Schiffsunglück wirft viele Fragen auf

Ist das Vermessungsboot mit dem belgischen Gütermotorschiff kollidiert, obschon es sich in diesem Bereich nicht hätte aufhalten dürfen?

Vermessungsboot Level-A nach dem Zusammenstoss mit dem Frachtschiff.

Vermessungsboot Level-A nach dem Zusammenstoss mit dem Frachtschiff. Bild: Mischa Christen

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Die Schweizerischen Rheinhäfen wollten gestern keine Fragen beantworten zum Unglück auf dem Rhein vom vergangenen Freitag. Nicht einmal ganz allgemeine Fragen zu Themen wie: Wann kommt ein Radar auf einem Frachtschiff zum Einsatz? Oder: Besitzt ein Frachtschiff eine Videokamera am Bug? Oder: Wann kommt auf einem Frachtschiff ein Lotse zum Einsatz? Laut der Kantonspolizei war es ein Lotse, der das Frachtschiff steuerte. «Es ist schwierig, auf Fragen einzugehen, weil die Beantwortung zu Spekulationen führen könnte. Die Federführung liegt bei der Staatsanwaltschaft», sagt Hans-Peter Hadorn, Direktor der Schweizerischen Rheinhäfen.

Eine Frage hat Hadorn dennoch beantwortet. Sie betrifft die aktuelle Baustelle bei der Schwarzwaldbrücke. «Dort herrscht zurzeit wechselweise Einbahnbetrieb. Entweder haben die Schiffe bergwärts oder talwärts Vorfahrt», sagt Hadorn.

Frachter konnte nicht ausweichen

Ist also das Vermessungsboot im Bereich der Schwarzwaldbrücke mit dem belgischen Gütermotorschiff kollidiert, obschon es sich in diesem Bereich zum gegebenen Zeitpunkt nicht hätte aufhalten dürfen? Ein Rheinschiffkapitän, der grosse Schiffe wie das belgische Gütermotorschiff zu lenken weiss, der aber nicht namentlich genannt werden will, sagt: «Das Vermessungsschiff hätte dort zu diesem Zeitpunkt gar nicht fahren dürfen.» Ihm sei schleierhaft, weshalb das Vermessungsschiff in die Fahrrinne des Frachtschiffs gefahren sei und weshalb seine Besatzung den Frachter nicht gesehen habe.

Die Vortrittsregeln auf dem Rhein bezüglich der Grösse der Schiffe sind eigentlich klar: «Grundsätzlich hat immer die Grossschifffahrt Vortritt. Sind die Schiffe gleich gross, hat jenes Vortritt, das talwärts fährt, da es weniger gut ausweichen kann», sagt André Auderset, Geschäftsführer der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft. Klar ist für Auderset, dass ein Frachtschiff wie das belgische mit über 100 Metern Länge kaum ausweichen kann, wenn es sich einmal auf Kollisionskurs befindet. Ein kleineres Schiff in der Regel hingegen schon: «Das kann einmal Gas geben und aus der Fahrrinne des Frachters hinausfahren», sagt Auderset.

Laut Auderset haben Frachtschiffe rheinaufwärts eigentlich keine Schwierigkeiten, das Rheinknie zu passieren. Das hänge auch mit den Lotsen zusammen, die in Basel oft zum Einsatz kommen. Beispielsweise wenn ein ausländischer Kapitän kein Patent für den entsprechenden Abschnitt auf dem Rhein besitzt: «Die Lotsen wissen genau, an welchem Punkt sie einlenken müssen, um das Schiff genau unter den Brückenpfeilern hindurchzubringen», sagt Auderset. Der Einlenkpunkt sei vor allem bei der Talfahrt eine grosse Schwierigkeit; es gelte, den Bogen unter der Mittleren Brücke genau zu erwischen und nicht mit einem Pfeiler zu kollidieren.

Den Verkehr auf dem Fluss zu regeln, ist Sache der Revierzentrale der Schweizerischen Rheinhäfen. Diese übernimmt eine ähnliche Rolle wie der Kontrollturm auf einem Flughafen. Sie lässt Schiffe durch oder behält diese zurück. Es gebe viele technische Hilfsmittel, doch ein Lotse sei am zuver­lässigsten, wenn es darum gehe, ein Schiff durch die Stadt zu lenken, sagt Auderset: «Deshalb holt man ihn an Bord.»

Lotse hat Boot wohl übersehen

Der erste Punkt, den ein Lotse oder ein Kapitän vor dem Schiff sieht, liege je nach Ladung und Tiefgang weit vorne. «Das sind 50 bis mehrere hundert Meter vor dem Bug», sagt der Schiffskapitän, der nicht genannt werden will. Das heisst, dass der Lotse, der das belgische Frachtschiff gesteuert hat, das Vermessungsboot also kaum gesehen haben dürfte, falls es wenige Sekunden vor dem Aufprall aus unbekannten Gründen vor den Bug geraten war.

Diese Gründe herauszufinden, ist Aufgabe der Basler Staatsanwaltschaft. Klar ist: «Das Vermessungsboot hat eine richtige Delle auf der einen Seite. Das Frachtschiff dürfte also mit grosser Wucht auf das querstehende Vermessungsboot aufgefahren sein. Der Aufprall muss so heftig gewesen sein, dass die vier Besatzungsmitglieder rausgefallen sein dürften», sagt René Gsell, der Mediensprecher der Staatsanwaltschaft.

Noch immer vermisst wurde gestern der Schiffsführer des Vermessungsbootes Level-A. Bekannt wurde hingegen, dass es sich beim am Samstagabend im Spital Verstorbenen um den deutschen Professor Volker Böder handelt. Er leitete das Testprojekt zur Ausmessung der Schifffahrtsrinnen im Rhein mit neuen Technologien. Böder war Professor für Geodäsie und Hydrografie an der Hafen City Universität Hamburg (HCU). Die beiden überlebenden Personen seien derweil wieder zurück in Hamburg bei ihren Familien.

Messungen in diesem Bereich nötig

Der Präsident der HCU, Walter Pelka, verlieh in dem Communiqué von gestern seiner Betroffenheit über das Unglück Ausdruck: «In diesem schrecklichen Moment sind unsere Gedanken und unsere Anteilnahme ganz bei den Familien von Volker Böder und dem Schiffsführer der «Level A». Ihnen möchten wir mit aller Kraft zur Seite stehen. Was dieser Verlust dieses aufrichtigen und hilfsbereiten Kollegen für die HCU bedeutet, lässt sich noch gar nicht ermessen.»

Laut Marc Keller, Mediensprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, seien die Messungen im Bereich, wo das Boot operierte, nötig, da sich dort zwischen den Kielen der Schiffe und dem Boden je nachdem sehr wenig Wasser befinde. Keller: «Man muss überwachen, ob sich die Situation durch Geschiebe dort verändert, und dann allenfalls ausbaggern.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.09.2012, 09:17 Uhr

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