Über die Bringschuld der Migranten

Der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sprach im Kleinbasel Klartext. Ihm geht es darum, die Missstände und Folgen einer gescheiterten Migrationspolitik aufzuzeigen.

Pro Einwanderung: Der Berliner Heinz Buschkowsky erklärte in Basel, was die Gesellschaft alles falsch macht.

Pro Einwanderung: Der Berliner Heinz Buschkowsky erklärte in Basel, was die Gesellschaft alles falsch macht. Bild: Michael Koller

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Wenn er kommt und über sein Lieblingsthema Integration spricht, sind die Säle gut gefüllt. Für die einen ist er ein Held, endlich einmal ein ­Sozialdemokrat, der sich traut, die Integrationsprobleme klar und ohne Weichspülprogramm der Partei anzusprechen. Für die anderen ist er ein Polemiker, ­einer, der die Sachverhalte einseitig darstellt und einfach nur die Aufmerksamkeit der Medien erregen will. Eines ist er auf jeden Fall: ein begnadeter Redner. Und ein Garant für aufgeschreckte ­sowie zustimmend nickende Zuschauer. Gestern referierte Heinz ­Buschkowsky, Bezirksbürgermeister Berlin-Neukölln, im Saal des Restaurants Union über Migranten und darüber, was die Gesellschaft alles falsch macht.

Eines machte der Berliner zu Beginn klar: Er ist nicht gegen Immigration. Im Gegenteil. Es brauche sie, sagte er, weil sonst die Altersversorgung in zwanzig, dreissig Jahren unbezahlbar wird. Aber er will, dass über das Wie der Integra­tion neu debattiert wird. Darum hat er das Buch «Neukölln ist überall» geschrieben und ist seither ein beliebter Gast in Talkshows und bei Debatten darüber, was bei der Integration alles schiefläuft.

Ungewohnt klare Worte

Im Publikum sassen auffallend viele Frauen sowie Mitarbeitende der für die ­Integration zuständigen Behörden in Basel-Stadt und Baselland. Sie mussten schon früh Sätze wie diesen hören: «Der Beginn jeder Integration ist die Bringschuld der Migranten. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich in ihrer neuen Heimat einzubringen, ein Teil von ihr zu werden und gemeinsam mit denen, die schon da sind, zum Wohle der Gemeinschaft zu wirken.»

Damit fordert Buschkowsky von der Gesellschaft, die Türen offen zu halten, ganz nach dem Motto: «Schön, dass du mitmachen willst, aber wir zeigen dir, nach welchen Regeln wir leben»; ­Regeln, die sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt haben. Doch für einen Sozialdemokraten brauchte er ungewohnt klare Worte. Von Schönfärberei hält der Sohn proletarischer Eltern nichts. Ihm geht es auch nicht darum, die Migranten anzu­prangern, sondern die Missstände und Folgen einer gescheiterten Migrationspolitik aufzuzeigen.

«Lebensregeln sind kein Schalter»

Im Berliner Stadtteil leben 300'000 Einwohner, der Anteil an Einwanderern oder ihrer Nachkommen beträgt 40 Prozent, davon sind 50 Prozent Muslime. In Neukölln gibt es Schulen mit 90 oder mehr Prozent Migrantenkindern. 70 Prozent der Jungen unter 25 Jahren in diesem Stadtteil sind in der Betreuung eines Jobcenters, 90 Prozent von ihnen lassen sich objektiv nicht in den Arbeitsmarkt integrieren, weil ihre Schul­bildung unzureichend ist.

Was haben diese Berliner Tatsachen mit Basel zu tun? Buschkowsky sagt, er erdreiste sich nicht, über die Schweiz etwas zu sagen, aber wer Parallelen zu seiner Stadt erkenne, wisse, warum er seinem Buch den Titel «Neukölln ist überall» gegeben habe. Fast jede Metropole in Deutschland kennt ein Viertel mit den gleichen Problemen – mangelnde bis keine Bildung, Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit von der Sozialhilfe. All das häufe sich, wenn viele Migranten ein Quartier bewohnten. Ihn stört aber auch die Toleranz gegenüber Neben­gesellschaften, die sich entwickeln und immer mehr fordern, nach ihren eigenen Regeln zu leben, zum Beispiel derjenigen der Scharia. «Die Lebensregeln der Gesellschaft – der schweizerischen, der deutschen, der niederländischen, der französischen – sind nicht der Lichtschalter, ein- und ausschaltbar oder nach Belieben anwendbar.»

Gegen Kulturrelativismus

Von der BaZ befragt, äusserte sich Buschkowsky zu zwei Themen, die in Basel die Politik schon mehrfach beschäftigten: Die Verbannung von Schweinefleisch an staatlichen oder offenen ­Mittagstischen, weil eine muslimische Minderheit sich schikaniert fühlt und muslimische Eltern, die ihre Kinder nicht in den ordentlichen Schwimm­unterricht schicken wollen. «Es kann nicht sein, dass wir plötzlich Kultur­relativismus machen», sagt Buschkowsky. Er beschreibt eine Jugendarrest­anstalt, in der 70 Prozent der Insassen Muslime, 30 Prozent Nicht-Muslime sind. «Es gibt keinerlei Gerichte mit Schweinefleisch, weil die Muslime keine essen. Warum kriegt der polnische oder der deutsche Jugendliche nicht sein Kotelett?»

Umgekehrt müsste diese Logik ­bedeuten, wenn 70 Prozent Nicht-Muslime und 30 Prozent Muslime wären, müssten alle Muslime Schweinekotelett essen. «Ich sage nicht, dass Muslime Schweinefleisch essen sollen, das ­müssen sie nicht, aber warum darf ich mein Kotelett nicht essen?»

Zu was es führt, wenn Jungen die Mädchen nicht beim Turnen sehen ­dürfen, zeige Neukölln, wo es gewisse Sportarten nicht mehr gebe, weil es bei vielen heisse, Mädchen hätten keinen Sport zu treiben, so Buschkowsky. «Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, mich in eine Zeit zurückbeamen zu ­lassen, wo über das Geschlecht definiert wird, wie viel ein Mensch wert ist.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.06.2013, 09:49 Uhr

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