Rechtsextremer narrte die Behörden

Der Kanton Basel-Stadt streicht einem Verschwörungstheoretiker die Gelder – jedoch viel zu spät.

Staatsleugner mit Staatsgeldern. Detlev Hegeler betreibt von Kleinbasel aus sein Wake News-Portal.

Staatsleugner mit Staatsgeldern. Detlev Hegeler betreibt von Kleinbasel aus sein Wake News-Portal. Bild: YouTube

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Für Detlev Hegeler hat der Dritte Weltkrieg begonnen. Spätestens seit der ersten grossen Flüchtlingswelle und der von Bundeskanzlerin Angela Merkel propagierten Willkommenskultur sei die europäische «Rasse» im Krieg. Das «System», wie es Hegeler konsequent nennt, wolle die normalen Bürger Europas in «arme, um Hilfe schreiende, sich verknechten lassende Mischlinge» verwandeln. Hegeler prophezeit, dass die Regierungen versuchen würden, die «europäischen Ureinwohner» durch die Vermischung mit Afrikanern auszurotten, was weiter dazu führen werde, dass Europa von einer «braunen Mischrasse mit niedrigem Intelligenzquotient» bevölkert werden. Schuld für diese «Apokalypse» seien die Juden.

Diese und weitere rassistische Theorien erfindet der Verschwörungstheoretiker und Deutsche in seiner Wohnung im Kleinbasel. Von dort aus betreibt er auch sein «unabhängiges» Newsportal Wake News. Der 63-jährige Hegeler glaubt nicht an Gesetze und Verfassungen. Er glaubt, dass die Welt insgeheim von einer «jüdisch-aristokratischen» Rasse geführt wird. Deshalb glaubt er nicht an Staaten und Nationen.

Das hält ihn jedoch nicht davon ab, auf Kosten eines Staats, oder in diesem Fall des Kantons Basel-Stadt, zu leben und Sozialgelder anzunehmen. Seit Jahren lebt der arbeitslose Rechtsextremist von AHV- und Sozialhilfegeldern – bis vor Kurzem. Wie die Sonntagszeitung berichtete, hat das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU) seit diesem Monat die Unterstützungsleistungen für Detlev Hegeler eingestellt.

Umfrage

Trotz Gerichtsverfahren und zweifelhaften Online-Aktivitäten wurden Hegeler erst jetzt die Leistungen eingestellt. Hätte das WSU im Fall von Hegeler schneller reagieren müssen?

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18.4%

885 Stimmen


Dies, weil Hegeler auf seiner Internetseite zu Spendengeldern aufruft, um seinen «unabhängigen Journalismus» zu unterstützen. Zudem verkauft er über einen Onlineshop CDs, DVDs, T-Shirts und Ausrüstung zum Überleben in der Wildnis – schliesslich könne die Apokalypse jeden Tag beginnen. Das WSU forderte ihn zusätzlich auf, dem Departement Einblick in seine finanziellen Aktivitäten zu gewähren. Er verweigerte jedoch die Kooperation mit dem Kanton. Wie Rechtsextremist Hegeler in einem Video auf seinem Youtube-Kanal und seiner Webseite erzählt, habe das WSU das Geld gestrichen, weil er «finanzielle Zuwendungen zum Bestreit des persönlichen Lebensunterhalts» erhalten würde. «Das ist Verleumdung», ruft er empört in die Kamera. Dass das WSU Verleumdung betreibt, ist zweifelhaft. Fraglich ist jedoch, wieso der Kanton ihm die Sozialgelder nicht schon früher strich. Denn bereits seit 2009 betreibt Hegeler seine Webseite, wo er Gleichgesinnte dazu aufruft, ihn finanziell zu unterstützen.

Vom Soldaten zum Hetzer

Aufgewachsen ist Hegeler in der Nähe von Bielefeld und hat eine kurze Zeit für die deutsche Luftwaffe gearbeitet, bevor er ein Betriebswirtschaftsstudium begann und schliesslich in die Schweiz zog. Dies schreibt jedenfalls das Internetportal Sonnenstaatland, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Treiben von rechtsextremistischen Verschwörungstheoretikern zu dokumentieren. Bis vor acht Jahren betrieb Hegeler gemäss Handelsregister in Basel eine eigene Consultingfirma. Es ist davon auszugehen, dass er seitdem am Tropf des Staats hängt.

Unter dem Radar des Staats

Letzterem sollte er jedoch seit 2012 bereits bekannt sein. Damals stürmten Beamte der Basler Polizei seine Wohnung und beschlagnahmten sein gesamtes Equipment, das er zur Aufnahme seiner Sendungen benötigte. Die BaZ berichtete damals ausführlich über den Verschwörungstheoretiker.

Ebenfalls im Jahre 2012 landete Hegeler gemäss Sonnenstaatland vor dem Basler Zivilgericht, weil er sich weigerte, ausstehende Rechnungen zu bezahlen. Spätestens seit 2012 oder drei Jahre später, als der Staatsleugner wegen übler Nachrede in Deutschland verurteilt wurde, hätte das WSU auf ihn und seine Aktivitäten aufmerksam werden können. Darauf angesprochen, schreibt das WSU: «Aus Gründen des Datenschutzes können wir Ihnen weder mitteilen, ob und welche Leistungen Herr Detlev Hegler erhalten hat, noch ob und in welchem Umfang diese schon früher gekürzt worden sind.»

Hegeler lässt sich von den Massnahmen des Kantons jedoch nicht einschüchtern. Auf seiner Webseite ruft er seine Anhängerschaft dazu auf, ihm Geld für einen Anwalt zu spenden, um gegen das WSU vorgehen zu können.

Auf Anfrage der BaZ sagt Hegeler, dass es sich bei den Vorwürfen des Sozialamts lediglich um Vermutungen handle, die er zurückweise. Weiter wolle er mit einem Advokaten gegen die Streichung seiner Sozialgelder vorgehen, da das WSU und das Sozialamt seiner Meinung nach gegen Grund-, Verfassungs- und Menschenrechte verstossen würden. Auch vermutet er ein politisches Motiv des Kantons. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.03.2018, 07:24 Uhr

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