«Wir Frauen fühlen uns schnell als Sexobjekt»

Die Autorin Barbara Jost gibt in ihrem Buch «Denkanstössiges» Tipps für ein vielseitiges Sexualleben. Dazu gehören auch Abenteuer mit Drittpersonen.

Will Impulse geben: Barbara Jost mit ihrem Buch.

Will Impulse geben: Barbara Jost mit ihrem Buch. Bild: Kostas Maros

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BaZ: Frau Jost, in Ihrem Buch «Denkanstössiges» stecken sieben Jahre Recherche und Analyse. Sie sagen, dass sich in einer Partnerschaft mit den Jahren unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse entwickeln. Welche Lösung haben Sie bereit?
Barbara Jost: Ich rate, die Beziehung zu öffnen, je nachdem auch für Drittpersonen – ohne jedoch eine offene Beziehung zu propagieren. Es gibt keine sexuellen Exklusivrechte. Man sollte generell weniger besitz­ergreifend sein und mehr loslassen.

Also eine Aufforderung zum Seitensprung?
Eigentlich ja, aber nur unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen. Ich ermutige zu einem klar deklarierten Seitensprung mit gegenseitigem Einverständnis und nicht zum Betrug am Partner.

Ein provozierender Ratschlag. Auf ­welche Erkenntnisse stützen Sie sich dabei?
Ich möchte nur einen Denkanstoss geben, ich sage nicht, es ist das Allerweltsrezept. Zahlreiche Recherchen und Interviews haben bestätigt, dass sich viele Paare wegen sexueller Probleme trennen. Aber beim nächsten und übernächsten Partner kehrt das Problem zurück. Statt sich damit abzufinden, sollte man es ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Dabei kristallisiert sich nämlich heraus, dass man vielleicht spezielle Wünsche hat oder Sex mit einer neuen Person ausprobieren möchte. Das muss überhaupt nicht das Ende der Beziehung sein, im Gegenteil. Ein vorsichtiges Herantasten, intensive Gespräche und vor allem Vertrauen sind dabei essenziell.

Sie schreiben, dass das sexuelle Verlangen bezüglich des eigenen Partners in einer längeren Beziehung insbesondere bei der Frau abnimmt. Warum ist das so?
Wahrscheinlich ist das zum grossen Teil biologisch bedingt. Wenn Frauen ihren Dienst an der Natur getan und Kinder zur Welt gebracht haben, nimmt das Bedürfnis nach Sex bei vielen ab. Auch haben Frauen weniger Mut, neue Dinge auszuprobieren oder über ihren eigenen Schatten zu springen. Sie fühlen sich schnell billig oder als Sexobjekt. So ist es natürlich schwierig, die Lust über die Jahre aufrechtzuerhalten.

Mit Ihrem Buch exponieren Sie sich mit Ihrem eigenen Sexleben. Haben Sie keine Angst vor unsachlichen Reak­tionen?
Nein. Ich spreche damit ja jene Leute an, die etwas ändern möchten. Man redet so viel über Sex, aber niemand ist bereit, über sein eigenes Befinden und die Probleme zu sprechen. Da muss ich doch einen Anfang machen. Ich kann es ja nicht anprangern und dann schweigen.

… weshalb Sie Ihre eigenen Erfahrungen in das Buch eingebracht haben – auch in Ihrer Beziehung machten sich mit den Jahren Abnutzungserscheinungen bemerkbar.
Richtig. Ich bin mit meinem Partner seit 15 Jahren zusammen, nach etwa sieben Jahren ist ein Ungleichgewicht entstanden – seine sexuellen Bedürfnisse waren nicht mehr dieselben wie meine. Nach intensiven Gesprächen über «andere Möglichkeiten» haben wir diese nicht mehr als Bedrohung empfunden, sondern es wechselte in eine Spannung und wir wollten es schliesslich ausprobieren. Also sahen wir uns unter anderem Pornofilme an und ich stellte fest, dass mich das gar nicht eifersüchtig macht, wie zuerst angenommen. Es war einfach ein cooler Scharfmacher für beide.

Später trafen Sie sich – jeweils alleine – mit einer Drittperson für ein sexuelles Abenteuer im Hotel. Das «Experiment» lernten Sie auf einem Datingportal kennen und beschreiben ihn als attraktiv, witzig, Gentleman, 13 Jahre jünger als Sie. Bestand da nicht die Gefahr, sich emotional ein bisschen zu verlieren?
Nein. Es war ja von Anfang an ein abgesprochenes Abenteuer. Und für mich bestätigte sich, dass man Liebe und Sex klar trennen kann. Und abgesehen davon: Auch mein Partner ist ein junggebliebener Mensch und kann da völlig mithalten.

Wie haben Sie sich nach dem Kontakt gefühlt?
Nicht so gut. Obwohl wir es offen besprochen hatten, fühlte ich eine Leere in mir und hatte das Gefühl, meinen Partner hintergangen zu haben.

Würden Sie sich wieder auf so ein Treffen einlassen?
Das weiss ich nicht.

Haben Sie danach mit Ihrem Mann darüber gesprochen?
Wir haben uns die Facts erzählt – auch er erzählte von seinen Erleb­nissen –, sind aber nicht ins Detail gegangen. Unsere Diskussionen konzentrierten sich darauf, wie wir das Experiment emotional erlebt hatten.

Haben seine Erzählungen bei Ihnen nicht Schmerz oder Eifersucht hervorgerufen?
Nein, wirklich nicht. Eben weil wir es zusammen gewollt haben und es nicht hinter dem Rücken des anderen stattgefunden hatte. Die Drittpersonen sind nie eine Bedrohung für unsere Beziehung geworden.

Wenn das Erlebnis nicht berauschend war, warum empfehlen Sie es dann für andere?
Unsere Beziehung hat sich durch die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema vertieft, der Druck bezüglich ungleicher sexueller Bedürfnisse wurde abgebaut. Wir fühlen uns frei – frei in einer festen Verbindung. Weshalb soll ich das anderen deshalb nicht empfehlen? Ausserdem ist es nur eine der von mir vorgeschlagenen Möglichkeiten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.09.2015, 17:11 Uhr

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