«Sie verhindern Entwicklung, Herr Barell»

Der Streit um das Basler Lysbüchel-Areal: Während sich der Bau- und der Gewerbedirektor streiten, versucht der Städtestratege einen Überblick zu geben.

Verhärtete Fronten: Philippe Cabane im Sandwich zwischen Gewerbe-Verteidiger Gabriel Barell (r.) und Regierungsrat Hans-Peter Wessels (l.).

Verhärtete Fronten: Philippe Cabane im Sandwich zwischen Gewerbe-Verteidiger Gabriel Barell (r.) und Regierungsrat Hans-Peter Wessels (l.). Bild: Florian Bärtschiger

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BaZ: Herr Barell, wo orten Sie die grössten Probleme für das Gewerbe bei der Stadtentwicklung?
Gabriel Barell: Das Hauptproblem sehen wir beim emissionsstarken Gewerbe. Die Rede ist von Firmen, die Lärm, Verkehr, aber auch Vibrationen oder Gerüche erzeugen. Als früherer Chef eines Basler Bäckereiunternehmens kenne ich die Konflikte, zu denen es mit Anwohnern kommen kann. Für das emissionsstarke Gewerbe bestehen aktuell noch acht Wirtschaftsflächen. Der Anteil am Kantonsgebiet beträgt 3,7 Prozent. Nun kommt die Basler Regierung und will bei allen Entwicklungsarealen einen Wohnanteil von circa fünfzig Prozent durchsetzen. So wird das emissionsstarke Gewerbe Schritt für Schritt aus der Stadt verdrängt.

Herr Wessels, was tun Sie, damit beispielsweise eine Bäckerei noch in Basel produzieren kann?
Hans-Peter Wessels: Zunächst möchte ich festhalten, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Basel in den vergangenen zehn Jahren massiv zugenommen hat. Das Wachstum ist viel stärker als jenes der Bevölkerung. Der Bedarf nach Büroräumlichkeiten und Labors ist gross. Die Nachfrage nach Industrieflächen hingegen ist schwach. Schauen wir uns nur die mehrstöckige Werkarena des Gewerbeverbandes an: Seit Jahren gelingt es nicht, Firmen anzuziehen. Dasselbe stellen wir an der Elsässerstrasse fest, wo Immobilien Basel-Stadt dem lauten Gewerbe Flächen zu einem günstigen Preis offeriert: Das Interesse ist gleich null. Was Herr Barell behauptet, wird vom Markt widerlegt.
Barell: Ich widerspreche in mehreren Punkten vehement. Die Basler Regierung hat 2013 eine Wirtschaftsflächenstudie publiziert. 35 Prozent der befragten Gewerbebetriebe gaben darin an, sie hätten ernsthafte Probleme bei der Suche nach geeigneten Flächen. Zehn Prozent suchten erfolglos nach einem Standort und weitere zehn Prozent konnten sich auf ihrem bestehenden Gebiet nicht weiterentwickeln. Und glauben Sie mir: Die Liste von Unternehmen, die Basel verlassen haben oder nicht nach Basel gekommen sind, ist lang.

Warum steht dann die Werkarena leer?
Barell: Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Projekt noch nicht gestartet ist und teilweise modifiziert wurde. Anfänglich konnten Flächen nur gemietet werden. Jetzt besteht auch die Option, Stockwerkeigentum zu erwerben. Fakt ist, dass sich über 50 KMU konkret für Flächen interessierten. Es ist aber jedem klar, dass diese nicht zweieinhalb Jahre vor Bezug einen Vertrag unterschreiben können. KMU mieten oder kaufen sich später ein. Das Interesse ist da. Ich finde es schade, dass ausgerechnet die Basler Regierung die Werkarena schlechtredet.
Wessels: Davon kann doch keine Rede sein. Wir haben ja die Werkarena gemeinsam mit dem Gewerbeverband initiiert. Wir würden das Projekt noch so gerne vorantreiben.
Barell: Das Projekt ist viel besser aufgestellt, als die Regierung behauptet.
Wessels: Die Realität auf dem Immobilienmarkt ist eine andere. Was die erwähnte Wirtschaftsflächenstudie der Regierung betrifft, hat Herr Barell zwar recht: Tatsächlich wissen wir von vielen Firmen, die hierherkommen wollen. Aber eben: Die suchen Büros und Labors und keine Industrieflächen.

«Ich habe den Eindruck, Herr Barell will eine Käseglocke über die Stadt legen.»Hans-Peter Wessels

Herr Cabane, zwei Fronten prallen hier aufeinander. Wer überzeugt Sie mehr: die Regierung oder der Gewerbe­verband?
Philippe Cabane: Keiner von beiden. Lärmendes Gewerbe wird es immer geben und das gehört auch zu einer pulsierenden Stadt. Auch Gastronomie und Kultur sind lärmig und die Logistikbranche boomt. Es ist auch methodisch falsch, von einer heute schwächelnden Nachfrage auf die Zukunft zu schliessen. Es gibt auch einen Trend zu Reindustrialisierung. Es macht durchaus Sinn, Flächen für lautes Gewerbe zu reservieren. Dagegen zeigt sich ein Grossteil des Gewerbes eher reaktiv und auf Bestandssicherung ausgelegt, ohne Visionen zu entwickeln, wohin es sich entwickeln möchte.
Barell: Angesichts der laufenden Diskussionen und der Stadtentwicklung im Hafen, beim Klybeck und anderswo ist es von übergeordnetem Interesse, eine Gesamtschau vorzunehmen. Genau das hat der Gewerbeverband getan. In einer wissenschaftlichen Studie liessen wir alle acht Wirtschaftsflächen analysieren: Es zeigte sich, dass das Areal Lysbüchel die bestgeeignete Wirtschaftsfläche ist, wo lautes Arbeiten und Verdichtung möglich sind. Im Klybeck hingegen, wo es rundherum Wohnquartiere gibt, sind die Voraussetzungen weniger ideal. Dort könnte man weit mehr als 50 Prozent Wohnen machen. Aber auf dem Lysbüchel wehren wir uns gegen die Wohnnutzung mitten im Areal.

Herr Wessels, warum überzeugt Sie die Analyse des Gewerbeverbands nicht?
Wessels: Das Problem dieser Studie ist, dass sie nichts mit den eigentlichen Bedürfnissen des Gewerbes zu tun hat.

Aber es wird doch sachlich aufgezeigt, weshalb sich das Lysbüchel als ausschliessliche Wirtschaftsfläche bestens verwenden lässt.
Wessels: 80 Prozent aller Gewerbebetriebe befinden sich nicht in einer Industriezone. Und es ist nun einmal so, dass die meisten Firmen nicht in eine solche wollen. Beim Lysbüchel, das der Gewerbeverband ähnlich wie die leer stehende Werkarena entwickeln will, reden wir von einer dreissigfach grösseren Fläche! Wenn wir das machen würden, was der Gewerbeverband anstrebt, schaffen wir im besten Fall eine riesige Brache und im schlechtesten Fall eine Investitionsruine. Der Gewerbeverband verhält sich hier weltfremd.
Barell: Ich weiss nicht, weshalb es weltfremd sein soll, wenn man sich Gedanken macht über die letzten Wirtschaftsflächen der Stadt und in einer wissenschaftlichen Arbeit herausfiltert, welche Fläche aus Gewerbesicht die bestgeeignete ist.

Herr Wessels argumentiert, es fehle die Nachfrage. Was sagen Sie dazu?
Barell: Die Nachfrage ist da. Aber die Kernfrage ist, ob die bestgeeignete Wirtschaftsfläche dem Gewerbe vorbehalten bleibt oder nicht. Ob dort sofort gebaut wird oder es sich um eine strategische Reserve handelt, ist nicht zentral. Aber wollen wir wirklich die letzte attraktive Industriezone auch noch opfern? Oder konzentrieren wir uns zunächst auf die sieben anderen Flächen?

Herr Wessels, wäre es nicht ehrlicher von der Regierung, zu sagen, dass man gewisse Industriezweige gar nicht mehr in Basel will? Der Verdrängungsprozess im Hafen und auch im Lysbüchel ist offensichtlich.
Wessels: Das trifft nicht zu. Wir möchten sogar explizit, dass produzierendes Gewerbe und Industrie am Ort erhalten bleiben. Der Hafen ist ein perfektes Beispiel: Wir modernisieren die Hafenstruktur gemeinsam mit dem Bund für Hunderte von Millionen Franken, damit die Logistikbranche dort eine Zukunft hat. Was der Gewerbeverband ignoriert, ist der Strukturwandel, der seit vielen Jahren stattfindet. Ich habe manchmal den Eindruck, er wolle eine Käse­glocke über die Stadt legen.

«Das emissionsstarke Gewerbe wird Schrittfür Schritt aus der Stadt verdrängt.»Gabriel Barell

Barell: Das stimmt nicht. Wir waren es, die die Gesamtschau erstellten und uns überlegten, welche Fläche für das laute Gewerbe infrage käme und welche zum Wohnen. Die Entwicklung auf dem Dreispitz beispielsweise verfolgen wir seit Jahren und stellen diese auch als gutes Beispiel dar. Wir haben auch Vorschläge gemacht, wie das Lysbüchel aussehen könnte. Im Süden die geplanten Wohnungen der Habitat und vor dem lauten Gewerbe einen schützenden Riegel. Dann könnten wir uns gut vorstellen, auf dem Gelände der Kultur Raum zu geben. Auch die laute Kultur wird in der Stadt nämlich verdrängt.

Das tönt doch vernünftig. Hätte man zu wenig Raum zum Wohnen, wenn man diese Vorschläge befolgen würde?
Wessels: Zu wenig Raum zum Wohnen hat man immer. Die Nachfrage nach Wohnen ist in Basel gross.

Im Klybeck wird eine riesige potenzielle Fläche zum Wohnen frei. Reicht das nicht vorläufig?
Wessels: Das reicht hinten und vorne nicht und die kommt auch nicht nächstes Jahr auf den Markt; das dauert länger.

Herr Barell, hängen Sie der Vergangenheit nach und verhindern damit eine Weiterentwicklung der Stadt mit neuen Industriezweigen, beispielsweise Technologien, die aufgrund der Wertschöpfung der Stadt mehr bringen würden?
Barell: Mitnichten. Wir finden lediglich, das Lysbüchel müsste man als strategische Nutzungsreserve behalten, da müssen wir auch an die Möglichkeit von Reindustrialisierung denken. Bei den anderen Flächen denken wir gleich wie der Kanton.
Cabane: Wenn wir von Reindustrialisierung reden, müssen wir auch schauen, welche Branchen entwicklungsfähig sind. Im Hightech-Bereich ist die Schweiz nach wie vor konkurrenzfähig. Da fehlen mir in Basel Ideen. Recycling oder «urban mining» ist ein gutes Geschäft geworden. Warum also nicht ein kompakter Recyclinghub der neuesten Generation?

Und weshalb kommt das nicht?
Cabane: Es fehlen offenbar die Projektträger. Vor allem in älteren Betrieben, die durch den äusseren Wandel unter Druck geraten, ist ein Umdenken besonders schwierig.

Herr Wessels, wir behaupten jetzt mal, Sie können gar nicht anders, als hinter den SBB zu stehen, sonst riskieren Sie, dass wichtige ÖV-Projekte nicht umgesetzt werden. Da zwei Drittel des Lysbüchel den SBB gehören, können Sie dem Gewerbe gar nicht recht geben.
Wessels: Selbstverständlich könnten wir dem Gewerbe recht geben. Doch die Einschätzung der SBB, was man auf dem Lysbüchel mit dem Land tun soll, deckt sich mit unserer.
Barell: Nur noch kurz zum Thema Innovation. Wie will man als KMU-Betrieb innovativ sein, wenn man die Kündigung des Baurechts hat? Wenn man befürchten muss, dass in einigen Jahren Wohnungen erstellt werden, hat man keine Planungssicherheit. Wessels: Wer verhindert denn diese Planungssicherheit, Herr Barell? Das sind Sie mit Ihrem Gewerbeverband und niemand anders. Sie bringen Ihre eigenen Mitglieder in diese schwierige Situation.

Weil er eine eigene Haltung einnimmt?
Wessels: Nein, weil er die Entwicklung verhindern will. Wenn der Gewerbeverband nicht dermassen in der Opposition wäre, hätten die Betriebe längst Planungssicherheit. Die SBB haben übrigens einigen im Norden des Areals Ersatzflächen angeboten.
Barell: Wir betrachten es als unsere Aufgabe, die Gesamtdiskussion zu fördern und eine Gesamtschau zu verlangen. Jetzt mal ein Time-out zu machen, ist richtig.

«Die gegenseitige Behinderung und Verhinderung ist schon beträchtlich.»Philippe Cabane

Cabane: Die gegenseitige Behinderung und Verhinderung ist schon beträchtlich. Auf jeder Entwicklungsfläche herrscht eine riesige Anspruchsinflation. Wir verhandeln 10 bis 15 Jahre, bis wir vor lauter Interessenabwägung einen Kompromiss erhalten, der schon veraltet ist, wenn wir mit der Realisierung beginnen. Erlenmatt ist ein exemplarisches Beispiel hierfür. Man könnte durchaus flexibler agieren, als uns darüber zu streiten, wie wir nun ein Konzept für ewig in Stein meisseln. Es braucht deshalb auch Planungsinstrumente, die ebenso dynamisch sind wie die wechselnden gesellschaftlichen Ansprüche. Der Masterplan ist es jedenfalls nicht. Der Planungsgesetzgebung fehlt es leider genauso an Innovation wie dem Gewerbe.

Ist ein Kompromiss möglich?
Wessels: Ich hoffe, wir finden auf dem Lysbüchel auf politischem Weg eine Lösung. Doch wie Herr Barell sagt, auf anderen Arealen sind wir ja durchaus harmonisch unterwegs. Einfach das Lysbüchel ist ein Zankapfel.
Barell: Unser Kompromiss wäre, dass man die Wirtschaftsflächen vorläufig belässt und dafür an anderen Orten mehr Wohnungen baut.

Wie wird das Lysbüchel-Areal in 20 Jahren aussehen?
Cabane: Der Investitionsdruck im Wohnungsbau und der Bedarf an Wohnungen bleiben hoch, sodass eher Wohnungen sowie nicht störendes Gewerbe und Dienstleistungen dominieren werden.
Wessels: Ich hoffe, dass es ein lebhaftes Quartier sein wird, im Süden Wohnen, im Norden Gewerbe, in der Mitte Mischzone mit Wohnen und ruhigem Gewerbe.
Barell: Ich sehe einen Anteil von 90 Prozent an Gewerbe und im Süden die tolle Habitat-Wohnsiedlung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.03.2018, 10:32 Uhr

Drei Männer – drei Meinungen

Hans-Peter Wessels. Der 55-jährige studierte Biochemiker ist seit 2009 Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements Basel-Stadt und ehemals Wirtschaftsförderer der beiden Basel. Wessels ist Mitglied der SP.
Gabriel Barell. Der 56-jährige Ökonom steht seit fünf Jahren dem Gewerbeverband Basel vor. Für die Neuerfindung des Sutter-Beggs wurden ihm 2004 der Swiss Gastro Award und 2008 der Richemont Innovationspreis verliehen.
Philippe Cabane. Der 57-Jährige studierte nach der Matur zunächst Architektur und danach Soziologie, Stadtgeografie und Philosophie. Seit 2003 führt er ein Büro für urbane Strategien und Entwicklung in Basel.

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