Traurige Weihnachtszeit für betagte Mieter

Pensionskasse will Kündigungen an Mülhauserstrasse nicht zurücknehmen. Nun formiert sich breiter Widerstand.

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Gegen die Massenkündigung an der Mülhauserstrasse 26 formiert sich breiter Widerstand: Anfragen im Gros-sen Rat, Hunderte Petitionsunterschriften aus der Bevölkerung und zahlreiche Solidaritätsbekundigungen. Trotzdem ist Margrit Benningers Lebensabend belastet. Die 91-jährige Dame bekam wie alle 22 Mietparteien der Liegenschaft (BaZ, 14. November) die Kündigung. Ihr macht vor allem die drohende Entwurzelung zu schaffen. «Ich habe wie eine kleine Depression», sagt sie. Sie wohne seit 48 Jahren in der Wohnung. «Früher haben alle hier im Haus bei der Stadt gearbeitet, das war Bedingung», erzählt sie. So hat ihr verstorbener Mann lange Jahre Jugendliche betreut und häufig hat seine Frau ohne Lohn mitgeholfen – nun soll sie auf die Strasse gestellt werden.

«Am Dienstag hatten wir eine Sitzung mit Herrn von Radowitz und Frau Sonderegger von Immobilien Basel-Stadt», sagt Urs Wiget, der seit bald einem halben Jahrhundert im Haus wohnt. Doch das Gespräch habe nichts gebracht, da die falschen Personen anwesend gewesen seien. «Wir möchten mit kompetenten Personen von der Pensionskasse Basel-Stadt und von Immobilien Basel-Stadt verhandeln.»

Kernsanierung löst Fragen aus

Immobilien Basel-Stadt, welche die Verwaltung für die Pensionskasse macht, will eine Kernsanierung der Liegenschaft durchführen. Da sie dabei die Wohnungsgrundrisse verändert, können die Mieter nicht im Haus wohnen bleiben. «Eine solch grosse Sanierung machen wir selten. Doch bei dieser Liegenschaft ist es nötig», sagt Barbara Neidhart, Pressesprecherin Immobilien Basel-Stadt. Die Trittschallsanierung sei dringend nötig und auch die Aufteilung der Zimmer sei nicht mehr zeitgemäss, sagt die Sprecherin.

«Jeder, der unsere Wohnungen sieht, versteht nicht, weshalb sie nicht sanft saniert werden können, so toll sind sie», sagt Mieter Urs Wiget. Er hat den Verdacht, dass die Beweggründe andere sind: «Wenn sie eine Totalsanierung machen, können sie Luxuswohnungen machen und den dreifachen Mietzins verlangen», sagt er, der heute 970 Franken bezahlt und mit einer massvollen Erhöhung nach einer Sanierung durchaus einverstanden wäre.

«Unsere Häuser sind teilweise noch älter. Doch wir sanieren stets im bewohnten Zustand», sagt René Brigger, Anwalt und Vizepräsident der Wohnbaugenossenschaften Nordwestschweiz. Im Notfall biete man für wenige Monate eine Ersatzwohnung an. Doch da die betroffene Liegenschaft an der Mülhauserstrasse 26 im Vermögen der Pensionskasse stehe, stelle sich die Frage, ob der Kanton dieser Vorschriften zur Hausbewirtschaftung machen könne. Zuständig sei eher der Stiftungsrat der Pensionskasse, welcher paritätisch zusammengesetzt ist. Dort seien die Arbeitnehmer – respektive die Versichertenvertreter gefordert.

Verlust des Zusammenhalts

Neidhart sagt denn auch: «Die Pensionskasse hat ihren Versicherten gegenüber eine Verpflichtung.» Die Abwägung für diese Totalsanierung sei auf breiter Ebene geschehen. Dass diese Entscheidung für die Betroffenen bitter ist, stellt sie nicht in Abrede. Aber eben, in diesem Fall habe es sich nicht verhindern lassen. Doch weil man sich der Problematik bewusst sei, habe man eine Unterstützung zur Verfügung gestellt.

Diese sei allerdings nicht eben viel wert, sagt Wiget. René Wolf sei keine Hilfe, sondern der verlängerte Arm der Immobilien Basel-Stadt. Seltsam mutet die Argumentation mit der Pensionskasse auch an, weil sie ja ihre eigenen Versicherten vor die Türe stellt.

Die 91-jährige Margrit Benninger leidet auch unter dem Verlust des Zusammenhalts. Im Haus habe man immer wieder gemeinsam ein Festchen gefeiert oder an Silvester miteinander angestossen. Dieser Zusammenhalt sei nun zerstört worden, denn fast die Hälfte der Bewohner hat das Haus schon fluchtartig verlassen. Auch die Ungewissheit ist eine grosse Belastung für sie. Sie hat sich zwar schon für eine Alterswohnung angemeldet, doch wann sie etwas findet, ist ungewiss. So wird auf die Bewohner der Liegenschaft Mülhauserstrasse 26 eine traurige Weihnachtszeit zukommen.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 18.11.2016, 09:40 Uhr

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