Sextoys basteln als Uni-Fach?

Der umstrittene Workshop «Sextoys basteln» löst in Stadt und Land eine Grundsatzdiskussion aus und beschäftigt derzeit sogar die Parlamente beider Basel.

Etwas zum Spielen: Am Workshop «Sextoys basteln» liessen die Teilnehmer ihrer Phantasie freien Lauf.

Etwas zum Spielen: Am Workshop «Sextoys basteln» liessen die Teilnehmer ihrer Phantasie freien Lauf.

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«Do it yourself: Sextoys basteln» – so lautete das Motto einer offenen Veranstaltung, die von der Fachgruppe Gender Studies (Geschlechterforschung) der Universität Basel im Mai veranstaltet wurde. Die Teilnehmer sollten während des Workshops im Café Hammer in Basel lernen, wie man sich aus Rüebli, Gurken oder Bananen Dildos und weiteres Sexspielzeug basteln kann. Das aussergewöhnliche Angebot sorgte für Aufregung und ist sogar in den Kantonsparlamenten beider Basel ein Thema.

In einem gleichlautenden Vorstoss stellen die Baselbieter EVP-Landrätin Sara Fritz und der Basler Grossrat Patrick Hafner die erwähnte Veranstaltung infrage. In einer freien Gesellschaft sei man als Privatperson frei zu entscheiden, was man in der eigenen Freizeit unternimmt. Doch was habe eine solche Veranstaltung im offiziellen Programm der Basler Universität zu suchen, fragen sich die beiden Politiker. Die Universität werde mit Steuermitteln finanziert und sollte hohe akademische Qualität sowie wissenschaftliche Neutralität und Integrität garantieren.

«Verblödung unserer Studenten»

Es sei vor allem fragwürdig, dass die Universität ihren Namen für eine solche Veranstaltung hergebe, sagt Fritz. Das passe überhaupt nicht ins Bild der Uni, die sich selber immer als wissenschaftlich und erfolgreich vermarkte. «Die wissenschaftliche Erkenntnis ist bei diesem Angebot aber minimal. Vielmehr trägt es zur Verblödung unserer Studenten bei», hält Fritz fest.

Fritz und Hafner wollen von der jeweiligen Regierung unter anderem wissen, welchen Finanzierungsbeitrag die Kantone für das Zentrum Gender Studies leisten und ob auch das Geld für den Bastel-Workshop aus der Staatskasse stammt. Zudem stellen sie die Frage nach der Qualitätskontrolle der unter dem Namen der Universität organisierten Veranstaltungen. Der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich (SP) kann zur Finanzierung keine Angaben machen. Die Kantone leisteten Globalbeiträge an die Uni. «Auf die Verteilung der Gelder nehmen wir keinen Einfluss. Uns interessiert, dass der Leistungsauftrag erfüllt ist», sagt der Regierungspräsident.

Politiker zweifeln am Sinn von Gender Studies

Der umstrittene Bastel-Workshop scheint aber nur der Anstoss für eine grundsätzliche Diskussion zu sein, die Fritz und Hafner führen möchten: Sie stellen nicht nur die Gender-Veranstaltung, sondern auch die Disziplin an sich infrage und verweisen auf Norwegen. Dort wurde Ende 2011 die Förderung für das Nordic Gender Institute (NIKK)durch den Nordischen Rat (einer zwischenstaatlichen Institution der Regierungen von Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) eingestellt. Die norwegische Genderforschung verfügte über ein Jahresbudget von 56 Millionen Euro.

Der Nordische Rat begründete seinen Entscheid damit, dass es dem NIKK mit seinen Gender Studies weder gelungen sei, zur wissenschaftlichen Debatte in allen nordischen Ländern beizutragen, noch mit Umsetzung ihrer Ergebnisse die Brücke zur Gesamtgesellschaft zu schlagen. «Es ist nicht auszuschliessen, dass man nach einer Untersuchung der Gender Studies in Basel zum selben Schluss kommt wie in Norwegen», sagt Fritz. Um sich eine Meinung bilden zu können, besuchte die EVP-Landrätin eine Gender-Vorlesung. Dabei sei bei ihr der Eindruck entstanden, dass die Disziplin dazu diene, die Propaganda und die politische Positionierung einer Weltanschauung, eines Menschenbildes und einer Ideologie zu verbreiten, die wenig mit wissenschaftlichem Verständnis zu tun habe.

«Ein grosser Gewinn für Basel»

Ueli Mäder, Ordinarius für Soziologie an der Universität Basel sieht das anders. Die Gender Studies in Basel seien ein grosser Gewinn. «Die Studierenden erhalten eine gründliche Ausbildung in theoretischen und methodischen Grundlagen. Das stelle ich bei der Betreuung von studentischen Arbeiten immer wieder fest», sagt Mäder. Einen näheren Einblick habe er über das Doktoratsprogramm. Das sei «vorzüglich» konzipiert und strukturiert. Der Soziologieprofessor begleitet auch immer wieder einzelne – familienpolitische – Dissertationen. Zum Beispiel über die Bedeutung der Väter.

Ihm imponiere zudem, wie Gender-Fragen mit übergreifenden sozialen Ungleichheiten verknüpft werden. Daraus ergäben sich neue Sichtweisen auf soziale Differenzierungen. «Mir gefällt, dass die Ordinaria, Andrea Maihofer, sich auch im Rahmen der Selbstverwaltung der Universität engagiert. Sie ist präsent», lobt Mäder. Auch Bildungsdirektor Urs Wüthrich hält Gender Studies immer noch für «hochaktuell». Die Fragestellung habe sich zwar im Verlauf der Jahre verändert, nicht aber die Grundfragen. Zum Workshop meint er: «Ich habe nicht daran teilgenommen, daher kann ich die Qualität des Angebots nicht beurteilen.» Andrea Maihofer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, da sie derzeit in den Ferien weilt.

Keine Steuergelder verwendet

Auf Anfrage bestätigt die Fachgruppe Geschlechterforschung, Organisatorin des Workshops «Sextoys basteln», per E-Mail, dass die Veranstaltungen der Fachgruppen unabhängig von der öffentlichen Institution der Uni Basel stattfinden – selbst, wenn die Fachgruppenmitglieder Uni-Studierende seien. Das sei auch beim Workshop der Fall gewesen. Die Teilnehmer hätten die Materialien selber mitgebracht, und das Café Hammer sei für die Veranstaltung gratis zur Verfügung gestellt worden. «Es wurden also keine Steuergelder für diese Veranstaltung verwendet», schreibt die Fachgruppe in ihrer Stellungnahme.

Die Fachgruppe hat in einem Gespräch mit Franziska Schutzbach, Assistentin am Zentrum Gender Studies, den Medienrummel um den Workshop thematisiert. Das Gespräch wurde auf der Homepage des Zentrums veröffentlicht. Beim Angebot sei es darum gegangen, auch in Basel Diskussionen über den universitären Rahmen hinaus zu ermöglichen, zum Beispiel darüber, wie eine nicht normierte Sexualität gelebt werden kann, erklärt ein Mitglied der Fachgruppe. Oft werde Sexualität von jungen Menschen in einem engen Spektrum von Moralpanik und Übersexualisierung diskutiert. «Dem wollen wir etwas entgegensetzen, eine positive Aneignung von Sexualität jenseits von Pädagogisierung oder Porno-Feindlichkeit», führt das Fachgruppenmitglied weiter aus.

Das Zentrum Gender Studies in Basel wurde 2001 gegründet. Inzwischen ist es als eigenständige Einheit im Departement Gesellschaftswissenschaften der Philosophisch-Historischen Fakultät integriert. Es wird von Andrea Maihofer geleitet. In der Schweiz kann nur an der Universität Basel Geschlechterforschung im Bachelor und Master als Hauptfach studiert werden. An­schliessend an den Master bietet das Zentrum ein Graduiertenprogramm für Doktorierende an. Im Frühjahrssemester 2013 verzeichnete die Disziplin Geschlechterforschung 104 Einschreibungen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele Studierende aus anderen Disziplinen, vor allem aus den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, aber auch aus Naturwissenschaften und Sport, Veranstaltungen der Gender Studies besuchen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2013, 08:33 Uhr

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