Sinnlose Kurse statt konkrete Hilfe

Nach 40 Jahren Berufstätigkeit wird die 62-jährige Jeannette Rhyn arbeitslos – vom RAV fühlt sie sich schikaniert.

Enttäuscht von den Behörden. Der RAV-Betreuer sei jeweils kaum vorbereitet gewesen, kritisiert Rhyn.

Enttäuscht von den Behörden. Der RAV-Betreuer sei jeweils kaum vorbereitet gewesen, kritisiert Rhyn. Bild: Stefan Leimer

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Ihre Lebensfreude lässt sich Jeannette Rhyn von niemandem nehmen. Gut gelaunt empfängt die aufgestellte 62-Jährige den Besucher in ihrem Haus im solothurnischen Hochwald. Ein fester Händedruck, ein charmantes Lächeln und die kräftige Stimme einer Person mit gesundem Selbstbewusstsein. Doch hinter der fröhlichen Fassade kämpft Rhyn mit den Gefühlen von Wut, Demütigung und Resignation. Seit über eineinhalb Jahren ist die Hochwaldnerin arbeitslos – für eine Frau ihres Alters eine fast ausweglose Situation.

Dabei ist es nicht einmal die Arbeitslosigkeit an sich, die Rhyn so zu schaffen macht. Vielmehr sind es die Methoden und Praktiken des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) in Münchenstein, welche der ausgebildeten Kauffrau die Hoffnung genommen haben, vor ihrer Pensionierung im Jahr 2018 noch eine neue Stelle zu finden. «Ich wollte vom RAV einfach Unterstützung bei der Stellensuche. Stattdessen wurde ich in unnötige Kurse geschickt, schikaniert und verbal gedemütigt», sagt Rhyn.

Alarmiert durch Burnout

Angefangen hat alles im Spätsommer 2015. Rhyn war damals seit drei Jahren im 50-Prozent-Pensum als Empfangsdame bei einem Konzern in Basel angestellt. Im August 2015 kündigte sie ihren Job. Der Grund: Mobbing am Arbeitsplatz. «Wir wurden von der Firma massiv unter Leistungsdruck gesetzt. Die Toilettenzeiten etwa waren strikt begrenzt, und ständig gab es von den Vorgesetzten Verwarnungen für Bagatellen. Das wurde mir irgendwann zu viel.»

Rhyn weiss, wo ihre Grenzen liegen: Im Jahr 1997 erlitt sie ein Burnout und war danach für zwei Jahre arbeitsunfähig, ehe sie wieder ins Arbeitsleben einstieg. Seither achtet sie penibel genau auf die Alarmsignale, die ihr Körper bei anhaltender Überlastung aussendet. «Ich wollte auf keinen Fall nochmals in so eine Situation kommen.» Doch den erhofften Befreiungsschlag brachte die Kündigung nicht. Denn damit fing der behördliche Spiessrutenlauf erst an, der Rhyn in den letzten Monaten so zugesetzt hatte.

Als sich die Hochwaldnerin nach Ablauf ihrer Kündigungsfrist im November 2015 beim RAV in Münchenstein anmeldete, wurde ihr zunächst beschieden, dass sie sich bereits unmittelbar nach der Kündigung hätte melden sollen. Zudem hätte Rhyn bereits seit August die obligatorischen sechs Bewerbungen pro Monat abschicken müssen, um Anspruch auf die Arbeitslosenentschädigung zu erhalten. Als Folge dieses Versäumnisses wurden ihr die Taggelder im ersten Monat gestrichen. «Ich gebe zu, da hätte ich mich besser informieren sollen. Das war mir wirklich nicht bewusst», räumt Rhyn ein. Als stossend bezeichnet sie hingegen den herablassenden Ton, mit welchem sie von der Sachbearbeiterin am RAV-Schalter behandelt wurde. «Man gab mir ziemlich harsch zu verstehen, dass ich mich als Arbeitslose gefälligst an die Formalien halten solle.»

Fehlende Professionalität

Ihren Gang zum RAV verband Rhyn mit der Hoffnung, dank professioneller Unterstützung möglichst bald wieder eine Stelle zu finden, die ihrem Profil als Kauffrau mit vierzigjähriger Berufserfahrung entspricht. Doch diese Hoffnung wurde bald enttäuscht. Das RAV schickte sie zunächst in ein viertägiges Bewerbungstraining, wo sie das «Erstellen von empfängerorientierten Motivationsschreiben» und die «Wirkung von Farben und Kleidern beim Vorstellungsgespräch» (so die Kursbeschreibung) erlernen sollte. In den Augen der erfahrenen Berufsfrau eine Farce: «Das habe ich doch nicht mehr nötig. Diese Kurse helfen vielleicht den Jungen, die noch nicht so viel Erfahrung mit Jobbewerbungen haben.» Als sie ihren RAV-Betreuer auf diese Unsinnigkeit ansprach, habe sie dieser mit folgenden Worten abgefertigt: «Diesen Kurs müssen alle machen. Punkt.»

Und genau hier liegt gemäss Rhyn das Kernproblem: Beim RAV würden alle arbeitssuchenden Personen gleich behandelt, ungeachtet ihrer Erfahrung oder Qualifikation. «Durch diese Ineffizienz werden unnötig Steuergelder verschleudert», enerviert sich Rhyn. Einen anderen Kurs, den das RAV ihr andrehen wollte, hat die 62-Jährige ausgeschlagen. Rhyn hätte dort gemäss Kursbeschreibung lernen sollen, «die eigene Berufsbiografie zu analysieren» und «einen konstruktiven Umgang mit der Stellenlosigkeit zu finden».

Während das RAV der arbeitslosen Kauffrau einen Kurs nach dem anderen andrehen wollte, musste Rhyn jeden Monat mindestens sechs Bewerbungen schreiben, um ihren Anspruch auf die Taggelder nicht zu verlieren. Zu einem Vorstellungsgespräch wurde sie nie eingeladen. «Mir war bewusst, dass ich es als ältere Frau schwierig haben werde, so kurz vor der Pensionierung nochmals eine Stelle zu finden. Deshalb regt es mich umso mehr auf, dass mich das RAV in solch unnötige Kurse schicken wollte, statt mir ernsthaft bei der Stellensuche zu helfen», sagt Rhyn. Denn mit jedem Tag, der so verstrich, schwanden ihre Chancen auf eine neue Stelle. In den eineinhalb Jahren ihrer Arbeitslosigkeit hat Rhyns RAV-Betreuer ihr bis heute gerade mal drei Stellenangebote vorgelegt. Sie bewarb sich auf diese Stellen und erhielt dreimal eine Absage.

Schlechtes Gewissen eingejagt

Bei den Treffen mit ihrem Betreuer habe sie das Gefühl gehabt, dass dieser gar nicht richtig vorbereitet gewesen sei, sagt Rhyn. «Er hat ständig in seinen Computer gestarrt und mir sämtliche offenen Stellen vorgelesen, auch diejenigen, die überhaupt nicht zu meinem Profil passten.» Darüber hinaus habe sie sich auch von ihm herablassend behandelt gefühlt. Man drohte ihr, die Zahlungen einzustellen, wenn sie den Anweisungen ihres Betreuers nicht folge.

«Das RAV gab mir das Gefühl, dass ich eine Schmarotzerin sei und mir auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben mache.» Dabei sei das Gegenteil der Fall: Rhyns Ehemann arbeitet als selbstständiger Architekt. Sie wäre also nicht existenziell auf einen Job angewiesen. «Ich bin aber hoch motiviert und will auch arbeiten. Ich wäre die Letzte, die sich mit dem Arbeitslosengeld auf die faule Haut legt.»

Irgendwann wurde ihr die ganze Situation dann doch zu viel. «Ich hatte einfach keine Lust mehr, dass man mich in sinnlose Kurse schickt und darüber hinaus auch noch dermassen schlecht behandelt.» Im Mai meldete sich Rhyn beim RAV ab. In den eineinhalb Jahren bis zum Erreichen des Rentenalters wolle sie sich aber dennoch weiterhin nach einer Stelle umsehen, betont Rhyn. Von nun an aber ohne das RAV.

Umfrage

Jeannette Rhyn kritisiert die Ineffizienz staatlichen Arbeitsvermittler. Muss sich das RAV stärker um die älteren Arbeitslosen kümmern?

Ja

 
92.4%

Nein

 
7.6%

1861 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 07:19 Uhr

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