Schweizerdeutschquote an Schulen gefordert

Im Kanton Basel-Stadt gibt es Klassen fast ohne Schweizer Schüler. Das soll sich nun ändern, findet die SP-Bildungspolitikerin Sibylle Benz Hübner.

In Basler Schulklassen soll künftig ein Drittel der Schüler Schweizer Herkunft sein.

In Basler Schulklassen soll künftig ein Drittel der Schüler Schweizer Herkunft sein. Bild: Keystone

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«Grüezi» statt «Bom dià» und «Tschau» statt «Güle güle»: An Basler Schulensoll wieder vermehrt Schweizerdeutsch zu hören sein. Da sind sich Grossräte von SP bis SVP einig. In einem Vorstoss fordern sie den Regierungsrat auf zu prüfen, wie man die Basler Kinder künftig nach ihrer sprachlichen Herkunft auf die Schulstandorte verteilen könnte. Konkret soll eine Quote von rund einem Drittel Schweizerdeutsch sprechender Schüler in den hiesigen Klassen erreicht werden.

Federführend ist hier die SP-Bildungspolitikerin Sibylle Benz Hübner. Hinter ihrer Forderung nach einer Schweizerdeutschquote steckt der Wunsch, in Sachen Bildung eine Chancengleichheit auch für ausländische Kinder zu erreichen. «Es ist ein von der Verfassung vorgegebenes Ziel, dass alle Kinder optimale Bildungschancen unabhängig von Geschlecht und sozialer Herkunft erhalten sollen», so Benz Hübner. Dafür sollen in Zukunft nicht nur mindestens 30 Prozent der Schüler in einer Klasse Schweizerdeutsch als Muttersprache sprechen. Als zweiten Punkt möchte Benz Hübner erreichen, dass künftig in keiner Klasse mehr als ein Drittel dieselbe Fremdsprache spricht.

Schweizer-Mangel im Kleinbasel

Aktuell sieht die Verteilung ganz anders aus. So gibt es Klassen, in denen fast alle Schüler aus der Schweiz stammen und zu Hause Baseldeutsch oder einen anderen Schweizer Dialekt sprechen. In der Gemeinde Riehen etwa ­betraf dies im Schuljahr 2009/10 über 75 Prozent aller Schüler auf Stufe Orientierungsschule. Je nach Schulkreis präsentiert sich die Situation aber völlig anders. Besonders im Kleinbasel ist der Anteil der Schweizer Schüler sehr tief. Laut dem Bildungsbericht 2010/11 war hier auf der Stufe Orientierungsschule im Schuljahr 2009/10 nur rund ein Drittel aller Kinder deutscher Muttersprache. 13,6 Prozent beispielsweise sprachen Albanisch, 10,6 Prozent eine südslawische Sprache und 14,1 Prozent Türkisch oder Kurdisch.

Aktuell gibt es in Basel eine Einführungsklasse (hier werden die Lernziele der 1. Primarstufe auf zwei Jahre verteilt), in der kein einziges Schweizer Kind sitzt. Dazu kommen vier spezielle Fremdsprachenklassen. Aber auch in den Regelklassen sind teils nur einzelne Schweizer eingeschult. «Das ist für die Integration nicht gut», so SP-Grossrätin Gülsen Oeztürk, die den Vorstoss von Benz Hübner ebenfalls unterzeichnet hat. Oeztürk lebt im Kleinbasel, ihre Tochter hat das Schulhaus Bläsi besucht. «In ihrer Klasse waren nur vier Schweizer Kinder. Alle anderen hatten selber Migrationshintergrund», erzählt Oeztürk. Für die Politikerin wäre eine ausgeglichene Verteilung aber unbedingt nötig. «Die Schuleist für die Integration zentral. Und schliesslich leben wir in der Schweiz und sollten von klein auf mit der hiesigen Bevölkerung und Sprache in Kontakt kommen.»

Quartiergrenzen verschieben

Dass die aktuelle Forderung von links kommt, erstaunt SVP-Grossrat Joël Thüring. Auch er hat den Anzug unterschrieben. «Meine Partei fordert schon lange, dass in einer Klasse keine Mehrheit dieselbe Fremdsprache sprechen soll», sagt er. Denn nur bei einer stärkeren Durchmischung seien die Kinder quasi gezwungen, sich auf Schweizerdeutsch, als «kleinstem gemeinsamem Nenner», zu unterhalten. «Andernfalls ist es ja auch für die Lehrpersonen kein akzeptabler Zustand; sie verstehen die Schüler nicht», so Thüring. Bei der Mindestquote von 30 Prozent Schweizer-Anteil hat der SVP-Mann hingegen Vorbehalte. «Es darf nicht darin ausarten, dass am Schluss Kinder als Quotenschweizer vom Bruderholz ins St. Johann gefahren werden müssen.»

Ein Szenario, das anderswo Realität ist: In den USA hat man das sogenannte «Busing» eingeführt: Um in den Klassen eine Durchmischung von schwarzen und weissen Kindern zu erreichen, wurden Schüler ganz anderen Stadtteilen zugeteilt und dann per Bus zur Schulegebracht. Wie die gewünschte Verteilung in Basel erreicht werden könnte, das muss jetzt der Regierungsrat prüfen. Benz Hübner sieht gerade im laufenden Jahr die Chance, die Zuteilung an die Schulstandorte im Sinne ihrer Forderung anzugehen. Denn ab August wird die Primarschule um zwei Jahre verlängert, und neue Primarschulstandorte werden eröffnet. «Dies könnte man nutzen, um die Quartiergrenzen im Sinne meines Anzugs zu verschieben», sagt Benz Hübner. «Die Kinder sollen nicht gleich quer durch die ganze Stadt geschickt werden. Aber halt vielleicht bis ins Nachbarquartier.»

Forderung als Zwischenlösung

Ob das Vorhaben bei den Eltern auf Zustimmung stösst, ist dennoch fraglich. Studien zufolge zügeln gerade besser verdienende Paare häufig vor der Einschulung der Kinder in teurere Quartiere und nehmen höhere Mieten in Kauf, damit die Sprösslinge zusammen mit Schweizern eine Klasse besuchen. Sollte der Nachwuchs plötzlich einem anderen Schulstandort zugeteilt werden, dürfte dies bei einigen zu Widerstand führen. Benz Hübner sieht denn ihre Forderung auch nur als Zwischenlösung. Die eigentliche Lösung sei eine städtebauliche. «Die Quartiere müssen besser durchmischt sein, dann sind es auch die Schulklassen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.04.2013, 06:36 Uhr

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