Auswege aus der geistigen Krise

Mehr Mut zum Unbequemen und weniger Selbstgefälligkeit. Mein Wunsch für 2017.

Hinter dem Jura. Trotz seiner wirtschaftlichen Stärke findet Basel im schweizerischen Bewusstsein nicht statt. Wir könnten es viel, viel besser.

Hinter dem Jura. Trotz seiner wirtschaftlichen Stärke findet Basel im schweizerischen Bewusstsein nicht statt. Wir könnten es viel, viel besser. Bild: Kostas Maros

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Schwarz ist der Umschlag dieses Buches, weiss die Schrift, zu erkennen ist die einfache Zeichnung eines Basilisken- Brunnens, daneben steht der Titel: «Basel wohin? – Zehn (Wahl-)Basler über Basels Zukunftsperspektiven».

31 Jahre ist es her, seit die inspirierende und gerade aus heutiger Sicht hochinteressante Publikation erschien, in der sich namhafte Autoren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit dem Zustand Basels und seiner Zukunft auseinandersetzten. Die Texte zeugen von einer grossen Verbundenheit und Wertschätzung gegenüber der Regio Basiliensis, aber gleichzeitig sind sie auch – und das macht sie so attraktiv – frei von verblendetem Lokalpatriotismus. Auf Fehlentwicklungen wiesen die schreibenden Persönlichkeiten schonungslos hin, schliesslich lautete ihr Anspruch, «kräftige Impulse» auszulösen – «Impulse zu und für Basels Zukunftsgestaltung».

Unverblümt äusserte beispielsweise Peter Ziegler seinen Ärger, der als Zu­­gewanderter und damaliger Leiter der BaZ-Auslandsredaktion einen «Rückfall in die heile Welt des Lokalchauvinismus» beklagte. «Basel über alles! Dementsprechend läuft denn auch der Laden: Dante-Schuggi-Fest, Zolli-­Fescht, Bahnhof-Fescht, tout Bâle hier, tout Bâle dort, Preisverleihungen, Podiumsgespräche, noch mehr Preisverleihungen, noch mehr Podiumsgespräche … und wer das neue ‹Stadtgefühl› (Originalton Radio Basilisk) nicht mitvollziehen kann, der ist entweder ‹kai Basler› oder, fast noch schlimmer, ein ‹Miesmacher› (als ob die alten Basler je etwas anderes als kluge Skeptiker gewesen wären).»

Natürlich, niemand würde es bestreiten: 1986, als der Sammelband herausgegeben wurde, herrschten ganz andere Verhältnisse. Die Welt erlebte die Endzüge des Kalten Kriegs, noch bröckelte die Berliner Mauer nicht, das Korsett gesellschaftlicher Zwänge war enger als heute, die Strukturen festgefahrener, die Möglichkeiten beschränkter, es gab viel weniger Globalisierung, kein Internet und niemand hätte sich vorstellen können, dass wegen einer technischen Revolution einst die Hauptpost in Basel von der Schliessung bedroht sein wird. Was die Menschen 1986 in der Nordwestschweiz vor allem beschäftigte, war die weit reichende Katastrophe von Schweizerhalle.

Die Probleme sind lange erkannt

Drei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen. «Basel wohin?» ist längst vergessen, einige verstaubte Exemplare finden sich noch in den Bibliotheken. Das ist zu bedauern, denn es lohnt sich ausserordentlich, die klugen Situationsbefunde aus der Archivgruft hervorzuholen. Sie sind aktueller denn je.

Wurde uns der «Sauglattismus», wie ihn Journalist Ziegler geisselte, diesen Sommer nicht von der bürgerlichen Badehosen-Fraktion vorgeführt? Trifft es nicht exakt zu, was Rechtsprofessor Frank Vischer, diese 2016 verstorbene Grösse der Basler Universität, schon tief in den Achtzigerjahren besorgt konstatierte? Er schrieb: «Heute ist die Universität fast in zu starkem Masse ruhig und angepasst.»

Auch die Analyse von Gaudenz Staehelin, zu jener Zeit Multi-Verwaltungsrat, unter anderem bei der Swissair, könnte von gestern stammen: «Es gibt diejenigen, die ihren Massstab in früheren Jahrhunderten sehen, gegen jeden Neubau das Referendum ergreifen, in der Planung Velo- und Fussgängerwegen die Priorität geben, und sich mit einer selbstgenügsamen historischen Stadt zufriedengeben.»

In diesen ersten Januartagen, wo wir am Anfang eines neuen Jahres stehen, einem Moment, der immer auch die Chance eines Neubeginns markiert, sollten wir einen ernst gemeinten Vorsatz fassen: Die Zeit ist reif für eine neuerliche Standortbestimmung. 1986, 2017: Basel, wohin?

Denn das meine ich zweifelsfrei feststellen zu können: dass wir uns in Basel schon länger in einer geistigen Krise befinden, aus der wir endlich Auswege finden müssen. Es ist nicht überraschend, dass wir trotz unserer wirtschaftlichen Stärke im schweizerischen Bewusstsein eine Randnotiz darstellen. Wir finden nicht statt, wir werden nicht wahrgenommen. Seit Jahrzehnten stellen wir keinen Bundesrat. «Auch uns Baslern fällt die Zukunft nicht in den Schoss. Wir müssen die Schmiede unseres Glücks sein. Ob uns dies in unserer Region gelingen will, hängt davon ab, ob wir die innere Bereitschaft, den Willen, den Mut und die Tatkraft mitbringen und einsetzen wollen», mahnte Stähelin.

Nicht alles ist schlecht, gewiss, aber wir sind Durchschnitt, nicht Spitze, und die grosse Basler Geschichte lehrt uns, dass wir es viel, viel besser könnten. Ich spreche damit explizit auch die souveräne Landschaft an, der Schwung und Innovationskraft derzeit komplett abgehen (die Bemühungen um die Spitalfusion ausgeklammert).

Die Diagnose: Die herausragenden Figuren fehlen. Die Leuchttürme. Die Provokateure. Die Unkonventionellen. Die Streitbaren. Die Querdenker. Darum mangelt es auch an grossen Kontroversen, an fruchtbaren Auseinandersetzungen. Wer solches sucht, verdurstet derzeit in Basel.

Eine Atmosphäre produktiver Unruhe ist aber auch gar nicht erwünscht, wenn wir die Botschaft von Christoph Eymann, dem Patron der Basler Liberalen, richtig verstanden haben. Für den scheidenden Bildungsdirektor ist der Klassenfrieden heilig. «In Basel trifft man sich – egal ob links oder bürgerlich – abends beim Rheinschwumm.» Der auswärtige Ruhestörer Markus Somm bekam vom Sheriff die Spielregeln diktiert: «Was aber nicht baslerisch ist, ist das ‹Spielen auf den Mann oder die Frau›», erklärte Eymann im Wahlherbst in einer Replik.

Mit dem grössten Respekt gegenüber diesem erfahrenen Magistraten erlaube ich mir als Angehöriger einer jüngeren Generation zu widersprechen: Diese Aussage bringt das Grundproblem auf den Punkt. Die krankhafte Harmoniesucht lähmt diese Region. Statt zu disputieren, gilt das vornehme Konferieren. Die (noch) vollen Staatskassen lassen es zu: Man wählt die weniger anstrengende, dafür teurere Variante. Da machen über ein Dutzend «bürgerliche» Grossräte auch einmal bei einem Veloring mit, dessen Bedarf im 17-seitigen Ratschlag der rot-grünen Regierung mit keinem Wort aufgezeigt wird, der die öffentlichen Finanzen aber mit 25 Millionen Franken belastet.

In dieser Stadt gab es einmal einen Helmut Hubacher, um nur einen Namen zu nennen. Wo der angriffige SP-Politiker und Journalist auftauchte, knallte es. Immer gab es Ärger, weil er den Finger unerbittlich auf wunde Punkte legte. Hat seine Aggressivität die Basler Debattenkultur vergiftet? Überhaupt nicht. Die Bürgerlichen, die Hubacher hassten und ihm Pest und Cholera wünschten, waren herausgefordert. Sie wuchsen am Gegner.

Unfähigkeit zur Selbstkritik

Als Hubacher als nationale Politberühmtheit zurücktrat, dankte er zuerst seinen Kritikern. Sie hätten ihn weitergebracht. Leider ist diese so positive Einstellung verloren gegangen. Es existiert eine Unfähigkeit zur Kritik. Symptomatisch hierfür steht für mich Uni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki. Zur von der BaZ lancierten Leuchtturm-Diskussion meinte sie am Dies academicus selbstgefällig, die Uni tanze durchaus auf «Leuchtturm-­Niveau». Für ein Interview mit der BaZ findet Schenker-Wicki derweil seit Monaten keinen freien Termin. Die Verweigerungshaltung ist bezeichnend.

Was Basel braucht, und das ist mein Wunsch für 2017, ist ein geistiger Klimawandel. Wo, wenn nicht an der Universität könnte das Frühlingserwachen beginnen? Frank Vischer, Abkömmling des Basler Grossbürgertums, forderte die Fakultäten bereits 1986 auf, ein «Hort der Unruhigen und Unbequemen» zu sein. «Gesellschaft und Wirtschaft haben zu akzeptieren, dass die Universität nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch der Ort ist, wo kritische Fragen gestellt werden, wo die herrschenden Verhältnisse nicht notwendigerweise als endgültig angesehen werden, der Ort, wo Visionen einer anderen Welt entworfen werden.» Das war noch ein Statement.

Mehr Streitlust, mehr Mut zum Unbequemen, mehr Selbstkritik, weniger Selbstgefälligkeit, weniger Selbstgenügsamkeit: Es würde uns guttun, wir haben es nötig.

Ich wünsche einen guten Start ins neue Jahr.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 02.01.2017, 07:29 Uhr

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