Tage der Entscheidung

Hans-Peter Wessels will offenbar trotz starker Kritik an BVB-Verwaltungsrätin Mirjam Ballmer festhalten.

Nadine Gautschi (links) muss mit schlimmen Vorwürfen leben. Für Mirjam Ballmer wäre das BVB-Vizepräsidium lukrativ.

Nadine Gautschi (links) muss mit schlimmen Vorwürfen leben. Für Mirjam Ballmer wäre das BVB-Vizepräsidium lukrativ.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenige Wochen ist es her, da wurde Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP) bezüglich der BVB-Aufsicht von der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates öffentlich kritisiert und zu Korrekturen angehalten, denen er bei der versprochenen Million ins Elsass für die Tramlinie 3 aber nicht nachkam – nun deutet vieles darauf hin, dass er sich um eine weitere GPK-Weisung foutieren will. Die GPK schrieb betreffend der Wahl des neuen BVB-Verwaltungsrates, es sollten keine Politiker mehr berücksichtigt werden. Das würde das Ende für Mirjam Ballmer bedeuten, grüne Ex-Grossrätin und enge politische Weggefährtin von Wessels. Genau sie aber soll weiter im Verwaltungsrat bleiben, wie gut unterrichtete Quellen der BaZ berichten.

Offiziell lässt sich Wessels mit der Neubesetzung Zeit bis Ende Jahr. Seine Wahl will er spätestens vor Weihnachten bekannt geben. Zudem sei nicht er alleine zuständig, sondern der Gesamtregierungsrat, sagt seine Sprecherin. Faktisch aber werden die Vorschläge vom Bau- und Verkehrsdepartement gemacht und normalerweise durchgewunken.

Im Hintergrund wird bereits fleissig an der Auswahl der neuen Verwaltungsratsmitglieder gearbeitet. Wie viele ausgetauscht werden, wer bleiben darf – im Moment weiss es nur Wessels. Ein Luzerner Headhunter-Büro ist zumindest in die Suche nach einem Verwaltungsratspräsidenten involviert.

Auf die Frage, ob die in Fribourg lebende Ex-Grossrätin und ProNatura-Mitarbeiterin Mirjam Ballmer zum Zug kommt, hält sich Wessels bedeckt: «Das können wir nicht bestätigen. Derzeit läuft die Evaluation möglicher Kandidatinnen und Kandidaten.» Ballmer selbst hat gestern in einem Interview mit der TagesWoche ihr Interesse an einer weiteren Amtsperiode bekräftigt.

Der Ärger ist gross

Bei den Grünen allerdings wird ihre Wiederwahl bereits energisch diskutiert. Der Ärger soll gross sein. Denn die meisten Grünen sehen Ballmer nicht mehr als eine der ihren an. Grund: Sie hat Wessels in Sachen BVB-Führung die Stange gehalten und dem Vorwurf der GPK widersprochen, die kritisierte, es gebe bei der BVB-Chefetage bezüglich Mitarbeiterführung, Empathie und Frauenförderung dringenden Nachholbedarf. Die Grünen hingegen stützen genau hier die Auffassung der GPK. Dabei muss bemerkt werden, dass es die Grünen selbst waren, die Ballmer vor vier Jahren für das Amt vorschlugen.

Während Ballmer also bleiben soll, will Wessels vor allem eine loshaben: Nadine Gautschi. Sie sass bislang für die FDP im BVB-Verwaltungsrat. Gautschi soll es gewesen sein, die Wessels verraten und die Debatte und Untersuchungen um die Zahlung von 1,6 Millionen Franken nach Saint-Louis ins Rollen gebracht hat. Soll. Denn die angeblichen Indiskretionen mit Geschmack von Amtsgeheimnisverletzung – will man Wessels Glauben schenken –, konnten Gautschi nie nachgewiesen werden. Hingegen musste sie mit schlimmen Vorwürfen und ungerechtfertigten Verdächtigungen leben. Wenn stimmt, was mehrere Quellen berichten, sollen sogar private Sicherheitsdienstleister in Gautschis Leben herumgeschnüffelt und sie beschattet haben, beauftragt von den BVB. Der Bau- und Verkehrsdirektor jedenfalls hat in Gautschi einen Sündenbock gefunden. Zur BaZ will Gautschi nichts sagen, bestätigt lediglich, dass sie auch schon mitbekommen habe, was herumgeboten werde, nämlich dass Wessels sie auf der Abschussliste habe. Ob das stimme, wisse sie nicht. Offiziell habe sie keine Information erhalten.

Anforderungen sehr offen

Eines ist klar: Der in der Eignerstrategie festgehaltene Anforderungskatalog lässt Wessels genügend Spielraum, Ballmer zu halten. Für ein Mandat als Verwaltungsratsmitglied braucht es:

– relevante Kenntnisse über den öffentlichen Verkehr,

– gute Kenntnisse des Umfelds der BVB,

– Kompetenz zur strategischen Führung einer Transportunternehmung,

– betriebswirtschaftliche Kompetenzen und Erfahrung in der Finanzierung grosser Investitionsvorhaben,

– Verständnis für die Anliegen des Marktes und der Kunden,

– Bereitschaft, die strategischen Ziele vom Regierungsrat umzusetzen,

– einwandfreier Ruf, Integrität und Glaubwürdigkeit,

– Fähigkeit zu strategischem Denken und Entscheiden,

– keine finanziellen, personellen oder materiellen Interessenkonflikte oder Abhängigkeiten, die eine unabhängige Meinungsbildung beeinträchtigen können,

– keine Doppelfunktion im Leitungs- und Verwaltungsorgan sowie in der Geschäftsleitung.

Natürlich erfüllt auch Gautschi die Kriterien, mindestens so gut wie Ballmer. Gautschi hat einen Hintergrund als Wirtschaftsprüferin, ist in der katholischen Gemeinde aktiv und gut vernetzt, arbeitet im Theater und lebte mit ihrem Mann, der in der Pharma tätig ist, eine geraume Zeit in Asien. Zudem ist sie Mutter von mehreren Kindern.

Streit mit BastA! vorprogrammiert

Für Ballmer wäre das BVB-Vizepräsidium nicht nur ein prestigeträchtiger Job, sondern auch ein lukrativer: Für das Jahr 2016 war die Vergütung für ihre Verwaltungsratstätigkeit im BVB-Geschäftsbericht mit 18 000 Franken angegeben. Da sie nach dem plötzlichen Rücktritt von Paul Blumenthal und Paul Rüst im August an der Verwaltungsratsspitze nachrutschte und Vizepräsidentin wurde, dürfte die Entschädigung höher ausfallen. Für Rüst ist das jährliche Bruttogehalt mit 28 000 Franken ausgewiesen.

So unüberhörbar die Forderung der Linkspartei BastA! auch gewesen ist, welche einen Komplettaustausch des Verwaltungsrates gefordert hatte, Wessels dürfte nach dem Sieg im Grossen Rat bei der GPK-Debatte selbst einen möglichen Streit mit der BastA! und den Grünen nicht scheuen.

Die grosse Unbekannte ist, wie die beiden Parteien reagieren werden, sollte Wessels tatsächlich weiter auf Ballmer setzen. BastA!-Grossrätin Tonja Zürcher hat unlängst bereits unmissverständlich zu erkennen gegeben, dass sie einen Neuanfang sehen will: «Das Bündnis fordert die Regierung auf, bei der Neubesetzung des Verwaltungsrates für die Periode 2018–2021 keine bisherigen Verwaltungsratsmitglieder wiederzuwählen und auf neue Personen zu setzen», sagte die BastA!-Grossrätin.

Umfrage

Regierungsrat Hans-Peter Wessels will offenbar an der grünen Ex-Grossrätin festhalten. Soll Mirjam Ballmer im BVB-Verwaltungsrat bleiben?

Ja

 
14.4%

Nein

 
85.6%

1463 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 23.09.2017, 07:56 Uhr

Artikel zum Thema

Grüne wollen Mirjam Ballmer aus BVB-Verwaltungsrat werfen

Das Grüne Bündnis geht auf Distanz zur BVB-Führung und lässt auch die grüne Vizepräsidentin über die Klinge springen. Mehr...

BVB-Nachtragskredit scheitert im Grossen Rat

Eine Monster-Debatte geriet zur «Kropfleerete» mit Hans-Peter Wessels als Hauptzielscheibe. Am Ende blieb alles beim Alten und die Linke rettete ihrem Regierungsrat das Gesicht. Mehr...

Der Trickser vom Münsterplatz

Kommentar Hans-Peters Wessels macht bei der BVB-Million, was er am besten kann: Alles verdrehen. Wird es ihn retten? Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...