«Wir sind keine Spar-Universität»

Rektorin Andrea Schenker-Wicki will in die Infrastruktur und in innovative Life-Sciences-Projekte investieren.

Wichtiger ist der Blick nach vorn. Uni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki will so rasch wie möglich weg von den Spardiskussionen.

Wichtiger ist der Blick nach vorn. Uni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki will so rasch wie möglich weg von den Spardiskussionen. Bild: Pino Covino

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BaZ: Herzliche Gratulation, Frau Schenker-Wicki, zu Ihrer soeben erfolgten Wiederwahl für eine zweite Amtsperiode. Sie bleiben in Basel – dürfen wir daraus schliessen, dass Sie Ihre Arbeit an der Universität Basel gern machen?
Andrea Schenker-Wicki: Danke. Ja, ich bin sehr gerne Rektorin dieser Universität und verrichte die Arbeit auch mit Freude.

Es ist schwierig zu beurteilen, wie gut eine Universität unterwegs ist. Es gibt die internationalen Rankings, auf denen Basel irgendwo um Platz 100 rangiert. Verliert die Uni qualitativ an Boden?
Nein, das ist nicht so. Weltweit gibt es Tausende Universitäten, mit denen wir im Wettbewerb stehen. Wir stellen fest, dass die asiatischen Universitäten sehr stark zulegen und sehr viel Geld in die Bildung und Forschung investieren. China will eine führende Wissenschaftsnation werden. Auch wenn wir die Qualität halten, fallen wir in den Rankings etwas zurück, weil es sehr viele zusätzliche Konkurrenten gibt, die nach vorne drängen.

Welchen Stellenwert hat der internationale Wettbewerb für die Uni Basel?
Einen sehr grossen. Wenn wir etwa eine Professur besetzen, stehen wir im globalen Wettbewerb.

Wird es zunehmend schwierig, Professuren gut zu besetzen?
Ja, für die Besten ist der Markt international. Wir bieten zwar gute Löhne, aber andere holen auf – etwa Indien oder China. Teilweise verfügen unsere Konkurrenten in der Zwischenzeit auch über bessere Infrastrukturen. Entsprechend müssen wir uns rüsten.

Sie investieren ebenfalls. Nächstens, wenn auch mit etwas Verzögerung, werden Sie das Biozentrum im Schällenmätteli eröffnen können. Das ist doch auch ein Zeichen, dass Sie in die Zukunft investieren.
Der Neubau ist von grosser Bedeutung. Er ist für uns sehr wichtig, denn wir erhalten damit eine fantastische Infrastruktur für die Forschenden, auch für die Studierenden. Als nächstes planen wir den Bau für das Departement Biomedizin, unmittelbar anschliessend müssen wir die Bauten für Chemie und Physik erneuern. Während vielen Jahren hat man in Basel zurückhaltend investiert, sodass die Infrastrukturen teilweise veraltet sind. Moderne Infrastrukturen sind jedoch sehr wichtig, um hervorragende Professorinnen und Professoren anzuziehen. Deshalb müssen wir hier unbedingt handeln.

Sie planen auch einen anderen Standort für die Jurisprudenz und die Wirtschaft, die zurzeit in den Merian-Gebäuden eingemietet sind – möglicherweise auf Baselbieter Boden. Besteht hier überhaupt Handlungsbedarf?
Ja, es besteht Handlungsbedarf. Der Kanton Baselland als Träger drängt auf einen Standort in Baselland. Dieses Anliegen ist berechtigt.

Glauben Sie, Ihre Akzeptanz im Baselbiet würde besser, wenn Sie einen Standort in Allschwil oder Liestal hätten?
Ja, ich denke das wäre ein Zeichen. Wir sind gewillt, einen Campus in Baselland zu realisieren.

Wie nachteilig ist es, wenn Ihre Gebäulichkeiten auf verschiedene Standorte verteilt sind?
Wir verfolgen eine Campus-Strategie. Wir entwickeln uns auch in diese Richtung. Auch mit dem Schällenmätteli, unserem Life-Sciences Campus, wenn alles fertiggestellt ist. Das wird eine tolle Sache, mit der ETH und den Spitälern in der Nachbarschaft. Es entsteht dort ein Hotspot. Es ist uns allerdings schon klar, dass wir nicht alles gleichzeitig realisieren können. Aber wir sind auf gutem Weg. Ich bin da sehr zuversichtlich.

Die ETH Zürich setzt bei der in Basel stationierten Systembiologie auf eine intensive Zusammenarbeit mit der Universität Basel. Die Hoffnungen, welche die ETH in diese Zusammenarbeit setzt, ist gross. Eine Herausforderung für die Universität Basel?
Das ist für uns eine Verpflichtung. Die ETH ist für uns ein sehr guter strategischer Partner. Es ist toll, dass die ETH in Basel ist. In der Zusammenarbeit ergänzen wir uns ideal. Ich muss Ihnen auch sagen, dass die ETH, wenn wir keine gute Universität wären, nicht mit uns zusammenarbeiten würde.

Also auch ein Qualitätsausweis?
Aber sicher.

In der Öffentlichkeit wird wenig über diese Zukunftsprojekte gesprochen. Zurzeit dominiert in der öffentlichen Diskussion nur ein Thema: sparen. Die Universität Basel sei eine Hochschule, die vor allem sparen muss. Haben Sie ein Imageproblem?
Ja, das haben wir. Denn wir sind keine Spar-Universität. Klar: Wir müssen sparen, aber wir schauen auch vorwärts und investieren in unsere Infrastruktur. Gleichzeitig arbeiten wir an tollen Projekten. Im Dezember etwa haben wir die Weichen für ein Augeninstitut gestellt, in Zusammenarbeit mit Novartis und dem Unispital. Und wir planen jetzt zusammen mit der ETH das Botnar-Zentrum für Child Health, wo wir mit Geldern der Fondation Botnar gemeinsam an digitalen Innovationen und neuen Therapien für die Behandlung von Kindern arbeiten wollen. Das sind tolle Investitionen. Ich will so rasch wie möglich weg von den Spar-Diskussionen und wieder positive Akzente setzen.

Wir müssen dennoch auf dieser Diskussion bestehen. Wir haben nämlich bei diesen Sparmassnahmen die Übersicht verloren. Können Sie uns aufklären, wo die Herausforderung liegt? Das beeinflusst doch das Funktionieren der Uni.
Das Funktionieren ist nicht beeinträchtigt. Aber die Spardebatte verunsichert die Forschenden und Studierenden. Wir haben die Massnahmen intern offen kommuniziert. Alle wissen, dass wir in den laufenden vier Jahren mit den gesprochenen Budgets arbeiten müssen.

Bedeutet dies konkret, dass Sie Leistungen abbauen? Wie weit können Sie auf Reserven zurückgreifen?
Einen Teil finanzieren wir aus unseren Reserven. Es ist aber schon so, dass es nicht ohne weitere Anstrengungen geht. Wenn dieses Sparpaket spurlos an uns vorüberginge, wäre das ja ein Zeichen dafür, dass wir bisher nicht gut mit den Mitteln umgegangen sind. Die Fakultäten müssen nun Massnahmen ergreifen. Es kommt zu Kürzungen im Mittelbau oder bei den Betriebsmitteln. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät muss beispielsweise 70'000 Franken sparen, die Psychologie 330'000, die Phil.-hist. Fakultät 900'000 Franken. Die Einschnitte, im Durchschnitt etwa 2,5 Prozent, halten sich im Vergleich zu den gesprochenen Budgets im Rahmen.

Sie streichen auch Professuren.
Es ist nicht so, dass wir einfach Professuren streichen. Wir überlegen uns sehr genau, welches Gebiet wir in der Zukunft bespielen wollen. Gleichzeitig möchten wir uns auch die Zeit nehmen, um die künftige Ausgestaltung festzulegen. Aus diesem Grund haben wir an einzelnen Orten Assistenzprofessuren eingerichtet. Einfach ist dies nicht. Aber für die Lehre haben wir gute Lösungen gefunden: Für die Studierenden im normalen Lehrbetrieb gibt es keinen Abbau.

Benützen Sie eine Vakanz auch dazu, Schwerpunkte zu verlagern?
Ja, bei jeder Vakanz gibt es diese Überlegungen. Wir erstellen stets einen Strukturbericht, wie eine Professur neu ausgerichtet werden soll.

Wie gross ist diese Herausforderung? Besteht die Notwendigkeit, sich stark zu verändern?
Es ist zu beachten, dass wir hauptsächlich eine Life-Sciences-Universität sind. 75 Prozent unseres Budgets sind hier gebunden. Klar justieren wir immer, aber wir sind eigentlich sehr zufrieden, wie wir aufgestellt sind.

Politisch wird über die Volluniversität diskutiert – und von einzelnen Parteien auch infrage gestellt. Ihre Haltung dazu?
Ich muss vorausschicken, dass ich das Wort Volluniversität nicht so gerne habe, weil wir gar keine Volluniversität sind. Bei uns kann man keine Ingenieurwissenschaften studieren, keine Tiermedizin, nicht alle Sprachen, keine Architektur. Wir sind eine Universität mit Sozial- und Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Life Sciences. Wir sind davon überzeugt, dass wir das breite Spektrum auch brauchen, besonders in der heutigen schnelllebigen und disruptiven Zeit. Ich habe meine grossen Zweifel, ob die Life Sciences ohne Sozial- und Geisteswissenschaften die Gesellschaft weiterbringen würden. Nehmen wir zum Beispiel selbstfahrende Autos: Würden Sie heute einfach ein solches Fahrzeug von Basel nach Zürich fahren?

Sicher noch nicht.
Eigentlich aber sind alle Voraussetzungen gegeben! Nur: Wir haben Angst. Es ist nun beispielsweise die Aufgabe der Sozial- und Geisteswissenschaften, eine Gesellschaft auf solche Innovationen vorzubereiten. Erst dann können sie realisiert werden. Die Sozial- und Geisteswissenschaften spielen daher für die Entwicklung einer Gesellschaft eine grosse Rolle. Ich bin deshalb eine sehr starke Verfechterin dafür, dass wir bei technischen Errungenschaften immer auch kritische Fragen stellen: Kommt diese Entwicklung in der Gesellschaft an? Ist sie für die neuen Herausforderungen bereit, und wenn nicht, wie gehen wir damit um?

Wie setzen Sie dies in der Praxis um? Arbeiten Sie auch interdisziplinär?
Ja. Es gibt dazu gute Beispiele: Wir haben eine Professur für Life-Sciences-Recht und eine für Gesundheitsökonomie. Und wir werden unsere Strategie noch vermehrt interdisziplinär ausrichten.

Wollen Sie weiter wachsen, wenn die Kantone die Mittel dafür wieder zur Verfügung stellen können?
Meine Intention ist es nicht, quantitativ zu wachsen, ich möchte die Universität qualitativ weiterentwickeln. Das Problem in diesem Fall sind nicht die Löhne. Die Kostentreiber sind heute die Infrastrukturen für die Forschung. Diese Kosten können wir als einzelne Universität nur wenig beeinflussen.

Haben Sie den beiden Kantonsregierungen signalisiert, dass Sie ab 2022 wieder mehr Mittel beanspruchen? Sie werden kaum auf Dauer von den Reserven zehren können?
Über die Mittel haben wir noch nicht gesprochen, aber wir sind im Gespräch. Die Regierungen kennen unsere Situation. Und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass wir ein sehr gutes Verhältnis haben und auch gut zusammenarbeiten – obwohl manchmal das Gegenteil in den Zeitungen steht. Der politische Wille ist spürbar.

Der Kanton Baselland hat trotz der Trägerschaft keinen festen Sitz im Hochschulrat. Ist dies auch aus Sicht der Universität Basel ein Nachteil?
Ja, das tangiert uns. Ich finde das auch im höchsten Masse ungerecht. Es darf nicht sein, dass Baselland nicht mitreden kann, obwohl der Kanton Träger einer Universität ist und beträchtliche Mittel in seine Universität investiert.

Der Universitätsrat erarbeitet zurzeit eine neue Strategie für die Universität Basel. Können Sie uns dazu etwas über die anvisierte Richtung sagen?
Inhaltlich darf ich natürlich noch nichts sagen. Wir haben Arbeitsgruppen zu den einzelnen Bereichen der Strategie gebildet. Jetzt führen wir deren Arbeiten zusammen. Es geht um die Frage: Wie lässt sich die Universität fit machen für das erste Drittel des 21. Jahrhunderts?

Setzen Sie auch Ziele für die angesprochenen internationalen Rankings für Hochschulen?
Nein, ein konkretes Ziel gibt es nicht. Mein Ziel ist einfach: möglichst weit nach vorne.

Umfrage

Die Jurisprudenz und die Wirtschaft sollen einen neuen Standort erhalten. Möglicherweise auf dem Baselbiet. Braucht es auf Baselbieter Boden einen Standort der Universität Basel?

Ja

 
34.9%

Nein

 
65.1%

690 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2018, 07:37 Uhr

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