Sie leben traurig bis zum frühen Ende

Basler sind anhand von Google-Suchanfragen die unglücklichsten Schweizer. Viel glücklicher sind die Zürcher – und die Baselbieter.

Zerstörtes Glück. Basel ist offenbar kein gutes Pflaster – nicht einmal das Glückssäuli hat in dieser Stadt eine Zukunft.

Zerstörtes Glück. Basel ist offenbar kein gutes Pflaster – nicht einmal das Glückssäuli hat in dieser Stadt eine Zukunft. Bild: Kostas Maros

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Malheur in Basel: Die Zurich Versicherung hat einen eidgenössischen Glücks-Index erheben lassen. Die Basis: über zwei Milliarden Google-Suchanfragen aus der Schweiz. Das traurige Schlusslicht: Basel-Stadt.

«Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind», sagte einst Montesquieu. Wie recht er doch hatte. Mit Betonung auf «hatte». Dank der genannten Studie wissen wir jetzt nämlich genau, wie glücklich alle anderen sind. Und im Falle Basels heisst das: Wir sehen das schon ganz richtig – es geht allen anderen besser als uns.

Die Luzerner haben den «goldenen Mittelweg» gefunden, ergeben sich weder überschäumender Lebensfreude, noch abgrundtiefer Angst, sind damit ein wandelnder Kompromiss – und in einem dahingehend affinen Land wie der Schweiz die glücklichen Gewinner. Zürich, Studiensieger im Jahr 2013, folgt auf Platz zwei. (Die Auswirkung des Sturzes vom Sockel auf die Zürcher Seele wird erst die Studie fürs 2015 zeigen.) Auch unsere Nachbarkantone schweben im Glück: Der Aargau rangiert auf Platz 3, das Baselbiet auf Platz 6. Nur Solothurn tummelt sich ebenfalls in der unteren Liga: Rang 15. Es mangelt den Solothurnern, darauf deuten ihre Google-Suchanfragen hin, an Bildung und Sozialleben.

Unerfülltes Verlangen

Das Glück gemessen haben die Forscher mithilfe von 14 Faktoren materieller und immaterieller Natur. Glücklich ist, wer viel nach Luxusgütern und Restaurants, aber wenig nach Jobs, Naturkatastrophen, Scheidungsanwälten oder Krankheiten googelt. «Wer Zeit und Musse hat, nach Hermès-Krawatten und Louis-Vuitton-Taschen zu googeln, der kann keine existenziellen Sorgen haben, entsprechend muss es dieser Person einigermassen gut gehen», erklärt Stefan Ott, Statistiker und Dozent an den St. Galler Hochschulen FHS und HSG, der das Projekt mit seinem Team möglich gemacht hat. Wer nach Restaurants googelt, geht aus, trifft sich mit Freunden, und daraus dürfe ein reges Sozialleben abgeleitet werden. Wer das Web nach Krankheiten durchforstet, ist ein Hypochonder – oder bereits krank, beides tut dem Wohlbefinden Abbruch. Man schaue sich also selber auf die Finger. Dass Ersteres ein unerfülltes Verlangen widerspiegelt, Letzteres dagegen reines Interesse, erwägt die Studie nicht.

Die Studie müsse man «mit einem Augenzwinkern betrachten», erklärt Ott. Eine «Spass-Studie» sei sie dennoch nicht. «Man darf sie schon ernst nehmen, immerhin haben wir forschungsbasiert gearbeitet», sagt Ott. Er attestiert der Studie ähnliche Aussagekraft wie einer standardisierten Umfrage: «Analysiert wurden innert Jahresfrist schweizweit über zwei Milliarden Google-Suchabfragen. Insgesamt wurde die Abfragehäufigkeit von 3000 Keywords ausgewertet.» Irregularitäten würden sich bei dieser Masse automatisch etwas verflachen. Für Ott war die Studie eine Aufwärmübung für weitere Big-Data-Analysen. Dass die Google-Suche Zukunft hat, sehe man beispielsweise im Flu-Indicator: Wo überdurchschnittlich viele Grippesymptome und Hausmittelchen dagegen gegoogelt werden, rollt mit grosser Wahrscheinlichkeit bald eine Grippewelle los.

Was die Schweizer bewegt

Bei der Zurich Versicherung ist man stolz: «Wir nutzen eine innovative und zukunftsträchtige Methode, die stark unterschätzt wird», sagt Pressesprecher Franco Tonozzi. «Diese Big-Data-Studien werden die klassischen Umfragen zunehmend konkurrenzieren», ist er überzeugt. Wie viel der Spass gekostet hat, möchte Tonozzi allerdings nicht sagen. Nur, dass die Studie sich um Emotionen wie Liebe und Glück drehe und darum «optimal in unser Werbekonzept passt».

Was die Versicherung aus den erhobenen Daten herauslesen kann? «Nicht mehr als der durchschnittliche Leser», erklärt Tonozzi. Noch 2013 äusserte sich sein Vorgesetzter, Zurich-Schweiz-Chef Joachim Masur, in der Sonntagszeitung umsetzungswütiger: Er erhoffe sich mit dem «Zurich-Glücksindex» rasch zu erfahren, was Herr und Frau Schweizer bewegt. «Mit diesem Verständnis können wir gezielter auf die Wünsche unserer Kunden eingehen.» Aktuell ist man nur glücklich, wenn es auch die Kunden sind.

Sieger in einer Disziplin

Das finale Ranking setzt sich zu je 50 Prozent aus Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) zu Lebenserwartung, Arbeitslosenquote und schweren Straftaten und den Google-Suchanfragen zusammen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer, oder eben der Basler im Abseits: Während Basler zwar mit hoher Frequenz nach Luxusmarken, Reisen, Restaurants und Ausbildungsstätten googeln und sich weder um ihre Arbeitsplätze noch die laut Statistik hohe Kriminalität sorgen, sprechen die harten Fakten eine andere Sprache.

Grossen Einfluss auf ihr eigenes Glück haben die Basler nämlich nicht: Schuld am fehlenden Basler Glück ist laut Zurich Versicherung die hohe Kriminalitätsrate: Pro tausend Einwohner fanden 2014 in Basel 7,2 Straftaten an Leib und Leben statt: Körperverletzung, versuchte und vollendete Tötungsdelikte. Da sind wir laut BfS unangefochtene Sieger – Neuenburg folgt mit fünf Straftaten pro tausend Einwohner auf Platz zwei. «Die hohe Kriminalitätsrate ist wahrscheinlich hauptverantwortlich für das schlechte Abschneiden von Basel-Stadt», findet Tonozzi und tröstet: «Vielleicht zieht das Glück im nächsten Jahr ja nach Basel weiter.» Oder vielleicht führt im nächsten Jahr die Baloise eine entsprechende Studie durch.

Immerhin: Das Leiden der Basler dauert nicht allzu lange, ist die durchschnittliche Lebenserwartung laut BFS hier doch besonders tief: Nur in Neuenburg und Appenzell Auserrhoden stirbt man früher. Einen weiteren Dienst bietet die Versicherung jedem, dem Selbsteinschätzung stets ein Gräuel war: Der Online-Glückstest ist effizient und ehrlich – «Zehn Fragen beantworten und Sie erfahren, wie glücklich Sie sind». (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.02.2015, 17:14 Uhr

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