Zum Geburtstag ein Schild für Schorsch

Auch sieben Jahre nach seinem Rückzug gehört er zu Basels berühmtesten Schnitzelbänklern. Doch wer steckt hinter dem Schorsch vom Haafebeggi 2? Georg Heinrich Klauser. Am 1. Mai wurde er 80.

Sohn eines «Schlaggebiggers»: Georg Heinrich Klauser im Hafenbecken 2. «Der Schorsch hat mir als einem, der aus dem tiefsten Arbeitermilieu kommt, sehr viel gebracht.»

Sohn eines «Schlaggebiggers»: Georg Heinrich Klauser im Hafenbecken 2. «Der Schorsch hat mir als einem, der aus dem tiefsten Arbeitermilieu kommt, sehr viel gebracht.» Bild: Kostas Maros

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Denkt noch jemand an ihn? Wollen sich seine Neider und Kritiker überhaupt an ihn erinnern? Fragen sich wenigstens seine damaligen Anhänger ab und zu, wo er sich aufhält, was er macht, wie es ihm geht? Ob er überhaupt noch lebt? Sieben Jahre sind seit seinem Abgang verstrichen. Sieben Jahre schon keine Basler Fasnacht mehr mit Schorsch, dem vom Haafebeggi 2.

Ist das auszuhalten? Mindestens einer, der gegen das Vergessen angesungen und seinen Namen gleich wieder ins Spiel gebracht hat, war der «Sing­vogel». Er sinnierte im Jahr 2007 im ­Zusammenhang mit der Hafen-Idee bei der Kaserne:

Grad nääbe der Kasärne, vor em grosse Door,
brennt e Latärne, und me heert e Bootsmotor.
Bim Lyychtturm uff der Mole högglet d Loreley und singt:
Wo blybt my Schorsch vom ­Haafebeggi Drei?

Der Schorsch högglet weit weg vom Rheinhafen – in einer Parterrewohnung am äussersten Rande von Laufen, direkt am Ufer der Birs. Dort streckt er bei schönem Wetter im Garten seine Beine. Espresso und Grappa vor sich und eine Zigarre zwischen den Lippen, schaut er seiner Partnerin zu, wie sie in den Blumenbeeten hackt, gräbt, pflanzt und sich den Schweiss von der Stirn wischt.

Spielparadies Rheinhafen

Als Bub hatte er schon gerne zugeschaut, wie sein Vater sich den Schweiss abwischte. Der schuftete nach dem Krieg als Schlackensammler im Rhein­hafen. Tag für Tag stand er als «Schlaggebigger» an einem Kohleförderband beim Hafenbecken 2. Für den kleinen Schorsch war dieser Ort mit seinen Materiallagern, Kranen und Schiffen ein Spielparadies: Verstecken spielen, Heugumper fangen vielleicht, Nielen rauchen.

Schorsch wohnte ja nicht weit weg, bei Thomy & Franck, die damals ihre Franck-Aroma-Wolken über die Rhein­ebene streichen liess. Schorsch war im tiefen Kleinbasel aufgewachsen – mal hier, mal dort. «Das Geld war damals knapp. Immer wenn der Mietzins raufging, gingen unsere Möbel runter», sagt er, «allein in der Hammerstrasse haben wir etwa viermal gezügelt.»

Unter dem Namen gelitten

Eigentlich heisst der Schorsch mit vollem Namen Georg Heinrich Klauser. Als Kind litt er unter diesen beiden Namen. «Zuerst war ich Schorsch Gaggo und dann der blöde Heiri.» Er brachte es trotzdem zu etwas. Nach einer Laboristenlehre bildete er sich zum Laborant weiter. Und nach einer ersten Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen, lernte er in den 60er-Jahren an einer Fasnacht seine zweite Frau kennen.

Lange Zeit hatte er mit der Fasnacht nichts am Hut. Gut, da war diese erste Nachkriegsfasnacht im Jahr 1946. «Ich war fast dreizehn», erinnert er sich, «aber mein Vater musste mich trotzdem auf die Achseln nehmen, weil die Druggede so gross war.» Sie standen beim Globus und hörten, wie die Schaufenster zerbarsten; die Scheiben hatten dem Druck der Menschenmenge nicht mehr standzuhalten vermocht.

Auf die aktive Seite zog es ihn erst 1954. Ein Kollege hatte gefragt, ob er nicht beim Schotte-Bangg mitsingen wolle, es fehle noch eine vierte Stimme. Er sagte zu. Und von da weg sang er jedes Jahr bei der BSG, der Basler Schnitzelbank Gesellschaft – in verschiedenen Formationen: Nach den Schotte kamen kurz die Aagfrässene, dann für ein Jahr – diesmal ausnahmsweise beim Schnitzelbank-Comité – die Joomergräze, und danach die Noocheblabberi.

Als die Fasnacht noch in den Quartieren war

Wenn er an seine Schnitzelbank­anfangszeiten zurückdenkt, wundert er sich immer wieder von Neuem, dass er in den 50er- und 60er-Jahren pro Fasnacht im Durchschnitt gegen 120 Auftritte gehabt hat. «Heute sind es im Schnitt 20 bis 30», sagt er. «Damals fand die Fasnacht noch in den Quartieren statt: Von der Breite gingen wir ins St. Johann, dann nach Kleinhüningen, zum Badischen Bahnhof und zurück in die Breite.» In der Innenstadt besuchten sie nur etwa zwei bis drei Restaurants. «In jeder Quartierbeiz gab es Tanz und Musik. Kamen wir herein, machte der Schlagzeuger für uns einen Tusch und wir sangen die sechs Verse.» Wartezeiten gab es keine. «Heute ballt sich alles in der Innenstadt, was dazu führt, dass die Wartezeiten viel länger sind als die eigentlichen Auftritte.»

Schorsch hat diese Veränderung miterlebt, davon 22 Jahre als Solist, als der er bekannt wurde: als Schorsch vom Haafebeggi 2. Schorsch wollte 1984 nach den Noocheblabberi alleine weitermachen. Aber wie? Er überlegte, welche Figuren auf ihn zugeschnitten wären. Es musste ein Charakter sein, der ein einfaches Baseldeutsch spricht; den Daig-Akzent, den kann er nicht. Wäre ein Kaminfeger vielleicht etwas? Er suchte weiter. Ging in seine Kindheit zurück. Blieb am Rheinhafen hängen.

Gestrickte Kappe und Latzhose

Und dann nahm er langsam Gestalt an, dieser Schorsch vom Haafebeggi 2. Die raue, sympathische Stimme war schon angelegt. Es kam ein breites Gesicht mit roter Nase hinzu mit zwei treuherzig dreinblickenden, leicht versoffenen Augen. Eine gestrickte Kappe folgte – und der Wollpullover, der in einer schwarzweiss gestreiften Latzhose steckte. Zuletzt wurden dem Schorsch noch ein Gitarrenspieler und Helge-Träger zur Seite gestellt. Das Team stand. 1985 legte es los und hatte mit seinen Vierzeilern schnell Erfolg. Schorsch war ein Anständiger; er stellte sich immer dem Publikum vor – auch in jenem Jahr, als die Vogelgrippe Sujetstoff lieferte:

Ych bi dr Schorsch vom Haafebeggi 2,
mir goots sauguet, s lauft wiider ywandfrei dehai.
Waisch, mit dr Frau nur dinne hogge duet mr gruuse.
Doch jetze dörfe wiider alli Hiehner uuse.

Und jetze liis ych in dr Zytig, s isch zum Gryyne,
ab sofort mien jetz alli Hiehner wiider yyne.
Das Yyne–Uuse duet für mii no d Laag erschwääre –
ich waiss bald nümmi, wien ich s Mynere sell erklääre.

Was denkt Georg Heinrich Klauser heute über den Schorsch? «Er hat mir als einem, der aus dem tiefsten Arbeiter­milieu kommt, sehr viel gebracht; ich durfte Leute kennenlernen, denen ich sonst nie begegnet wäre.»

Und was ist mit jenen, die Schorsch noch nie begegnet sind? Sie werden ihn inskünftig im Hafenbecken 2 finden. Dank seinem guten Freund Pitt Buchmüller und dessen Familie ist der ehemalige Schnitzelbänkler dort auf einem Strassenschild verewigt, samt Geburtsdatum: 1. Mai.

Am Mittwoch also hat man dem Schorsch in Laufen gratulieren können – zum 80. Geburtstag. Vielleicht schaut auch die Loreley vom Hafenbecken 3 vorbei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.05.2013, 22:14 Uhr

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