Resistente Bakterien breiten sich aus

Das Basler Kantonslabor hat dieses Jahr schon verschiedene multiresistente Bakterien auf Nahrungsmitteln entdeckt. Schuld ist der übermässige Antibiotikaeinsatz.

Gefahr im Essen. Im kommenden Jahr werden verschiedene Lebensmittel auf multiresistente Bakterien hin untersucht.

Gefahr im Essen. Im kommenden Jahr werden verschiedene Lebensmittel auf multiresistente Bakterien hin untersucht. Bild: Keystone

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Lungenentzündung, Blasenentzündung, Blutvergiftung: Auf all diese Diagnosen gibt es seit der Entdeckung von Penicillin eine Antwort – Antibiotika. Doch die Wunderwaffe ist stumpf geworden. Immer mehr Keime können dem Angriff durch verschiedene Antibiotika trotzen. Experten gehen davon aus, dass resistente Erreger auch über die Nahrungsaufnahme übertragen werden können. Das Basler Kantonslabor wird deshalb im kommenden Jahr eine Kampagne starten und gezielt nach solchen multiresistenten Bakterien auf Lebensmitteln suchen. Erste Tests wurden bereits durchgeführt.

Bisher waren der Öffentlichkeit vor allem die sogenannten Krankenhauskeime bekannt. Diese multiresistenten Erreger wurden in Spitälern übertragen und waren besonders für immunschwache Patienten gefährlich. Seit einigen Jahren verbreitete sich jedoch ein anderer Typ resistenter Keime rasant ausserhalb der Kliniken: sogenannte ESBL-produzierende Bakterien. «Er kommt in der gesamten Umwelt vor, bei Menschen, Tieren und auf Pflanzen», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Seit 2004 hat sich die Zahl der bei Patienten entdeckten ESBL-Bakterien vervierfacht. Damals wurde in einem Prozent der in der Schweiz erstellten Bakteriogramme eine solche Resistenz festgestellt, heute betreffe es bereits vier Prozent aller bei Krankheiten untersuchten Bakterienproben.

Keine neuen Antibiotika

Bisher konnte man auf solche Resistenzen mit neuen Generationen von Antibiotika reagieren. Das scheint in naher Zukunft aber nicht mehr möglich. «Die Forschung hat mitgeteilt, dass nichts Neues in der Pipeline sei», sagt Koch. «Wir müssen also mit den Medikamenten haushalten, die wir derzeit kennen.» Aber gerade gegen die wichtigsten Antibiotikagruppen, die es momentan auf dem Markt gibt, sind die ESBL-produzierenden Bakterien resistent.

Die Abkürzung ESBL steht für «Extended-Spectrum-Betalactamases» und bezeichnet bakterielle Enzyme, die verschiedene Antibiotika wirkungslos machen. Produzieren können es Bakterien, die beim Menschen im Darm vorkommen, wie E. Coli oder Klebsiella, und bei denen ein verändertes Gen vorliegt. Woher dieses Gen ursprünglich stammt, wisse man nicht, so Koch. Ursache für seine Entstehung und die rasante Verbreitung in den letzten Jahren sei aber der verbreitete Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier.

Besonders ungünstig: Die Bakterien können die Mutation untereinander weitergeben. An sich harmlose Keime übertragen dann die Antibiotikaresistenz auf gefährliche Krankheitserreger.

Es kann jeden treffen

Eine Infektion durch ESBL-produzierende Bakterien kann in der ganzen Bevölkerung ausbrechen. «Es sind hier nicht nur einzelne Gruppen, wie etwa chronisch Kranke, gefährdet», sagt Koch. Die meisten Infekte durch die resistenten Bakterien betreffen Blase und Niere. «Die Resistenz wurde aber auch schon bei ganz schweren Erkrankungen wie Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen nachgewiesen.» Das könne sehr gefährlich werden, warnt Koch. «Es gibt noch keine Zahlen dazu, aber wenn ein Erreger nicht mehr bekämpft werden kann, droht der Tod des Patienten.»

Wie die Erreger übertragen werden, ist noch nicht abschliessend geklärt. Man geht derzeit davon aus, dass sie von Menschen und Tieren untereinander weitergegeben werden können. Neben dem direkten Weg durch eine Infektion mit einem resistenten Keim könne eine Übertragung aber auch über die Nahrungsaufnahme erfolgen, vermuten ­Forscher. Derzeit werden europaweit Untersuchungen angestrebt, um Daten zu diesem Thema zu sammeln.

Etwas, was das Basler Kantonslabor im kleinen Rahmen bereits getan hat – als Vorlauf für die Kampagne nächstes Jahr. Die Mitarbeiter haben aus zwölf mit Keimen belasteten Proben von ­gekochtem Reis, Gemüse und Teigwaren Bakterien isoliert und dann gezielt nach Resistenzen gesucht. Kontaminiert waren die Lebensmittel mit ­Darmbakterien und Umweltkeimen; 21 der 31 untersuchten Isolate wiesen eine oder mehrere Antibiotikaresistenzen auf.

Keine Konsequenzen für Wirte

«Bisher war das nur eine kleine Untersuchung», sagt Peter Brodmann, Leiter Bioanalytik und Radioaktivität beim Kantonslabor. Man habe in einem ersten Schritt die Methodik aufbauen und testen wollen. Jetzt ist das Basler Labor bereit, die Suche nach ESBL-produzierenden Bakterien in verschiedenen Lebensmittelgruppen zu verschärfen. Für die Lebensmittel- und Restaurationsbetriebe, bei denen multiresistente Keime festgestellt werden, hat die Entdeckung keine Konsequenzen. «Es gibt keine Regelung, dass ein Bakterium nicht resistentsein darf», erklärt Brodmann. Reagiert werde nur, wenn die Anzahl der gefundenen Erreger den Toleranzwert überschreite, unabhängig davon, ob die Keime resistentsind oder nicht.

Für das BAG hat die Bekämpfung der ESBL-Keime eine sehr hohe Dringlichkeit erreicht. «Zuerst geht es jetzt darum, mehr über die Bakterien zu erfahren, dann können Massnahmen ergriffen werden», sagt Koch. Das Problem sei jedoch komplex, und es gebe nicht einen simplen Lösungsansatz. Etwas sei aber dringend notwendig: «Wir müssen in den nächsten Jahren besser hinschauen, wo und wann Antibiotika eingesetzt werden. Je mehr es sind, desto schneller verbreiten sich die Resistenzen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.11.2012, 12:27 Uhr

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