Das Gaffen bei Unfällen wird belohnt

Sozialpsychologe Rainer Greifeneder erklärt, weshalb Menschen Unfälle und Leichen filmen.

Faszination Unfall. Wenn es Blechschäden oder Verletzte gibt, müssen sich die Rettungskräfte immer häufiger gegen Schaulustige abgrenzen.

Faszination Unfall. Wenn es Blechschäden oder Verletzte gibt, müssen sich die Rettungskräfte immer häufiger gegen Schaulustige abgrenzen. Bild: Keystone

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Ein freiwilliger Sanitäter wird bei der ersten Hilfe gefilmt und angegriffen, Schaulustige behindern Rettungen. Gaffer fotografieren bei einem Suizid die entstellte Leiche und stellen die Bilder online und zwei Männer filmen lieber, als einem schwer verletzten älteren Herrn zu helfen – der BaZ-Artikel, in dem letzten Samstag Sanitäter, Polizei, Feuerwehr und Staatsanwaltschaft über diese beunruhigende Entwicklung berichteten, sorgte für viele empörte Kommentare. Doch weshalb nimmt dieses Phänomen überhaupt zu? Verroht die Gesellschaft? Die BaZ fragt Rainer Greifeneder, Leiter der Abteilung Sozialpsychologie an der Universität Basel.

BaZ: Weshalb wollen Menschen überhaupt Verletzte oder Leichen sehen?
Rainer Greifeneder: Schaulust an sich ist nichts Neues. Es geht in den meisten Fällen jedoch nicht darum, jemanden in einer misslichen Lage zu beobachten oder sogar Gefallen daran zu finden. Das Hinsehen ist auch für die Schaulustigen unangenehm. Die meisten Menschen würde es abschrecken, wie Sanitäter, Polizisten oder Chirurgen regelmässig schlimm verunfallte Personen sehen zu müssen.

Um was geht es dann?
Schaulustige wollen ein Ereignis beobachten, um darüber berichten zu können. Jeder steht gerne im Mittelpunkt. Wenn man bei etwas Speziellem vor Ort war, ist man selber auch ein bisschen wichtiger. Wir mögen es alle, dass uns andere toll finden. Zuzuschauen hat also eine belohnende Komponente. Ich bin überzeugt: Wenn man das Gesehene nicht weiterverbreiten könnte, gäbe es kaum Schaulustige.

Nun schauen die Leute nicht nur zu, sie filmen oder fotografieren das Ganze auch noch und posten es auf sozialen Medien. Geht das in dieselbe Richtung?
Ja. Filmen und Fotografieren ist die logische Weiterentwicklung. Auf Youtube findet man haufenweise Filme von Leuten, denen mehr oder weniger schlimme Missgeschicke passieren. Diese Filme sind oft Click-Hits. Viele wünschen sich, auch einen solchen Hit zu produzieren. Jedes Like ist eine kleine Bestätigung. Wenn zwei Millionen Menschen etwas anschauen, das ich gepostet habe, ist das eine Belohnung. Ich bin für einen halben Tag berühmt und erzähle vielleicht noch mit 80 von jenem Tag, als mein Video viral wurde. Es gibt Studien, die zeigen, dass Leute regelrecht abhängig werden von Bestätigung auf Instagram, Facebook oder Youtube.

Auch in den klassischen Medien werden Berichte von Unfällen, Katastrophen oder Verbrechen oft gelesen. Weshalb ist es für uns überhaupt spannend, solche Dinge zu sehen oder in der Zeitung zu lesen?
Abwechslung erfreut. Das Sehen von Gefahr löst einen gewissen Nervenkitzel aus, ohne dass man sich selbst in Gefahr bringen muss. Heute kann auf sozialen Medien jeder zum Reporter werden, wobei wir wieder bei der Hauptmotivation der Schaulustigen wären.

Weshalb interessiert es die Filmenden nicht, was es für einen Verunfallten bedeutet, so exponiert zu werden? Oder wie sich Angehörige fühlen, wenn sie die Bilder der verunstalteten Leiche ihres Verwandten online entdecken?
Hier muss ich spekulieren: In jenem Moment sind diese Schaulustigen absolut darauf fokussiert, das Bild oder den Film zu machen, der in den sozialen Medien etwas Besonderes werden könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass sie nicht darüber nachdenken, was es für Betroffene oder Angehörige bedeutet.

Polizei und Feuerwehr berichten, dass immer mehr Zuschauer ihre Anweisungen missachten.
Dank den sozialen Medien hat sich auch die erhoffte soziale Belohnung vergrössert. Dann nimmt man auch in Kauf, von einem Polizisten angeschnauzt zu werden, um ein gutes Bild zu erhalten.

Im BaZ-Artikel berichtet ein freiwilliger Sanitäter von zwei Männern, die lieber filmten, als einem stark blutenden älteren Herrn zu helfen, der alleine auf dem Boden lag und vermutlich einen Schädelbruch hatte.
Bei diesem Fall fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Offenbar war für sie die erwartete Belohnung grösser als der angenommene Schaden, der dem älteren Herrn entstand. Nachvollziehen kann ich das jedoch nicht. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass sie nicht wussten, wie sie helfen sollen. Ein Mensch durchläuft vier Schritte, bevor er hilft. Man muss erkennen, was passiert ist, muss es als Notfall interpretieren, muss Verantwortung übernehmen und man muss entscheiden, wie man helfen will. Es kann also sein, dass den beiden die Kompetenz fehlte und sie Angst hatten einen Fehler zu begehen, den die andere Person womöglich noch filmt. Allerdings hätte es sogar in dem Fall unverfängliche Massnahmen gegeben, um zu helfen. Dass es falsch ist, in diesem Moment zu filmen, muss aber jedem klar sein. Wenn übrigens nur ein Mann vor Ort gewesen wäre, wären die Chancen, dass dem älteren Herrn geholfen wird, viel grösser gewesen.

Weshalb?
Man nennt das Verantwortungs-Diffusion. Die Zuschauer sind verunsichert, wissen nicht, wie sie genau helfen können und gehen davon aus, dass ein anderer kompetenter ist oder schon die Rettung alarmiert hat. Sind sie jedoch alleine und somit die einzige Hoffnung des Verunfallten, ist klar, wer die Verantwortung hat – dann helfen die meisten.

Im Zusammenhang mit den filmenden Schaulustigen ist immer wieder vom Verfall der Gesellschaft die Rede. Wird der Mensch immer schlechter?
Ich glaube, der Charakter der Menschen hat sich nicht verändert. Die Veränderung ist, dass mit den sozialen Medien die Reichweite steigt und die Belohnung viel grösser ist. Die sozialen Normen im Internet sind anders als im direkten Kontakt. Wenn sich diese Normen verändern, ändert sich auch das Verhalten.

Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken?
Die klassischen Medien können aufhören, diese Bilder und Filme zu kaufen und zu veröffentlichen. Und jeder Einzelne kann damit aufhören, sich solche Filmchen anzuschauen und diese zu liken. Dann wäre es nicht mehr interessant, zu filmen und zu fotografieren. Am besten, man gibt sogar einen Daumen runter. Wenn jemand für sein Posting einen Shitstorm erntet, macht er das nur einmal. Dann ist der belohnende Charakter weg.

Denken Sie, das wird geschehen?
Soziale Medien sind ja nicht per se schlecht. Wir hatten einfach noch nicht lange genug Zeit, um zu wissen, wie man am besten mit ihnen umgeht. Wir haben noch kein gutes Gefühl dafür, was soziale Medien alles auslösen können. Ich bin jedoch optimistisch. Obwohl es natürlich schwarze Schafe gibt, die sich bei Unfällen daneben benehmen, verhalten sich schon heute die meisten Menschen anständig. Sie helfen oder gehen einfach weiter.

Umfrage

Immer mehr Schaulustige zücken das Handy, um zu fotografieren. Haben Sie das auch schon getan?

Ja

 
3.3%

Nein

 
96.7%

1262 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 07:04 Uhr

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