Hintergrund

Provokation und Zensur an der Fasnacht

Im letzten Jahr erliess das Schnitzelbank-Comité bei einem seiner Mitglieder ein teilweises Versverbot und handelte sich Kritik ein. Doch Zensur ist an der Fasnacht nicht neu. Beispiele belegen es.

Mit und ohne Gesicht: Weil die Obrigkeit sich am Kriegstanz von Adolf Hitler und Benito Mussolini auf der Laterne der Schnurebegge von 1939 störte (rechts), musste der Maler die Gesichter einschwärzen (links).

Mit und ohne Gesicht: Weil die Obrigkeit sich am Kriegstanz von Adolf Hitler und Benito Mussolini auf der Laterne der Schnurebegge von 1939 störte (rechts), musste der Maler die Gesichter einschwärzen (links).

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Das Plakat war klein, nicht grösser als A4, und sorgte unverhofft für einen politischen Eklat grösseren Ausmasses. Es war das Jahr 1893 und die Vereinigten Kleinbasler (VKB) spielten den Bestechungsskandal im Zusammenhang mit dem damaligen Bau des Panama-Kanals aus. In ihrem Zug liessen sie auch eine Figur mitlaufen, die dem damaligen französischen Regierungspräsidenten Marie François Sadi Carnot glich. Ihr war am Rücken ein Karton angehängt mit der Aufschrift «pr. acquit 500'000 Carnot», welche die Bestechlichkeit des Präsidenten insinuierte. Die VKB waren keine anderthalb Stunden am Cortège unterwegs, als dieses Plakat schon konfisziert wurde.

Veranlasst hatte den Schritt das französische Konsulat. Der Fall ging bis nach Bern und endete am 10. März in einem mahnenden Brief des Bundespräsidenten an den Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt: «(...) indessen müssen wir bei diesem Anlasse Sie dringend ersuchen, zur Verhütung ähnlicher misslicher Vorfälle die kantonalen Polizeiorgane anzuweisen, in Zukunft derartigen Aufzügen bei Zeiten ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken und Darstellungen, welche als Beleidigungen eines fremden Volkes, seines Souveräns oder einer auswärtigen Regierung zu betrachten sind, sofort zu unterdrücken (...).»

800 Franken Busse

Damit endete ein Fall von Zensur gerade noch einmal glimpflich – nicht zuletzt dank diplomatischer Korrespondenz. Zum Glück. Denn man hatte noch den Fasnachtsskandal fünf Jahre zuvor in Erinnerung. Damals ging es um einen Zeedel, in dem unter dem Titel «Vive la France» Deutschland und seine elsass-lothringische Regierung in grober Weise beleidigt wurden. Die am Fasnachtsmontag des 20. Februars 1888 in Umlauf gebrachte Schrift breitete sich in Windeseile aus und wurde sogleich in deutschen Zeitungen thematisiert.

Während die «Norddeutsche Allgemeine Zeitung» den Zeedel geisselte, meinte die «Frankfurter Zeitung»: «Wenn die Deutschen in Basel sich durch die vielberufenen Schmutzwerke belästigt gefühlt hätten, würden sie zweifellos an den dortigen deutschen Konsul sich gewandt haben; haben sie es nicht gethan, so hat gewiss auch die deutsche Regierung keinen Grund, den Bubenstreich einiger schlecht erzogener Karnevalshelden zum Gegenstand einer diplomatischen Aktion zu machen.» Tatsächlich wandten sich in Basel wohnhafte Deutsche an den dortigen deutschen Konsul – allerdings die gute Seite der Basler betonend.

Und im «Berliner Börsencourier» hiess es abgeklärt: «Es will uns scheinen, als verrathe sich hierin eine übergrosse Empfindlichkeit. Schmutzige und grobe Gedichte werden überall den Beifall des Pöbels finden. Das kann keine Regierung lindern, in der Schweiz so wenig wie in Frankreich und in Deutschland.» Dennoch klagte die deutsche Regierung beim Bundesrat gegen das «Machwerk» und erreichte, dass der Fall vor Gericht kam. Am 19. Juni gleichen Jahres wurde im oberen Saal des Stadtcasinos unter dem Vorsitz des Bundesrichters entschieden, dass der für den Zeedel Verantwortliche zu verurteilen sei – zu 800 Franken Geldbusse, zuzüglich Prozesskosten und 200 Franken Urteilgebühr.

Versteckte Zensur durch das Schnitzelbank-Comité

Gerne wird in Basel immer wieder postuliert, dass die Fasnacht als sogenanntes Ventil des Unmuts zu betrachten sei; es soll das Bild des explodierenden Dampfkochtopfs Wirklichkeit werden – mit dem bewusst hingenommenen Risiko, dass nicht nur freche Persiflage und boshafte Satire, sondern auch politisch Unkorrektes, Rassistisches, provokativ Infames hochsteigt. Doch diese auf drei Tage im Jahr angelegte Grenzenlosigkeit kann dann bisweilen doch plötzlich und schnell zurückgebunden werden. Das Versverbot, welches das Schnitzelbank-Comité im vergangenen Jahr gegen die Zämmegwürfelte mit dem Komikerduo Almi & Salvi ausgesprochen hat, und der danach erfolgte Aufruf desselben Comités an seine Mitglieder, während der diesjährigen Fasnacht nicht auf der von Almi & Salmi betriebenen Bühne des Theaters Scala aufzutreten, sind der jüngste Fall versteckter Zensur.

Ist Zensur per se falsch? In religiöser, sittlicher oder politischer Hinsicht wird sie gerne mit der Notwendigkeit begründet, zur Eigendefensive unfähige oder unwillige Gesellschaftsgruppen vor der schädlichen Wirkung bestimmter Inhalte zu schützen. Dagegen erheben die von Zensur Betroffenen den Vorwurf, der wahre Beweggrund der Zensuraktivität liege im Schutz und Machterhalt der sie ausübenden Eliten. Tatsache ist, dass die Zensur häufig gerade die Schwäche des Zensurierenden entlarvt, ja ihn sogar der Lächerlichkeit preisgeben kann.

Hitler muss weg

Blenden wir zurück, dann kann man nur staunen, was schon damals an sogenannt Bedeutendem oder Unbedeutendem plötzlich gar zu polizeilichen Einschreitungen geführt hat. Im Jahre 1939, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, war auf der Laterne der Schnurebegge Adolf Hitler abgebildet, wie er mit Benito Mussolini ein fröhliches Tänzchen vollführt. Darunter stand: «Schryb ‹Schwitzer-Tütsch›, so lang de kasch, blyb trei in Sache ‹bugg di›! Mer hän nit numme-n-in Nord und Süd, hän au in der Schwyz Verruggti.»

Worum ging es? Die Clique nahm ein neues sprachwissenschaftliches Werk des Zürcher Sprachwissenschaftlers Eugen Dieth aufs Korn. Dieser hatte 1938 das Buch «Schwyzertütschi Dialäktschrift» herausgegeben, in dem eine Norm für die Verschriftung der schweizerdeutschen Dialekte entworfen wurde. Die Fasnachtsclique Schnurebegge mit Mundartpoet Theobald Baerwart als Zeedeldichter spitzte nun die Sache zu; sie interpretierte die neue Dialektschrift als Mittel der geistigen Landesverteidigung und verwob sie mit dem aufziehenden Krieg.

Das ging einigen zu weit – es kam zur Zensur. Der Laternenmaler Carl Heitz wurde aufs Polizeidepartement zitiert. Sofort seien die beiden Köpfe unkenntlich zu machen, anderenfalls werde die Laterne aus dem Verkehr gezogen. Der Maler respektierte die Zensur und unterlief sie doch zugleich: Er übermalte die Gesichter, verwendete dafür indes keine Deckfarbe – mit dem Resultat, dass nachts, wenn die Laterne von innen beleuchtet wurde, die beiden Konterfeis deutlich zu erkennen waren.

Schwarze Streifen

Auch der Basler Maler Niklaus Stoecklin blieb von der Zensur nicht verschont. In den frühen Morgenstunden nach dem Morgestraich im Jahr 1926 wurde er telefonisch zum Vorsteher des Polizeidepartements bestellt. Was war geschehen? Die Lälli-Clique spielte eine Prüderie aus: Die Kunsthandlung Rath hatte die Reproduktion von Manets nackter Olympia gezeigt, musste sie aber auf Geheiss der Obrigkeit aus dem Schaufenster entfernen, da sie den keuschen Sinn der Passanten verletzen konnte. Stoecklin malte nun auf die Laterne den Hüter des Gesetzes, wie er in stillster Klause, auf der Toilette nämlich, das Traumbild des Manet-Gemäldes auf seinen Knien wiegt. Das erregte den Zorn der Behörde doppelt: Unsittlichkeit und Verspottung – das war zu viel; die Laterne musste weg. Stoecklin konnte dies durch einen akzeptablen Kompromiss verhindern: Er schnitt aus Packpapier ein Kleidlein aus für die Manet-Olympia und überklebte damit ihre Blösse.

Ebenfalls den langen Arm der Zensur zu spüren bekam die Basler Mittwoch-Gesellschaft. Am 11. März 1930 stand dazu in den «Basler Nachrichten»: «Ohne Zettel erscheint die Basler Mittwochgesellschaft. Sie sind ihr konfisziert worden und auch die etwas mit giftigen Versen gezierte Laterne weist verschiedene schwarze Streifen auf. Ihr Frauenzentrale-Zug wirkte trotzdem vergnüglich und geschlossen.»

Bissigere Zeilen in schlechten Zeiten

Die Grenzen der Moral und des politischen Anstands immer wieder neu auszuloten, indem man sich über sie hinwegsetzt, dazu ist die Fasnacht – auch – da. Doch kommt das eigentlich selten vor. Das mag zum einen an den Cliquen selber liegen, die in ihren Statuten häufig die Neutralität in Bezug auf Religion und Politik betonen, was in gewisser Weise einer sich selber auferlegten Vorzensur entspricht. Zum anderen kommt es darauf an, wie gross der Spielraum der Sujetverantwortlichen ist. Haben sie völlig freie Hand, besteht eher Gewähr, dass das Sujet an Schärfe und Provokation gewinnt. Findet eine basisdemokratische Diskussion statt, darf man nicht unbedingt ein Sujet mit viel Biss erwarten.

Schliesslich spielen auch die jeweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse eine Rolle. In guten Zeiten gibt es weniger zu jammern und zu klagen als in schlechten. In den 1930er-Jahren, der Zeit der Wirtschaftskrise, ging das Gespenst der Überfremdung um und die Angst, von Ausländern ausgenommen zu werden. Im Zeedel der Schnurebegge aus dem Jahr 1934 heisst es über die Immigranten:

Wie d Wäntele dien si nischte
In jedem Ritz sich y,
Und um’s Verregge mien si
Au gly no Burger sy.
Mr hän vo jeder Rasse,
Us jedem Himmelstrich,
Und wenn si nonig fuule,
So hän si doch e Stich;
Vom Süde d Lazaroni,
Der Norde – s isch e Gruus! –
Dä speit die grosse Schnuure
Und d Galgeveegel us.
Si grinde Schwindelfirme
Und lehn d Verwandtschaft koh,
Versaue s Kino, kotze
Is zletscht ins Radio,
Und ihri Aierschale
Schleppt mit die ganzi Bruet;
Bald goht is bis ans Kini
Die bruun und schwarzi Fluet.

So politisch unkorrekt uns der Zeedel heute erscheinen mag, damals provozierte er kein Nachspiel. Würde man sich heute – trotz Sarazzin, Wikileaks, Facebook und zahlreichen Internetblogs – getrauen, so etwas zu schreiben? Warten wirs ab. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.03.2011, 18:26 Uhr

Mit und ohne Blösse: Niklaus Stoecklin musste 1926 der Manet-Olympia (links) auf der Lälli-Laterne ein Packpapierkleid «anziehen» (rechts). Fotos aus dem Buch «Basler Fasnachtslaternen».

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