Theoretisch gut, praktisch ungenügend

Eltern und Lehrer sind unzufrieden mit der Umstellung auf die Integrative Schule – die Betreuung in der «Schule für alle» sei ungenügend. Einzelne wittern eine Sparmassnahme. Die Behörden wehren sich.

Schule für alle: Kinder haben ein Recht auf Bildung – die Frage ist, wie jedes einzelne am meisten davon mitbekommt.

Schule für alle: Kinder haben ein Recht auf Bildung – die Frage ist, wie jedes einzelne am meisten davon mitbekommt. Bild: Keystone

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Am Montag ist für viele Basler Kinder der erste Schultag, auch für Jakob (Name geändert). Für ihn allerdings zum zweiten Mal. Vor einem Jahr trat er in die erste Klasse im Schulhaus seines Wohnquartiers ein, nun startet er nochmals – in der Gehörlosen- und Sprachheilschule in Riehen (GSR). Dazwischen liegt ein Jahr, das für ihn und seine Eltern wie auch für seinen Klassenlehrer sehr aufreibend war.

Jakob ist in seiner sprachlichen Entwicklung weit hinter jener seiner Altersgenossen. «Mindestens zwei Jahre», sagt sein Vater. Jakob hat grosse Mühe, sich anderen verständlich mitzuteilen. Ausser seinen Eltern und seinen beiden älteren Brüdern, die an seine Art, zu sprechen, gewöhnt sind. Ähnlich wie bei Kleinkindern, deren Ausdrücke auch nur die direkten Bezugspersonen verstehen. In der Fachsprache heisst Jakobs Störung «Verbale Entwicklungsdyspraxie». Ansonsten unterscheidet Jakob nichts von anderen Kindern, Tests attestieren ihm eine «normale» Intelligenz, auch körperlich ist er nicht eingeschränkt – er treibt gerne Sport – und sein soziales Verhalten gilt ebenfalls als «normal».

Integrieren statt separieren

Jakob sollte deshalb, als es um seinen Schuleintritt ging, in die Regelklasse gehen. Mit spezieller Unterstützung, meinten Fachleute wie etwa die Logopädin, die Jakob seit vier Jahren behandelte, sollte das möglich sein. Die Eltern waren froh um diese Einschätzung, denn so würde Jakob den Schulweg zusammen mit seinen Brüdern gehen können und nicht aus seiner gewohnten Umgebung gerissen. Und schliesslich, so dachten alle Beteiligten, setzt Basel derzeit das Konzept der integrativen Schule in die Praxis um. Die «Schule für alle», wie sie auch bezeichnet wird, ist die Schule der Zukunft. Statt Kinder, die eine besondere Betreuung brauchen, in Sonderschulen, Kleinklassen und Lerngruppen zu separieren, sollen diese in die Regelklassen integriert werden.

Politisch ist die Geschichte ein Erfolg, zwölf Kantone sind dem sogenannten Sonderpädagogik-Konkordat bisher beigetreten. Opposition gab es keine nennenswerte, in der Mehrheit der Kantone wurde die Vorlage vom Parlament durchgewunken, so auch in Basel-Stadt. Einzig in den Kantonen Uri und Baselland wurde per Referendum eine Volksabstimmung erzwungen – die beide zugunsten des Beitritts ausfielen. Aber auch die anderen Kantone, die dem Konkordat (noch) nicht beigetreten sind, müssen ein Sonderpädagogik-Konzept ausarbeiten. Dazu verpflichtet sie das 2004 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz, wonach bei der Schulung von Behinderten «integrative Formen» zu bevorzugen sind. Ein wichtiger Grund, weshalb die Kantone mit den sonderpädagogischen Schulkonzepten vorwärtsmachen, ist zudem finanzieller Natur: Weil die Invalidenversicherung (IV) sich aus der Mitfinanzierung der besonderen Schulung von Kindern und Jugendlichen zurückgezogen hat, müssen die Kantone seit 2008 alles selber berappen.

Zu wenig Unterstützung

Zurück zu Jakob. Gemäss dem Integrationskonzept wurden ihm aufgrund seiner Sprachstörung nebst der normalen Schulung pro Woche zwei Lektionen heilpädagogischer Unterricht und eine Lektion Logopädie zugesprochen. Zu wenig, wie sich herausstellte. Der Klassenlehrer teilte den Eltern mit, dass er so Jakob unmöglich in die zweite Klasse mitnehmen könne, der Bub brauche intensivere Unterstützung. Und wie es das standardisierte Verfahren vorschreibt, ersuchte der Lehrer den Sozialpsychologischen Dienst, zusätzliche Unterstützung beim Erziehungsdepartement (ED) zu beantragen. Das war im November. Der zuständige Schulpsychologe reichte Anfang März seinen Bericht bei der Abteilung für zusätzliche Unterstützung im ED ein. Und Jakobs Eltern warteten nun auf den Bescheid. Hin und wieder fragten sie nach, man bat sie um Geduld. Sie aufzubringen, war schwer. «Man möchte doch wissen, wie es weitergeht», erklärt der Vater, «und das dem Kind sagen können.» Ende Mai kam die ersehnte Post. Eine Absage.

«Wir wünschen alles Gute»

Im Brief, der zur Hälfte mit den Paragrafen aus dem Schulgesetz gefüllt war, wurde zwar bestätigt, dass Jakob gemäss Abklärungsbericht «heilpädagogische und logopädische Unterstützung braucht sowie mehrheitlich individuell, nicht nach den dem Regelplan entsprechenden Zielsetzungen unterrichtet werden muss». Da die Eltern jedoch den Verbleib in der Regelschule wünschten, müssten sie sich mit den dort zur Verfügung stehenden Förderangeboten begnügen. Im Vergleich zu anderen Schülern sei die Dringlichkeit nicht so gross, dass Jakob zusätzliche Unterstützung beanspruchen könne. Der Brief endet mit der – für die Eltern – lapidaren Floskel: «Wir wünschen Jakob für seine persönliche und schulische Entwicklung alles Gute.»

Ganz zum Schluss folgt noch die Rechtsmittelbelehrung zu Rekursmöglichkeit und -fristen und dass bei Abweisung des Rekurses die Gebühren (350 bis 600 Franken) dem Rekurrenten auferlegt werden könnten. Jakobs Eltern rekurrierten dennoch, erklärten sich jedoch auch einverstanden mit der Lösung der Gehörlosen- und Sprachheilschule in Riehen. Weil ihnen dort zugesichert wurde, dass die Kinder im ersten Jahr einen Bustransport für den Schulweg in Anspruch nehmen können. Das wussten die Eltern vorher nicht.

«Kinder fallen durch die Maschen»

Der Fall von Jakob sei beispielhaft, sagt eine Primarlehrerin, die zusammen mit ihren Kollegen derzeit daran ist, die Integrationsverordnung in ihrem Schulhaus umzusetzen. «Er zeigt, dass niemand genau weiss, nach welchen Kriterien einem Kind zusätzliche Unterstützung gewährt wird.» Grundsätzlich könne sie die Stimmung in ihrem Kollegium nur so zusammenfassen: «Wir befürchten, dass viele Kinder mit minderschweren Störungen künftig durch die Maschen fallen.» Sie könnten sich nicht vorstellen, wie sie ohne die Sonderangebote von Fremdsprachen-, Einführungs- und Kleinklassen unterrichten sollten. Sie sind mit dieser Skepsis nicht allein. Ein Orientierungsschullehrer, der seit 20 Jahren unterrichtet, findet die Abschaffung der Sonderangebote schlicht falsch. Der bürokratische Aufwand für die Lehrpersonen sei riesig, der Ertrag gering. Für die integrative Förderung in den Klassen sei viel zu wenig Personal vorhanden, sagt eine langjährige Primarlehrerin. «Mein Bauchgefühl sagt mir: Das ist vor allem eine Sparmassnahme – auf dem Buckel der Kinder und Lehrpersonen.»

Gegen diese Einschätzung wehrt sich Volksschulleiter Pierre Felder vehement. Insgesamt 44 Millionen Franken stelle der Kanton Basel-Stadt allein für verstärkte Massnahmen zur Verfügung. Das sei eher mehr als bisher ausgegeben wurde, so Felder. «Wir sparen jedenfalls keinen rostigen Rappen.» Der Druck zur integrativen Schulung sei auch nicht verstärkt worden, «es ist klar, dass Integration nicht für jedes Kind der richtige Weg ist». Er sei einigermassen erstaunt über diese «Fundamentalkritik», er stelle grundsätzlich eine breite Zustimmung zum Sonderpädagogik-Konzept unter den Lehrpersonen und in der Öffentlichkeit fest. Dass es einzelne kritische Stimmen gebe, verstehe er aber. Eine so grosse Umstellung wecke immer Ängste, und sicher seien noch ein paar Startschwierigkeiten zu überwinden. «Aber der Weg zur integrativen Schule lohnt sich», ist Pierre Felder überzeugt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.08.2011, 07:56 Uhr

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Drei Stufen und ein Runder Tisch

Seit dem 1. Januar 2011 gilt das standardisierte Verfahren, mit dem der Förderbedarf eines Schulkindes ermittelt wird. Kern dieses Verfahrens bildet das dreistufige Kaskadenmodell:
1. das Grundangebot der Schule;
2. das schulinterne Förderprogramm, wofür die Volksschulleitung jedem Schulhaus ein bestimmtes Kontingent an Stunden zuteilt;
3. die verstärkten Massnahmen für Kinder mit besonderem Bildungsbedarf. Darüber entscheidet der Runde Tisch, an dem die Schulleitung, Lehrpersonen, der Schulpsychologische Dienst und schulische Heilpädagogen beteiligt sind. Bewilligt werden die Massnahmen von der Volksschulleitung. mz

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