Verständnis für Suizid der Britin

Beim Pflegepersonal ist der Lebensverdruss vorprogrammiert – Eine Berufskollegin zeichnet das traurige Bild der Altenpflege. Sie kann den Todeswunsch der Britin nachvollziehen.

Angespannt und überlastet: Die meisten Pflegefachkräfte leiden unter ihrer Arbeit.

Angespannt und überlastet: Die meisten Pflegefachkräfte leiden unter ihrer Arbeit. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte der Britin, die in Basel den Tod suchte, hat einigen Staub aufgewirbelt. Nicht zuletzt weil sie vor ihrem Tod britischen Zeitungen sagte, dass sie im Grunde genommen gesund sei, jedoch nicht auf unwürdige Weise alt werden wolle. Was sie in ihrem Beruf als Krankenschwester gesehen habe, schrecke sie ab, alt zu werden. Sie habe täglich Menschen in jämmerlichem Zustand miterlebt, die in unwürdigen Verhältnissen leben mussten. Sie wolle der Welt als gesunde Frau in Erinnerung bleiben und lieber mit 75 Jahren aus dem Leben scheiden.

Die Basler Ärztin und Sterbehelferin Erika Preisig beteuert allerdings, dass ihre Klientin eben doch körperlich krank war. Zumindest eine psychische Erkrankung vermutet auch eine Pflegefachfrau, die anonym bleiben will, um ihre Arbeitgeber nicht vor den Kopf zu stossen. Aufgrund eigener Erfahrungen glaubt die Pflegerin, dass die Arbeit mit alten Menschen bei der britischen Sterbewilligen eine Traumatisierung auslöste. Ihr komme dazu der Begriff «Total Pain» in den Sinn. So wird der Zustand eines Menschen genannt, der nicht hauptsächlich unter körperlichen Schmerzen, sondern an der gesamten Situation leidet. Einher geht der Verlust des «normalen» Lebens und Lebenssinns. Es kommt zu einem Teufelskreis, der zu Sinnverlust, Hoffnungslosigkeit und Depression führen kann.

Grausam wegen hohen Drucks

Der stete Druck und die immense Arbeitsbelastung aufgrund von Personalmangel seien für Pflegefachpersonen kaum auszuhalten. Sie schildert ein Beispiel aus ihrem Berufsalltag: «Zwei demente, betagte Frauen stehen an der Türe und weinen. Sie sagen, dass sie sich einsam und allein fühlen. Doch uns bleibt nichts anderes, als die Türe abzuschliessen und die Frauen stehen zu lassen.» Zurück bleibe ein schlechtes Gefühl der Unzulänglichkeit, das einen tagtäglich begleite und das ständig erneuert wird.

Todeswunsch nimmt zu

Sie sieht aber auch bei Klienten im Pflegeheim zunehmend einen Todeswunsch. Nicht zuletzt aufgrund der unwürdigen Bedingungen, denen sie im Alter ausgesetzt sind. «Ich beobachte, dass sie dann zwar nicht darüber sprechen, doch das Essen und Trinken verweigern.» Sie stuft als hoch besorgniserregend ein, was sich in der hoch technisierten, reichen Schweiz abspiele. Umso mehr, als niemand etwas dagegen tue, sondern zulasse, dass die Kosten gedrückt werden. «Dies hat zur Folge, dass die Heime immer weniger Personal einstellen als vorgeschrieben, und dass sie mit schlecht ausgebildeten Leuten arbeiten.» Sie vermutet, dass die Verhältnisse in England noch schlimmer sind, und kann daher die Argumente ihrer englischen Berufskollegin völlig nachvollziehen.

Auch sie selber habe der Beruf schwer belastet. So sehr, dass sie in die Palliative Care gewechselt hat. «Ich habe die direkte Pflege nicht mehr ausgehalten», sagt die 50-Jährige.

Doch da sie auch als Beraterin in der Langzeitpflege tätig ist, hat sie weiterhin tiefe Einblicke in den Pflegealltag. Die Folge des enormen Drucks seien häufig Mobbing und Depressionen beim Pflegepersonal. Dies gehe so weit, dass sich Pflegefachleute trotz ihrer Qualifizierung überlegen, lieber einen weniger belastenden Job anzunehmen, etwa im Detailhandel. Für sie gibt es nur eine Lösung: das palliative Konzept ausbauen und mehr Personal in der Alters- und Langzeitkrankenpflege einstellen. Und Letzteres vor allem auch stufengerecht ausbilden.

Debatte über Leben und Tod

Der Text über die Britin hat auch auf www.baz.ch eine rege Diskussion ausgelöst. Jeder Mensch habe das Recht, sich umzubringen, sagt beispielsweise Rudolf Maag. Der stille Giftdrink sei um einiges besser, als mit einem Sprung aus dem Fenster oder einem Schuss aus der Pistole andere Menschen zu traumatisieren. Elisabeth Dupont jedoch kontert: «In was für einer Gesellschaft leben wir, dass Menschen den Tod suchen aus Angst davor, für die Angehörigen eine Last zu werden (…)»

Die meisten Schreibenden haben Verständnis für den Todeswunsch. So stellt beispielsweise Marie Huber fest, dass jeder Mensch das Recht habe, über sein Leben selber zu entscheiden und eine für ihn unwürdige Lebensweise selber zu beenden. Und Hans Keller hofft, dass auch ihm – sollte er je diesen Gedanken hegen – der Weg für diese Entscheidung offen stehe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.08.2015, 11:58 Uhr

Artikel zum Thema

Wirbel um Britin, die in Basel den Tod suchte

Eine 75-Jährige nahm Sterbehilfe in Anspruch – vor ihrem Tod sagte sie einer Zeitung, sie sei völlig gesund. Das könnte eine Welle des Sterbetourismus auslösen. Mehr...

Der Suizid, die SBB und die Männer

Die SBB haben eine Tagung zum «Schienensuizid» veranstaltet. Doch eine öffentliche Problematisierung findet nicht statt, denn Selbsttötungen sind in unseren ­Breitengraden ein Männerphänomen. Mehr...

«Alles Leben hat seine Grenze. Erleben auch»

Der Literaturkritiker, Schriftsteller und Essayist Fritz J. Raddatz stirbt 84-jährig. Mit seinem Recht auf Menschenwürde – wozu auch der Suizid gehört. Ein Nachruf. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Paid Post

Es gibt Besseres als Escorts

Echte Erotik und richtigen Sex, bei dem beide Lust aufeinander haben, findet man nicht bei Escorts. Aber dafür beim Casual-Dating im Internet.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Massenyoga: Gemeinsame Yoga-Lektion in der indischen Stadt Chandigarh im Vorfeld des Welt Yoga Tages. (19.Juni 2018)
(Bild: Ajay Verma ) Mehr...