Touring Club sucht Weg aus der Sackgasse

Serbelnde Tankstelle, geschlossener Shop, keine amtlichen Fahrzeugprüfungen mehr – TCS flüchtet in die Stadt.

«Vielleicht gibt es die Tankstelle in drei, vier Jahren auch nicht mehr.» TCS-Geschäftsführer Lukas Ott.

«Vielleicht gibt es die Tankstelle in drei, vier Jahren auch nicht mehr.» TCS-Geschäftsführer Lukas Ott. Bild: Daniel Wahl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geht es auf dem Land schlecht, sucht der Mensch das Heil in der Stadt. So hält es auch der TCS beider Basel, der an seinem inzwischen stark fremdvermieteten Hauptsitz in Füllinsdorf beim Tankstellengeschäft (Avia) massive Umsatzeinbussen und einen Einbruch der Kundenfrequenzen hinnehmen muss. Das seit Jahren schlechte Geschäft der amtlichen Fahrzeugprüfung gibt der Touring Club per Ende Februar auf, macht nur noch freiwillige Fahrzeugprüfungen und sucht Nachmieter auf den frei werdenden Flächen.

Dafür aber expandiert der Touring Club beider Basel mit seinen rund 75 000 Mitgliedern in die Stadt: Nachdem er im Jahr 2009 das Reisebüro dort an der Steinentorstrasse an den Reiseveranstalter Kuoni verkauft hat, eröffnet Geschäftsführer Lukas Ott per 1. Februar in diesem Jahr wieder einen Shop an der Front – in der Aeschenvorstadt, im ersten Stock des Buchhändlers Bider & Tanner, direkt neben dem SBB-Reise-Corner. «Der TCS ist der einzige Verkäufer von Viacard für italienische Autobahnen und von ‹Pickerln› für Österreichs Schnellstrassen. Das ist beliebt und bringt Bider & Tanner Kunden in den Laden», freut sich Ott über künftige Synergien und Kundennähe.

Reduzierte Verkaufsecke

Düster sieht es am Hauptsitz aus. Am Morgen vor acht Uhr bleiben die vielen Zapfsäulen im Ergolz-Talboden für eine geschlagene Viertelstunde unbesucht. Benzin und Diesel bezahlen kann nur noch, wer Plastikgeld mitbringt: Der angegliederte Avia-Shop mit seinen Bargeldkassen ist schon seit vergangenem Sommer geschlossen.

Dort sind vielmehr TCS-Plakate vorgehängt, damit man die leeren Tiefkühltruhen nicht sehen muss. Eine kleine, provisorische Ecke hat sich der Touring Club beider Basel für einige Artikel selber ausgespart – im Angebot kein Food mehr. Das ist nie gelaufen, dafür die grünen Duft-Wunderbäume, Microfaser-Tücher, Felgenreiniger und einige Autozubehör-Artikel sowie Landkarten (ja, selbst im Zeitalter von Google, Smartphones und Navigationssystemen bleiben die Hallwag-Produkte noch immer unübertroffen).

Der einzige, grosse Kundenfrequenzbringer auf dem TCS-Gelände bleibt die Waschanlage. Seit das neue Pächterpaar, André Schnider und Anita Infanger, das Zepter im unter Avia betriebenen, serbelnden Restaurant übernommen hat, scheint es dort aufwärtszugehen. Das Essen wird gerühmt, weil ein Pächterpaar mit Schwingbesen und Herzblut das eher ausgeblutete TCS-Zentrum wieder in Schwung bringt. Statt den bisher zehn bis 15 Mittagessen verkaufen sie im Durchschnitt 36 Mahlzeiten am Tag – das ist eine über 100-prozentige Steigerung.

Utopien der Automobil-Fans

Die teure TCS-Infrastruktur in Füllinsdorf ist mit Mitgliedergeldern finanziert worden. In den grössenwahnsinnigen Ausbauplänen unter dem damals von der FDP durchdrungenen Vorstand hätte nach der Jahrtausendwende der Sitz der Sektion beider Basel zum Musterhauptsitz einer TCS-Lokalvertretung avancieren sollen: mit eigener Tankstelle, eigener Waschstrasse, eigener Fahrzeug-Prüfstrasse. Es war sogar geplant, eine Fahrtrainingspiste anzulegen.

Diese Anlage konnte unter anderem deshalb nicht realisiert werden, weil der TCS der Gemeinde Füllinsdorf die Wasserrechnung nicht mehr bezahlen konnte. Man verschuldete sich heillos und wollte 2007 die Mitgliederpreise rekordhoch festsetzen, bis es zum Eklat kam. Dann wurde die Geschäftsführung ausgetauscht. Immerhin konnten unter Lukas Ott, der vor vier Jahren das schwierige Erbe antrat, die Darlehensverpflichtungen gegenüber dem Zentralverband vorzeitig getilgt werden. «Gegenüber dem TCS Schweiz haben wir keine Verpflichtungen mehr, aber die Hypotheken drücken nach wie vor», sagt Ott.

Mehrfach verkalkuliert

Verrechnet hat sich die alte TCS-Riege in verschiedenster Hinsicht. Allerdings waren nicht alle Faktoren voraussehbar. Denn wer hätte um die Jahrtausendwende gedacht, dass der Treibstoffverbrauch trotz Zuwanderung um 25 Prozent einbrechen würde? «Und wenn Neuwagen ab 2020 begrenzt werden, pro Kilometer höchstens noch 95 Milligramm CO? auszustossen, wird der Verbrauch nochmals sinken», weiss heute Ott.

Ferner schnappt die neue Tankstelle von Coop, oben an der Rheinstrasse, dem TCS beziehungsweise der Betreiberin Avia die Kunden vor der Nase weg. Und die steigende Attraktivität von Elektro-Autos dürfte für weitere Umsatzeinbussen sorgen. «Vielleicht gibt es die Tankstelle in drei, vier Jahren auch nicht mehr», sagt Ott.

Der Geschäftsführer hat dem Verwaltungsrat den Bau einer Schnellladestation mit 150'000 Kilowatt vorgeschlagen. Nahe an der Autobahn für Durchreisende, die während einer halben Stunde ihren Tesla betanken könnten, argumentierte Lukas Ott. Aber der Verwaltungsrat habe abgewunken. «Wer weiss, wie in Zukunft Autos betankt werden – über Induktionsschlaufen oder Austausch der Batterien oder Batterieflüssigkeiten?», sagt Ott. Jetzt zu investieren scheint zu riskant zu sein.

Verrechnet hat man sich auch bei den Fahrzeugprüfungen. Die Fehlinvestition lässt sich mit einer Milchbüchlein-Rechnung belegen: Eine Fahrzeugprüfung kostete für Mitglieder 55 Franken, für Nicht-Mitglieder 60 Franken. Davon steckt der Kanton beziehungsweise die Motorfahrzeugkontrolle (MFK) fünf Franken ein. Eine Prüfsequenz dauert 30 Minuten. So ist auf dieser Bahn pro Stunde maximal 110 Franken zu verdienen, wovon Löhne, Energie und Infrastruktur bezahlt werden müssen. «Es hat noch nie rentiert», räumt ein TCS-Mitarbeiter ein.

Weil die MFK eine automatisierte Datenlieferung über Tablets verlangt, wären beim TCS neue Investitionen angefallen. «In der Höhe von 150'000 Franken», rechnet Lukas Ott. Deshalb gebe der Verwaltungsrat das Geschäftsfeld «amtliche Fahrzeugprüfungen» auf. Ohne Schnittstelle erteilt der Kanton keine Bewilligung mehr für amtliche Prüfungen.

Kein Auskommen neben der MFK

Bei der MFK hält man die vom TCS erwähnten hohen Investitionskosten für vorgeschoben: «Es gab auch einfache und kostengünstig zu realisierende Varianten», sagt Roger Sterki, Leiter der Motorfahrzeug-Prüfstation beider Basel (MFP) in Münchenstein. Er erwähnt ein jährliches Sparpotenzial von 10 000 Franken für den TCS bei der automatisierten Datenablieferung und fügt an: «Den Grund für die Aufgabe in der neu einzuführenden Prüfdatenerfassung zu sehen, ist aus meiner Sicht aus dem Zusammenhang gerissen. Das Prüfgeschäft des TCS ist offenbar seit etlichen Jahren defizitär.»

Allerdings hat die MFK mit ihrer marktbeherrschenden Stellung und ihrem knappen und exklusiven Aufgebots-Regime für Fahrzeugprüfungen dazu beigetragen, den privaten Konkurrenten vom Markt zu halten. Ott entgegnet in diesem Zusammenhang, dass es dem TCS nie erlaubt war, technische Änderungen an Fahrzeugen abzunehmen oder Autos mit Garage-Nummern zu prüfen.

Nun hat man den Stecker für amtliche Fahrzeugprüfungen gezogen und bietet nur noch «freiwillige Fahrzeugprüfungen» an. Der Mut, die Prüfbahn ganz abzureissen, fehlt offenbar. Nun werden die beiden Mitarbeiter, die in zweieinhalb Jahren in Rente gehen, je zu 50 Prozent «Teil-Frühpensioniert», wie Ott sagt.

Ideen und Potenziale fürs Areal

Doch der Geschäftsführer ist optimistisch. «Das Areal hat Potenzial, wir werden expandieren, den Club-Gedanken vorantreiben», bekräftigt er immer wieder. So hat er in diesen Tagen annonciert, dass er einen Pneu-Händler sucht, der seine Felgen in den Räumen des bisherigen Avia-Shops verkaufen und in der angrenzenden Werkstatt Sommer- und Winterpneus wechseln kann. Er sucht einen Oldtimer-Werkstatt-Chef, der auf dem Gelände Fahrzeuge restaurieren will, damit sich so Synergien bilden können. Etwa auch mit Restaurant-Betreiber Schnider, der selber Oldtimer-Fan ist und Classic-Car- und Oldtimer-Treffen organisieren möchte, um das Areal zu beleben. Und für die TCS-Familie gibt es im Juni einmalige Schifffahrten auf dem Rhein – über Mittag für die älteren Mitglieder, am Nachmittag für Familien mit Kindern.

Überhaupt erwähnt Ott eine ganze Palette von Angeboten, die in Füllinsdorf konzentriert, oder Ideen, die dort auf dem Gelände umgesetzt werden sollen: die immer populärer werdenden E-Bike-Kurse, Check-up-Kurse für Senioren. Auch soll die bislang im Dreispitz domizilierte TCS-Fahrschule nach Füllinsdorf geholt werden. Für Geschäfte, die wirklich hohe Kundenfrequenzen aufs Areal bringen, fehlen aber noch die zündenden Ideen.

Umfrage

Das Geschäft mit den Fahrzeugprüfungen läuft schlecht. Tiefere Kundenfrequenzen plagen den TCS zusätzlich. Braucht es den Touring Club Schweiz in der Region überhaupt noch?

Ja

 
45.2%

Nein

 
54.8%

1108 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 08:39 Uhr

Artikel zum Thema

TCS nimmt Basler Zebrastreifen unter die Lupe

Im Juli prüft der Touring Club erstmals Fussgängerstreifen in Basel – andernorts waren mehr als die Hälfe unsicher. Die Polizei sieht dem TCS-Test aber gelassen entgegen. Mehr...

TCS-Referendum gegen Umbau von Wasgen- und Luzernerring

Der Touring Club beider Basel (TCS) ergreift das Referendum gegen den Umbau des Luzerner- und Wasgenrings. Dieser war vom Basler Grossen Rat am 10. Dezember beschlossen worden. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...