich bei der Kerze – unter den hochgerutschten T-Shirts erscheint so manches stahlharte Sixpack.

Von der Quelle lernen

«Ich brauche Yoga als Ausgleich zu meinem stressigen Job», sagt Sandrine. Die junge Frau kommt ebenfalls aus Frankreich und arbeitet als Kommunikationsplanerin. «Es ist so anstrengend und man muss sich derart fest konzentrieren, dass im Kopf kein Platz bleibt für Pendenzen im Büro oder Ärger mit der Familie.» Von der Basler Convention mit der berühmten Iyengar-Enkelin erhoffte Sandrine sich neue Inputs für die eigene Yogapraxis. «Sie hat von Kindesbeinen an mit dem Erfinder dieses Stils praktiziert. Da kann man fast direkt von der Quelle lernen», sagt die Schülerin.

Am Ende wird es dann doch noch ein bisschen spirituell. Beim «Shavasana», der «Leichenhaltung». 400 Menschen liegen mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Niemand bewegt sich, während Sridar-Iyengar über die Einheit von Körper, Seele und Geist spricht. Auch die von den Anwesenden oft geäusserte Antwort auf die Frage «Warum Yoga?» mag Aussenstehenden fast sektiererisch anmuten: «Es verändert dein Leben einfach von Grund auf», lautet der Tenor. Ist Iyengar-Yoga also ein weltliches Bootcamp mit Drill Sergeant oder doch eher spirituelle Lehre inklusive Guru? Eine Teilnehmerin bringt es am Ende so auf den Punkt: «Uff. Körper erschöpft, Kopf leer, genial. Probierts doch selber.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.05.2014, 09:22 Uhr

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