Blackout IWB

Wie die rot-grüne Politik in Basel die Energieversorgerin marktunfähig macht. Die Zeche zahlt der Stromkunde.

Als die Welt noch in Ordnung war. David Thiel (l.) und Christoph Brutschin (SP) weihen einen Brunnen ein.

Als die Welt noch in Ordnung war. David Thiel (l.) und Christoph Brutschin (SP) weihen einen Brunnen ein. Bild: Stefan Leimer

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Die Industriellen Werke Basel (IWB), einst erfolgreiche Energieversorgerinnen, verlieren seit Jahren Marktanteile: knapp minus 30 Prozent in fünf Jahren beim Strom, ohne Aussicht auf eine Trendwende. Knapp minus sechs Prozent sind es beim Gas. Die Zeche zahlen die Basler Konsumenten: Obschon international die Strompreise fallen, insbesondere beim Solarstrom, zahlen sie jedes Jahr mehr. Im kommenden Jahr liegt der Kilowattstunden-Preis für den Haushalt bereinigt bei 22,32 Rappen, was einem Plus von 23 Prozent seit 2012 entspricht. Damit klar ist, in welches Desaster sich das Unternehmen manövriert hat: Die Konkurrentin im Baselbiet, die EBM, konnte seit der Strommarktliberalisierung von 2009 ihren Stromabsatz verdreifachen.

Setzt das Unternehmen das von den dominierenden Basler SP-Politikern und IWB-Verwaltungsräten Rudolf Rechsteiner und Beat Jans befeuerte Energiegesetz um, dann wird der Energieversorger auf Gas, ein 195-Millionen-Geschäft, je länger, je mehr verzichten und die über Jahrzehnte geschaffenen Gasleitungen im Basler Strassenboden vernichten müssen. Dies wird eine Versorgungs-Verteuerung für die letzten noch übrig bleibenden Gaskunden bedeuten.

Eine Strategie, wie sich die IWB aus diesem politischen Korsett unbeschadet befreien können, liegt nicht vor. Verwunderlich ist es auch nicht, dass es just mit der Umsetzung des neuen Energiegesetzes in der Chef-Etage der IWB in den letzten Wochen geknallt hat. IWB-CEO David Thiel verlässt das Haus «im gegenseitigen Einvernehmen», Verwaltungsratspräsident Michael Shipton hat das Handtuch geworfen. SP-Regierungsrat Christoph Brutschin ersetzt zwei Verwaltungsräte und hat mit der Einsetzung des «roten Bosses», dem früheren SBB-Generaldirektor Benedikt Weibel, die IWB auf seine Linie getrimmt.

Rentables Geschäft abstossen

Markus Häring, Geologe und Spezialist für Energiefragen, spricht von einem «richtigen Putsch». «Die Ziele der Verwaltungsräte Beat Jans und Rudolf Rechsteiner sind klar. Sie wollen ihre Ideologie durchsetzen und Gasheizungen durch Fernwärme ersetzen.»

Paradoxerweise sei das Gasgeschäft aber profitabel, die Fernwärme hingegen nicht. Der Umbau von einem rentablen zugunsten eines unrentablen Geschäfts stehe allerdings im Widerspruch zum Versorgungsauftrag und auch im Widerspruch zu einer wirtschaftlichen Geschäftsführung. «An diesem Punkt dürften sich die Geister geschieden haben, was zum Eklat führte.

Da aber Beat Jans und Rudolf Rechsteiner im Verwaltungsrat das Sagen haben, ist es vermutlich auch dem Verwaltungsratspräsidenten Michael Shipton zu viel geworden», sagt Häring. Diesen ideologischen Kurs habe dann auch David Thiel nicht mehr mittragen wollen. Die Version, dass Rechsteiner und Jans den CEO vor das Ultimatum «wir oder Thiel» gestellt hätten, wurde an der Pressekonferenz vom Mittwoch als Spekulation abgetan, aber nicht dementiert. Rechsteiner und Jans schweigen dazu.

Verwaltungsrat: «IWB chancenlos»

Für den unabhängigen Energietreuhänder Mauro Renggli, Wegbegleiter von David Thiel, war das seit einem Dreivierteljahr absehbar: «Thiel, der Modelle vorgelegt hat, konnte operativ nicht mehr tätig sein. Vom Verwaltungsrat hiess es immer: Nein, nein, nein.»

Renggli weiss viel, da er nahe am Markt arbeitet und mit seiner Renergy GmbH KMU und Baselbieter Gemeinden wie Allschwil und Bottmingen bei der Energiebesorgung berät. «Im Strommarkt verdient man nicht mehr. Da geht es beim Strompreis von Grosskunden um hundertstel und tausendstel Rappen, drei Stellen hinter dem Komma.» Die IWB könnten hierbei mit dem grünen Stromportfolio nicht mithalten. Ein Mitglied des Verwaltungsrats bestätigt denn auch: «Die IWB sind schlicht nicht marktfähig.»

Für den Ökonomen und Spezialisten für Energiemärkte, Silvio Borner, ist das Szenario denn auch klar: «Die IWB, die von der Politik dazu gezwungen sind, Sonnenstrom und Windkraftenergie einzukaufen, werden die Spitzen im Winter nicht decken können. Das betrifft die Schweiz generell, die die Energiewende plant, aber technisch und ökonomisch nicht wird umsetzen können.» Das bedeutet: Die Schweiz wird im Winter importabhängig. Das setzt politische Lösungen mit der EU voraus. Folglich wird die Schweiz dem europäischen Elektrizitätsbinnenmarkt beitreten müssen. Dessen Mitgliedschaft ist aber nicht ohne vollständige Liberalisierung des Marktes zu haben. Borner: «Das staatsnahe Unternehmen IWB wird dann keine Marktchancen mehr haben und muss seine Unkosten auf die Steuerzahler abwälzen.»

Der Druck auf die IWB kommt auch von innen – mit Einführung von Energieverbrauchsgemeinschaften, wie Mauro Renggli warnt. Kleinkonsumenten werden sich zu Gruppen zusammenschliessen können und als Grosskunden am Markt bei der Konkurrenz einkaufen können. «Ein Verwaltungsrat, der politisch und ideologisch gesteuert ist, ist zu wenig flexibel, um wettbewerbsfähig zu sein», sagt Renggli und schliesst: «Der Nachfolger von Thiel wird ein unglücklicher Angestellter sein.»

Kunden wollen Billigenergie

Hinzu kommt, was Borner beobachtet: «Die Versorgungssicherheit mit Strom, das Back-up, und die Netzkosten aus sogenanntem Flatterstrom steigen schneller an, als die reinen Produktionskosten sinken.» Mit anderen Worten: Die Preise für Solarenergie würden weiter sinken, für die Konsumenten in Basel werde der Strom trotzdem teurer. «In einem zunehmend liberalisierten Markt werden den IWB die Kunden zuhauf davonlaufen», prophezeit Borner.

Grosskunden im teilliberalisierten Strommarkt haben den IWB den Rücken bereits gekehrt und beschaffen sich den günstigen Strom bei Konkurrenten. Mit der restriktiven Gesetzgebung in Basel-Stadt – beispielsweise, dass der kantonale Energieversorger keinen Atomstrom einkaufen darf – habe die Politik die IWB gemäss Häring in ein enges Korsett gezwängt. «Wenn das demokratisch vom Stimmbürger so gewählt ist, dann geht das zwar in Ordnung. Allerdings darf man sich dann auch nicht an den steigenden Energiekosten stossen.»

IWB-Mediensprecher Lars Knuchel bestätigt den sinkenden Stromabsatz. «Wir führen das vor allem auf den seit 2009 teilliberalisierten Strommarkt zurück, der in der Schweiz immer mehr spielt.» Zum andern liege es aber auch an den europaweit verzerrten Strompreisen, die in den letzten Jahren um über 60 Prozent gefallen seien und «sich zulasten unserer bewährten heimischen Wasserkraft auswirken», so Knuchel weiter. Hierbei sei der geförderte Ausbau der Wind- und Solarenergie jedoch nur einer von mehreren Faktoren. «Die tiefen Preise für fossile Energien, die Renaissance der subventionierten Kohle, das leider nicht richtig funktionierende Handelssystem mit CO2-Zertifikaten und während einigen Jahren auch der konjunkturelle Abschwung tragen ebenso dazu bei.»

Alle diese Schwierigkeiten dürften die Spannungen im Verwaltungsrat verstärkt haben. Zunehmend sei Thiel nicht mehr attestiert worden, dass er die IWB aus der Krise führen könne. Möglicherweise haben die risikobehafteten Investitionen in Spanien und an der Nordsee sowie die riskante Investition in das Glasfasernetz in Basel, in der die Swisscom die einzig grosse Gewinnerin ist, zu dieser Einschätzung beigetragen.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 27.10.2017, 07:04 Uhr

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