«Basel Tov» – «Gut Basel»

Ein Schweizer Blick auf den Zionismus und Theodor Herzl.

Neue politische Fragen. Ulrich Schmid, Markus Somm, Roger Schawinski, David Sieber und Pierre Heumann im Hotel Trois Rois in Basel.

Neue politische Fragen. Ulrich Schmid, Markus Somm, Roger Schawinski, David Sieber und Pierre Heumann im Hotel Trois Rois in Basel. Bild: Nicole Pont

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Vor 120 Jahren lud der österreichisch-ungarische Journalist Theodor Herzl zum ersten zionistischen Kongress der Geschichte. Ein Grossereignis sollte es werden, Frack und Zylinder waren vorgeschrieben, denn Herzl hatte einen Sinn fürs Theatralische. Dieses Ereignis war die Saat, die Jahrzehnte später in der Gründung des Staates Israels 1948 aufgehen sollte. Wie Theodor Herzl (1860 bis 1904) 120 Jahre später die Welt, den Staat Israel und nicht zuletzt die Beziehung des Judentums zu diesem Staat beurteilen würde, werden wir nie erfahren. Der Schweizer Blick auf den Zionismus und auf Herzl wurde jedoch zum 120. Jahrestag des Kongresses von Experten und Journalisten am Montagabend im Hotel Trois Rois, wo Herzl damals gastierte, diskutiert.

Zu Beginn sprachen die Historiker Simon Erlanger, Erik Petry, Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und Laurent Goetschel, Direktor von Swisspeace, über den Zionismus, die Rolle Basels als Veranstaltungsort des ersten Kongresses von 1897 und Theodor Herzls Idee von einem «Judenstaat», wie er ihn nannte. So ist der Zionismus eine demokratische Nationalbewegung, die Juden aus aller Welt eine Heimstätte geben wollte. Es waren die Ostjuden, die wegen der Verfolgung in ihren Ländern von einer solchen Idee angetan waren. In westlichen Ländern wähnte man sich in Sicherheit und stand dem Anliegen eher skeptisch gegenüber.

Ein anständiger Rabbiner

Die zionistische Bewegung stiess daher durchaus auf aktive Gegnerschaft aus jüdischen Kreisen. So kam es, dass Herzl den Kongress nicht in München veranstaltete, weil die Juden dort dagegen protestierten. Die Schweizer Juden verhielten sich gemäss Kreutner «typisch schweizerisch», also neutral. Zürich kam als Veranstaltungsort nicht infrage, weil dort zu viele kommunistische Studenten aus Russland lebten und Herzl nicht wollte, dass der Zar die zionistische Bewegung mit dem Kommunismus assoziieren konnte. Ausserdem hatte man Angst vor russischen Aktivisten der Geheimpolizei.

Basel sei die Lösung, schrieb damals der spätere SP-Nationalrat David Farbstein an Herzl. Basel sei nicht sehr bekannt im Ausland, der Rabbiner anständig und das koschere Restaurant «ganz fein». Die Basler empfingen Herzls Delegation mit Freuden. Nicht zuletzt konnte der erste Kongress wegen des Einsatzes der jüdischen Gemeinde stattfinden.

Nach der Shoa wuchs der Rückhalt für den Staat Israel unter Schweizer Juden stark, was jedoch nicht heisse, dass politische Positionen mitgetragen würden, so Kreutner. «Die Schweizer Juden setzen sich für das Existenzrecht Israels ein. Zur israelischen Politik äussert sich der SIG, als offizielle Vertretung der Schweizer Juden, jedoch nicht», sagte Kreutner.

Erik Petry betonte, dass die Idee des Zionismus mit der Staatsgründung Israels nicht obsolet, sondern weiterentwickelt wurde. Man sah sich nach der Staatsgründung mit neuen politischen Fragen konfrontiert als zuvor. Politische Fragen, wie das Verhältnis zu den arabischen Israeli und den Palästinensern, stellte Herzl damals in den Hintergrund.

«Intensive Vorarbeit»

Unter der Moderation von Roger Schawinski diskutierten im zweiten Teil des Abends die Journalisten Ulrich W. Schmid, Nahostkorrespondent der NZZ, Markus Somm, Chefredaktor der BaZ, David Sieber, Chefredaktor der bz, und Pierre Heumann, Nahostkorrespondent der BaZ und Buchautor von «Israel entstand in Basel», Fragen wie «War Herzl eher links oder rechts?» oder «Was hätte Herzl dem aktuellen israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu geraten?».

Ob der Staat Israel denn auch ohne die Schrecken des Zweiten Weltkriegs gegründet worden wäre, wurde von Pierre Heumann mit einem entschlossenen «Bestimmt» beantwortet: «Die Juden in Palästina leisteten intensive Vorarbeit für eine Staatengründung. Es gab eine Gewerkschaft, Spitäler, ein Krankenkassensystem.»

Auch die Beziehung westlicher Journalisten zu Israel wurde thematisiert. «Kein Land im Westen wird so kritisch und so obsessiv von Journalisten beobachtet wie Israel. Die Agenturen sind seit Jahren israelkritisch», sagte Markus Somm. David Sieber hingegen ist der Ansicht, dass die Schweizer Medien eine vermittelnde Rolle einnehmen und ausgewogen berichten. Ulrich W. Schmid und Markus Somm hielten fest, dass der Westen, die westlichen Journalisten und all jene, die an Demokratie und Rechtsstaat glauben, eine Verpflichtung gegenüber Israel hätten. Wo man wieder auf Herzl zu sprechen kam, der vom damaligen Antisemitismus angetrieben war, eine Heimstätte für Juden zu gründen.

Rückblickend war Basel ein Erfolg für Herzl. Nicht umsonst schrieb er nach der Rückkehr nach Wien, angelehnt an den hebräischen Glückwunsch «Mazal Tov», «Basel Tov», was «Gut Basel» heisst.

Herzl erlebte die Staatengründung 1948 nicht mehr, war sich aber sicher, dass es den jüdischen Staat geben werde: «In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig, wird es jeder einsehen.» Er sollte recht behalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2017, 10:10 Uhr

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