«Als öffentliche Person muss man Kritik aushalten können, aber sich nicht alles gefallen lassen»

Ein Jahr nach dem GPK-Bericht zur BVB-Million spricht der Basler SP-Regierungsrat Hans-Peter Wessels über diese schwierige Zeit, seine Projekte im Departement, seine Zukunft und die Fussballweltmeisterschaft.

«Mich hat es weniger belastet. Wenn man selber mitten im Sturm steht, dann handelt man auch selber», Regierungsrat Hans-Peter Wesels zur BVB-Affaire vor einem Jahr.

«Mich hat es weniger belastet. Wenn man selber mitten im Sturm steht, dann handelt man auch selber», Regierungsrat Hans-Peter Wesels zur BVB-Affaire vor einem Jahr. Bild: Pino Covino

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Es war der Aufreger des Sommers. Hans-Peter Wessels’ Tage als Regierungsrat schienen gezählt. Sein Rückhalt bröckelte – in der Bevölkerung, in seiner Partei, der SP. Parteipräsident Pascal Pfister sprach von «gewichtigen Fehlern», die der Basler Bau- und Verkehrsdirektor begangen habe. Helmut Hubacher, der während vielen Jahren Nationalrat und Präsident der SP Schweiz gewesen war, ein Basler Leuchtturm, legte seinem Parteikollegen sogar den Rücktritt nahe.

Ein Geldversprechen an die Franzosen war der Grund für den Wirbel gewesen. Hans-Peter Wessels hatte den Nachbarn sozusagen per Handschlag eine Million Franken für die Tramverlängerung der BVB-Linie 3 nach Saint-Louis in Aussicht gestellt. Für dieses Vorgehen rügte ihn die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates in ihrem Bericht scharf.

«Hohoho»

Die Kritik rüttelte jedoch kaum am Selbstbewusstsein des stattlichen Regierungsrats; sie prallte an ihm ab. Je härter die Vorwürfe, desto kräftiger und lauter sein raumfüllendes «Hohoho». Er gewann an Zuversicht, scharte seine Partei hinter sich und verhinderte im Grossen Rat den von den Bürgerlichen geforderten Nachtragskredit für die Million.

Die BVB-Affäre liegt ziemlich genau ein Jahr zurück. Hans-Peter Wessels wirkt entspannt, als ihn die Basler Zeitung an einem späten Nachmittag Ende Juni in seinem Büro auf dem Münsterplatz besucht. Er trägt ein hellblaues Hemd, leicht aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt. Bald wird er mit seiner Frau in die Ferien fahren. Durch Italien nach Griechenland, auf dem Land- und Wasserweg, Zug und Fähre. Langsames Reisen, verschiedene Stationen.

Am Morgen musste sich sein Baselbieter Regierungskollege, Thomas Weber von der SVP, wegen Verdachts auf Begünstigung in Liestal vor den Medien rechtfertigen. «Ein Top-Mann», sagt Hans-Peter Wessels über ihn. Er habe schon mit Weber zusammengearbeitet, als dieser noch beim Bundesamt für Strassen angestellt war: «Einer der Besten – lösungsorientiert, kompetent, gewissenhaft. Ich habe mich dann auch unheimlich gefreut, als ich hörte, dass er für den Regierungsrat kandidiert. Als Kollege erlebe ich Thomas Weber als einen, der langfristig denkt und das Wohl der ganzen Region im Auge hat.»

BaZ: Vor einem Jahr ging es Ihnen ähnlich wie Thomas Weber heute. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an jenen Moment zurückdenken?
Hans-Peter Wessels: Vor einem Jahr war ich stark mit dem Thema BVB beschäftigt und damit, was die Medien über das Tram 3 schrieben. Nicht nur ich, sondern auch das Departement und die BVB waren betroffen. Die Mitarbeiter, die sehr engagiert sind und gute Arbeit leisten, mussten fast täglich in der Zeitung lesen, wie schlecht doch alles läuft. Sie wurden auch im Privaten immer wieder darauf angesprochen. Die ganze Geschichte hat uns zudem ein Stück weit blockiert: Wir hatten wenig Zeit für anderes, das eigentlich wichtig gewesen wäre. Ich danke jedem, der das mit mir durchgestanden hat.

Wie belastend war es für Sie persönlich?
Mich hat es weniger belastet. Wenn man selber mitten im Sturm steht, dann handelt man auch selber. Für die Menschen aus dem Umfeld des Betroffenen ist es aber viel schwieriger, mit der Situation umzugehen. Sie sind dem Sturm ausgesetzt und können nur beschränkt handeln. Für mich war es während dieser Zeit sehr wichtig zu wissen, dass ich von meinem engsten Umfeld unterstützt werde. Nicht nur privat, sondern auch im Departement, in der Parteileitung und in der Regierung stand man hinter mir. Das zu spüren, war für mich wichtig.

Gerade aus Ihrer Partei gab es aber vor allem zu Beginn der Affäre viele kritische Voten.
Es gab zwar Kritik, doch am Ende stand die Partei hinter mir.

Wie lange dauerte es, bis sich die Situation wieder beruhigte?
Ende 2016 begannen die Berichte über die BVB-Million in den Medien. Vor allem die Basler Zeitung machte mir happige Vorwürfe. Dass zu Unrecht Geld geflossen sei. Gar von Schmiergeldern oder Bestechungsgeldern war die Rede. Wie sich später zeigte, waren das haltlose Anschuldigungen. Doch bis der Grosse Rat den GPK-Bericht im Herbst behandelte, schrieben die Medien immer wieder darüber. Und Leute, die das gefühlte hundert Mal gelesen haben, glauben das womöglich heute noch. Als dann der politische Prozess abgeschlossen war, beruhigte sich die Situation allmählich. Es gab zudem personelle Wechsel in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat der BVB. Letzterer ist neu zusammengesetzt; das neue Team unter der Leitung von Yvonne Hunkeler geniesst im Moment viel Kredit. Das tut dem Gremium und den BVB sehr gut.

Sie sprechen von haltlosen Anschuldigungen. Der GPK-Bericht war aber vernichtend.
In der Tonalität absolut. Man hat mir vorgeworfen, dass wir es versäumt haben, den Beitrag von einer Million Franken frühzeitig vertraglich festzuhalten. Das habe ich stets als Fehler anerkannt. Die erwähnten Vorwürfe in den Medien erwiesen sich jedoch als substanzlos.

Ausser, dass Sie schlecht führen, ungenügend kommunizieren und als politische Kontrollinstanz versagt haben.
Dass die BVB die Million bezahlen würden, war schon seit fünf Jahren öffentlich bekannt. Man hat so getan, als ob man nichts wüsste.

Ihnen wurde mangelnde Demut und Selbstkritik vorgeworfen. Auch jetzt ist wenig davon zu spüren. Sind Sie sich wirklich keiner Fehler bewusst?
Es war sicher ein Fehler, dass wir fünf Jahre zuvor die Tram-3-Million nicht viel aktiver kommuniziert haben. So hätte ich mir und anderen viel Ärger ersparen können. Wir hätten zudem die vertraglichen Vereinbarungen früher abschliessen müssen. Und ich hätte vorschlagen sollen, den Verwaltungsrat schon bei der Revision des BVB-Organisationsgesetzes neu zu besetzen, anstatt diesen bis Ende Amtszeit unverändert zu lassen. Dies hätte einiges erleichtert.

Sie haben den Medien Hetze vorgeworfen.
Heute würde ich wahrscheinlich rascher juristisch gegen gewisse Medien vorgehen. Als öffentliche Person muss man Kritik aushalten können, aber man muss sich nicht alles gefallen lassen.

War ein Rücktritt damals ein Thema?
Nein. Weil ich ja wusste, dass ich mir rechtlich nichts hatte zuschulden kommen lassen und mir die Aufgabe selbst in solchen Situationen nicht verleidet. Ich kann relativ gut eine Situation akzeptieren, wie sie ist, in die Schublade legen und mich auf anderes konzentrieren.

Irgendwann muss man es aber wieder aus der Schublade herausholen.
Logisch. Zum Beispiel wenn das Geschäft im Grossen Rat behandelt wird. Es ist aber nicht so, dass ich deswegen schlaflose Nächte hätte.

Auch während der BVB-Affäre nicht?
Nein, ich schlafe in der Regel gut. In der Tendenz eher zu wenig. Wenn ich in der Regierung oder bei der Parteileitung den Rückhalt verloren hätte, wäre ich jedoch zurückgetreten.

Sie haben versprochen, in Zukunft bei den BVB näher hinzuschauen. Tun Sie das?
Es ist wichtig, dass man hinschaut. Mit der Überarbeitung der Eignerstrategie für die BVB haben wir einen wichtigen Schritt vorwärts gemacht. Aber letztlich ist die Unternehmung verselbstständigt. Mit dem Verwaltungsrat verfügt sie über ein eigenes Aufsichtsgremium. Entscheidend ist, dass sich die Unternehmung dank einer strategischen Aufsicht und einer guten Eignerstrategie weiterentwickeln kann und fit wird für die Zukunft. Ich glaube, dass die BVB auf gutem Weg ist.

Die Klagen des Personals scheinen auch abgenommen zu haben.
Es ist ruhiger geworden. Das hat auch damit zu tun, dass man sich nicht bei jedem Problem gleich an die Medien wendet, sondern versucht, die Probleme intern zu lösen. Die Probleme sind aber nicht einfach verschwunden. Wie in jedem grossen Betrieb gibt es immer wieder Fragen, die man mit dem Personal diskutieren muss. Ich denke, dass die Geschäftsleitung heute wesentlich besser mit der Personalvertretung zusammenarbeitet, als dies zuvor der Fall war.

War diese Zäsur bei den BVB im Nachhinein betrachtet nötig?
Die BVB befinden sich in einem anspruchsvollen Transformationsprozess – das Ziel ist, zu einem modernen, zukunftsfähigen Unternehmen zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. Die Transformation wäre auch ohne eine solche Zäsur möglich gewesen. Denn im Prinzip führt die neue Leitung vieles weiter, was die alte eingeleitet hat. Man arbeitet seit Jahren an diesem Prozess. Das neue Team profitiert von der Vorarbeit der Vorgänger.

Hat die BVB-Geschichte Ihrem Image geschadet?
Selbstverständlich. Selbst, wenn sich in der Zwischenzeit die meisten Vorwürfe als haltlos herausgestellt haben, bleibt natürlich etwas hängen. Damit muss ich leben.

Wurden Sie auf der Strasse von Leuten darauf angesprochen?
Weniger. Wenn mich Leute auf der Strasse ansprechen, dann meistens wegen ganz alltäglicher Dinge: ein ganz bestimmter Fussgängerstreifen, ein Baum oder eine Sitzbank. Aber ich habe schon gemerkt, dass die Leute das mitbekommen haben.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie in der Bevölkerung unbeliebt sind?
Das würde ich so nicht sagen. Ich erhalte viele positive, aber auch sehr viele negative Feedbacks – in Briefen oder per Mail. Es herrscht ein lebhafter Austausch. Von den Regierungsräten in Basel bin ich vermutlich der, der am stärksten polarisiert.

Liegt das an Ihrem Departement?
Vielleicht liegt es an meiner Person oder auch an der BVB-Geschichte. Vermutlich hat es aber schon auch mit dem Departement zu tun. Mein Kollege Baschi Dürr polarisiert als Sicherheitsdirektor ebenfalls.

Ihr Auftreten, Ihr Lachen, selbst in ernsten Situationen, kann irritieren.
Es wirkt vielleicht provokativ auf gewisse Leute, und es kann der Eindruck entstehen, dass ich die Sachen nicht ernst nehme. Das ist aber überhaupt nicht so. Es ist einfach Teil meiner Person. Es gibt auch Leute, die selbst in Glücksmomenten mit einer Trauermine herumlaufen.

Fühlen Sie sich ernst genommen?
Absolut. Sonst würde ich nicht polarisieren. Ich fühle mich sehr ernst genommen – sowohl von Leuten, die meine Politik gut finden, als auch von denjenigen, die sie schlecht finden.

Und in Ihrer Partei – haben Sie da viele Freunde?
Als Regierungsrat macht man keine Parteipolitik. Dessen muss man sich als Regierungsrat wie auch als Partei bewusst sein. Ich bin mit 19 Jahren der SP beigetreten und seit 36 Jahren Mitglied. Entsprechend habe ich jahrzehntelange Freundschaften und Bekanntschaften. Diese werden durch mein Amt nicht infrage gestellt. Das Regierungsamt schafft jedoch eine gewisse Distanz. Wenn ich im Privaten neue Leute kennenlerne, höre ich schon oft: «Bis jetzt kannte ich dich nur aus den Medien, aber im persönlichen Umgang bist du ja ganz anders, als ich mir vorgestellt habe.»

Wer wird Weltmeister?

Hans-Peter Wessels’ Sekretärin unterbricht das Gespräch. Der BaZ-Fotograf, Herr Covino, sei gekommen. «Ah, die Italien-Connection», sagt er und lacht laut. Es folgt ein Spruch über die Italiener, die nicht an der Fussballweltmeisterschaft in Russland dabei sind. Ein heikles Thema, aber wir lassen uns darauf ein. Vom ersten Spiel der Schweizer Nati gegen Brasilien hat er nur die erste Halbzeit gesehen. Aber das sei offenbar ohnehin die bessere gewesen, habe man ihm erzählt. Das Spiel gegen Serbien werde er aber vermutlich ganz sehen können.

Wer wird Weltmeister? Als studierter Biochemiker ist es Hans-Peter Wessels gewohnt, wissenschaftlich, also nüchtern und pragmatisch an die Sache heranzugehen. Bei dieser Frage geht er nach dem Ausschlussverfahren vor und sagt: «Sicher nicht Deutschland. Die Schweiz auch nicht. Der russische Höhenflug wird wahrscheinlich auch nicht lange anhalten. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass es Brasilien wird. Es wird wohl Spanien, Frankreich oder Portugal sein.» In der Zwischenzeit sind bis auf Frankreich alle von ihm aufgezählten Mannschaften ausgeschieden.

Hans-Peter Wessels ist kein Fussballfanatiker, aber durchaus ein FCB-Fan. Obwohl er selten im Stadion anzutreffen ist. Er sagt: «Ich verfolge die Resultate, kenne die Namen der meisten Spieler und weiss auch, wie der Trainer heisst – hohoho.»

Herr Wessels, im Moment erleben Sie wieder ein Hoch. Sie konnten einige Erfolge feiern, etwa mit dem Gundelitunnel oder der geplanten Mischnutzung auf dem Lysbüchel-Areal.
Das ist der Normalzustand. Die Erfolge haben weniger mit meiner Person zu tun als vielmehr damit, dass Basel als Stadt und Kanton derzeit eine erfolgreiche Phase erlebt. Wir stehen finanziell kerngesund da, unsere Wirtschaft entwickelt sich insgesamt gut – natürlich gibt es immer wieder Unternehmen mit Schwierigkeiten – und wir haben ein leichtes Bevölkerungswachstum. Zudem verjüngt sich die Bevölkerung markant, wie die rasch zunehmende Zahl Kinder zeigt. Als Baudepartement haben wir die schöne Aufgabe, fast am Fliessband neue Schulhäuser zu bauen. Auch sonst investiert der Kanton derzeit viel in die Infrastruktur. In einem solchen Umfeld Bau- und Verkehrsdirektor zu sein, ist eine wundervolle Aufgabe. Wer gerade Vorsteher des Departements ist, ist nicht das Alles-Entscheidende. Herausforderungen und Chancen hängen stark vom Umfeld ab.

Die Gegner des Lysbüchel-Projekts haben das Referendum ergriffen. Werden Sie sich durchsetzen können?
Es geht nicht um mich. Spätestens seit der letzten Abstimmung weiss jeder, dass Wohnraum in Basel Mangelware ist. Wir haben deutlich zu wenig Wohnraum. Das Lysbüchel bietet hervorragende Bedingungen, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Dort werden sowohl private Bauträger wie auch Genossenschaften sehr gerne investieren. Darf man das Abstimmungsresultat bei den Wohn-Initiativen ernst nehmen, dann müsste es bei der Referendumsabstimmung eigentlich eine hohe Zustimmung geben zum Lysbüchel-Projekt. Die Beratung im Grossen Rat hat ausserdem gezeigt, dass ein politisch breites Spektrum hinter der Lysbüchel-Planung steht – von links über die CVP bis hin zur LDP. Nur FDP und SVP sind dagegen.

Wie sieht es mit dem Gundelitunnel aus?
Für Basel ist es wichtig, dass es mit dem Rheintunnel vorwärtsgeht. Der Bund kommt mit der Projektierung sehr gut voran; wir rechnen damit, dass der Bundesrat bereits Ende nächstes Jahr definitiv grünes Licht geben wird, sodass der Rheintunnel realisiert werden kann. Der Gundelitunnel hingegen ist zwar aktuell ein Wahnsinnsthema in der politischen Debatte, in Realität aber nur eine langfristige Option. Und zwar geht es dabei nicht um das bisher geplante Vorhaben, sondern um einen Westring um die Stadt herum. Dafür gibt es noch keinerlei konkrete Planung. Möglicherweise werden wir im Verlauf des nächsten Jahres zusammen mit dem Bund und dem Kanton Baselland in erste Überlegungen einsteigen. Wir sprechen hier von einem Realisierungshorizont 2040.

Wie stehen die Chancen beim Herzstück?
Die grossen Verkehrsinfrastrukturen haben einen hohen Stellenwert in meinem Departement. In diese Projekte investieren wir heute viel Herzblut, Energie und Geld, aber erst die nächste Generation wird sie nutzen können. Dazu gehört auch das Herzstück. Damit der Erfolg des Wirtschaftsstandorts und der trinationalen Region Basel langfristig gesichert werden kann, ist es absolut nötig, dass unsere S-Bahn auf ein anderes Level kommt. Das Herzstück ist daher unverzichtbar. Das Bundesamt für Verkehr unterstützt uns dabei. Aber bei den SBB vermisse ich bisweilen eine konstruktive Haltung gegenüber den Anliegen unserer Region. Sie haben noch nicht realisiert, dass das Herzstück auch für sie von Vorteil ist. Da wünsche ich mir von den SBB mehr Weitsicht.

Was können Sie dafür tun?
Wir müssen in Bern laut und deutlich unseren Standpunkt vertreten. Im Moment sind die SBB dabei, das Fernverkehrskonzept in der Region Basel zu prüfen und zu überarbeiten. Sie holen damit etwas nach, das sie schon vor Jahren hätten tun sollen. Weil sie es verzögert haben, leiden wir in der Region Basel jetzt darunter.

Müssen unsere Bundesparlamentarier stärker lobbyieren?
Der Punkt ist nicht das fehlende Lobbying. Sondern, dass die Region Basel politisch stark segmentiert ist. Unsere Leute in Bern arbeiten gut, aber sie sind sich oft nicht einig. Und wenn man sich innerhalb der Region gegenseitig bekämpft, dann nützt auch das beste Lobbying nichts. Ich würde mir mehr Zusammenhalt für regionale Anliegen wünschen. Wie zum Beispiel im Tessin. Wenn es dort um ein regionales Projekt geht, dann spielt es überhaupt keine Rolle, ob jemand der Lega angehört oder dem linken Flügel der SP. Die Tessiner lassen sich nicht auseinanderdividieren, wenn es um regionale Interessen geht. Diese Disziplin haben wir in der Nordwestschweiz nicht.

Ist es nicht auch eine Identitätsfrage?
Genau damit hat es zu tun. Nehmen Sie das Beispiel Basel Nord. Es geht schlicht und ergreifend um die Frage, ob es langfristig noch einen Rheinhafen in der Schweiz geben wird. Um nichts Geringeres. Um den Rheinhafen zu erhalten, braucht es eine moderne und leistungsfähige Terminalstruktur. Die Nordwestschweizer Parlamentarier müssten zusammenstehen, um eine Infrastruktur zu bekommen, die für die Region absolut wichtig ist und enorm viele Arbeitsplätze sichert. Stattdessen veranstalten sie eine Kakofonie. Das würde im Tessin nie passieren.

Hans-Peter Wessels hat während des Interviews seinen Platz vom grossen Sitzungstisch zum Sofa beim Fenster verlegt – aus fototechnischen Gründen. Über ihm hängt ein Bild, auf dem ein rotes Haus zu sehen ist. Der offensichtlich gewollte Unschärfe-Effekt der Künstlerin irritiert und stört. Ein bisschen wie die Ankündigung Hans-Peter Wessels’ kurz nach der BVB-Affäre, für die nächste Amtsperiode wieder kandidieren zu wollen. Er lacht, belustigt und gleichzeitig zufrieden, mit seiner Aussage für Verwirrung gesorgt zu haben. Er habe damals auf eine Frage von Journalisten reagiert, sagt er. «Gleich zu Beginn der Amtsperiode eine solche Frage zu stellen – das kann nicht ernst gemeint sein. Ich konnte nicht anders antworten.»

Könnten Sie sich auch vorstellen, das Regierungsamt abzulegen?
Ich kann mir alles vorstellen. Das ist aber nichts Neues. Das war schon in der ersten Legislaturperiode der Fall.

Nach dem Motto: Wenns mir nicht passt, dann mache ich eben etwas anderes?
Diese Freiheit muss man sich erhalten. Und zwar egal bei welchem Job. Ich fände es eine grauenvolle Vorstellung, mich irgendwo festzuklammern. Ende Legislatur bin ich 58 Jahre alt. Ich kann mir gut vorstellen, etwas komplett anderes zu tun. Es gibt viele andere spannende Jobs in der Schweiz und auf der Welt. Eine Wiederkandidatur wäre aber genauso möglich. Frühestens ein Jahr vor den nächsten Wahlen werde ich mich damit beschäftigen und dann gemeinsam mit der Partei entscheiden.

Ihre Partei muss doch planen können.
Auch die Partei wird sich nicht jetzt schon festlegen wollen.

Sie sind der reformorientierten Plattform der SP beigetreten.
Ja, wobei ich dort nicht überaus aktiv bin.

Haben Sie Ambitionen für das Bundeshaus?
Nein, definitiv nicht. Wir haben mit Eva Herzog und Beat Jans zwei super Kandidaten für den Ständerat. Ich verstehe, dass sich Eva dafür interessiert und würde es ihr gönnen, wenn sie es schaffen würde. Mir ist es noch nie in den Sinn gekommen, mich dafür zu interessieren. Einen Wechsel in den Nationalrat oder Ständerat würde ich mir nicht wünschen.

Warum nicht?
Man hat weniger Gestaltungsmöglichkeiten. Zudem verfügt die SP Basel-Stadt über einen hervorragenden Nachwuchs.

Worauf hätten Sie denn nach dem Regierungsamt Lust?
Ich habe keine konkreten Pläne. Bevor ich zum Regierungsrat gewählt wurde, leitete ich BaselArea, die Wirtschaftsförderung beider Basel. Ich habe in meinem Berufsleben schon viele unterschiedliche Sachen an den unterschiedlichsten Orten gemacht. Ich habe die Vielfalt immer sehr genossen. Ich trage keinen speziellen Wunsch in mir.

Gehört es zu Ihrer Lebensphilosophie, einfach in den Tag hinein zu leben?
Ich würde es nicht als Lebensphilosophie bezeichnen. Ich war schon immer eher breit interessiert und weniger auf bestimmte Themen fokussiert.

Unser Blick wandert zum unscharfen Bild über dem Sofa.

Solange Sie nicht solche Bilder machen, ist alles gut.
Nein, Kunst werde ich ganz sicher nicht machen. Das verspreche ich Ihnen! Ich weiss, wo meine Schwächen liegen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 09:41 Uhr

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