Das ist ein «e» mit Faktor 5: heeeeerlig!

Das Drummeli gab als Leitthema 5000 Jahre Weltgeschichte vor – und alle machen mit. Das diesjährige Monstre-Trommelkonzert begeistert.

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Am Drummeli hat es schon vieles gegeben. Aber das noch nie: Da wird für alle ein Leitthema vorgegeben – und alle machen mit!

Die Idee: 5000 Jahre Weltgeschichte, aus dem Blickwinkel von Basel und seiner Fasnacht, sollen im Zeitraffer von den Cliquen, Guggen, Schnitzelbänken und Rahmestiggli auf die Bühne gebracht werden. Jede Gruppierung befasst sich mit einem Zeitabschnitt; das geht von der Steinzeit über das Mittelalter und die Zeit der Seidenbandindustrie bis hin zur Eisenbahn, zum Zweiten Weltkrieg und zur Pharmaindustrie.

Kann das gut gehen? Es kann. Und wie! Was von ausnahmslos allen Gruppierungen an Ideenreichtum und musikalischer Qualität auf die Bühne des Musical-Theaters gebracht wird, ist schlicht grandios.

Zeedel in Stein gemeisselt

Es beginnt mit einer Zeitmaschine, aus der vier Figuren – Ritter, Ratsherr, Harlekin und Astronaut – steigen und das Publikum auf den Abend vorbereiten. Nun kann die Zeitreise beginnen. Auf der Leinwand schiebt sich ein langer Arm hinein und dreht an einer ratternden Kurbel. Bei 3000 v. Chr. bleibt die Zahlenrolle stehen: Steinzeit. Und schon däppelet zu Richard Strauss’ donnerndem «Also sprach Zarathustra» ein Schyssdräggziigli nach dem anderen mit einem steinzeitgemässen «Arabi» über die Bühne. Es sind die Staizytkerzli, aus denen viele Jahrhunderte später die Schnooggekerzli werden sollten. Ihr Zeedel ist – wie könnte es auch anders sein – in Stein gemeisselt.

Zeitsprung: Ein römischer Feldherr und sein Adlatus mokieren sich über die alemannischen Fasnächtler. Es ist das erste Rahmestiggli – und es sitzt. Doch da dreht uns der lange Arm schon ins Jahr 740, als Basel einen Bischof bekam. Wir befinden uns im Münster, wo die Basler Dybli als Nonnen und Mönche das «Nunnefirzli» intonieren.

Pest und Wanderratten

Lautes Rattern – und die Zahlenrolle hält beim Jahr 1349. Die Pest, der schwarze Tod, hat mit den Wanderratte seinen Auftritt. Durch den Birsigkanal haben die Schnitzelbänkler den Weg ins Theater gefunden und singen bissige Verse wie diesen:

Au in däre Stadt, liebi Drummeli-Gescht,drifft uns kai Schuld an dr schwarze Pescht.Die wird nämlig, das het scho my Babbe gsait,vom Floh und nit vo uns überdrait.Usserdäm hätt me jo z Basel insgesamtlieber d Pescht in dr Stadt als dr Wessels im Amt.

Dann geht es zurück ins Jahr 1225, als Basel seine erste Brücke bekam. Die Alte Glaibasler bauen sie zu den satten Klängen des Marsches «Neyi Glaibasler» auf und lassen sie durch nagende Biber wieder zusammenstürzen. Regierungsrat Hans-Peter Wessels meint dazu in einer Video-Zuschaltung: «Für diese Katastrophe bin ich ausnahmsweise nicht zuständig.» Die einbrechende Brücke bildet den nahtlosen Übergang zum Basler Erdbeben von 1356, das die Guggenmusik Gruntzgaischter mit dem Stück «What I’ve Done» der Band Linkin Park effektvoll und musikalisch wie tänzerisch eindrücklich darstellt.

Das «Martinsglöggli» ertönt

Hundert Jahre später sieht schon wieder alles ganz anders aus. In Basel findet das Konzil statt und in dessen Nachgang erhält Basel 1459 vom Papst eine Universität zugesprochen. Vor Michelangelos Gemälde «Die Erschaffung Adams» entfaltet sich ein witziger Dialog zwischen dem Papst und den Basler Gesandten. Später, in der Reformationszeit, wird vor derselben Kulisse ebenso pointenreich über die Fasnacht gestritten werden. 1471: Das «Martinsglöggli» ertönt zur ersten Messe in Basel. Die Spale-Clique hat das Lied, das durch die Basler Elschtere Bekanntheit erlangte, für Piccolo arrangiert. Wie hier, so liegt auch bei den anderen Nummern die Qualität nicht zuletzt in den projizierten Fotos und Bildern von Basler Häusern und Plätzen. Sie schaffen Emotionen. Der Andreasplatz im zünftigen Basel, vor dem das Spiel der Safran-Zunft als Gast mit dem «Elfer» auftritt, ist ein solches Beispiel oder das Wildt’sche Haus, in dem die Rhyschnoogge als goldene Engelchen mit dem «Ohremyggeli» die Barockzeit aufleben lassen.

Zuvor verweist die Wettstai-Clique mit dem «Wettsteinmarsch» auf Ratsherr Wettstein, dem die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft zu verdanken ist.

Die Alti Richtig thematisiert die Seidenbandindustrie und nimmt mit dem dynamisch gepfiffenen «Aeschlemer» Bezug zu den Landschäftlern, die für die Basler Seidenbandherren zu arbeiten hatten. Dazu passt das Rahmestiggli, in dem zwei solche Seidenbandfabrikanten dem hochnäsigen Napoleon die Stirn bieten.

Zerstrittene Clique

Die Junteressli greifen die Bedeutung der Pferde zur Zeit Napoleons auf und spannen den Bogen zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum: Vom Binggis bis zum Stammmitglied intonieren alle das pfeiferisch wie trommlerisch mehrstimmige «Junteresslispiil».

Und schon befinden wir uns im 19. Jahrhundert, der Zeit der Industrialisierung. Die J.B Santihans lässt zu Bildern über die Entwicklung der chemischen Industrie in Basel den «Sixty-Nine» erklingen, während die Gundeli mit ihrem Marsch «Dante Schuggi» den Bahnhof SBB zum Thema macht. Dazwischen wird ein äusserst witziges Rahmestiggli über eine zerstrittene Clique geschoben, die in den Worten endet: «Besser e schlächte Kanton als e Halbkanton.»

Und mit dem revuehaft-witzigen, aber etwas zu lang geratenen «Yysebahn-Song» geht es in die Pause.

Die zweite Halbzeit

Euphorie in der Pause: «Genial!»… «super!»… «e Bombe». Bref: die Begeisterung schlägt Purzelbäume.

Und sogar Regierungsrat Baschi Dürr twittert: «Drummeli wie noch nie – auch wenn es in der Pause 3:0 für Wessels steht!»

Eröffnet wird mit einem Extrablatt. Schlagzeile: «Kleinhüningen wird eingemeindet!»

Die Zeitmaschine hat uns ins Jahr 1900 zurückgebeamt. Und eine Zeitungsfrau erzählt uns, was aus dem Fischerdorf jetzt werden wird. Sie verdient sich mit dem Verkauf der Blätter ein Zubrot – denn:

Keine Vischer-Tochter

Zyttyge wänn Mensche immer lääseUnd wenn’s emool nit esoo isch – friss ych doch glatt e Bääse!

Das Wunderbare dieser Monstre-Zeitreise: Sie führt zurück – führt uns aber gleichzeitig auch die Zukunft vor Augen. Und sowohl in der Vergangenheit wie auch im Heute bleiben die Sorgen stets dieselben:

Glaihünige wird modärnisiertwenn’s dir nit passt – wirdsch abserviert.

Ämmel wenn man wie die Zeitungsfrau hier nur eine Fischerstochter von dort ist. Und keine Vischer-Tochter.

No-Generation nach dem Ersten Weltkrieg

D Glunggi eröffnen mit uns den Zolli im Jahre 1874. Sie watscheln als Pinguine an – und intonieren sinnigerweise im Heisshunger den «Fischmärt». Super Harscht. Super Pfiff!

Bei den Molltönen der «Ryslaifer» schmeckt man jetzt – räggetläng – die schlimme Zeit der No-Generation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Arbeiterbewegung ist grau in grau im Anmarsch; die Proteste kommen auch verbal. Sie tönen abgekämpft. Frustriert. Wie immer setzen die Alte Stainlemer ein schwieriges Thema bravourös um.

Grossartig dann die kurze und pointierte Schwarz-weiss-Stummfilmszene der 20-er Jahre, die uns ins Küchlin zu den Chaote führt – Mega-Auftritt der Gugge. Und Mega-Sound aus den Roaring Twenties. Gespielt wird auch der Mackie-Messer-Song vom Haifisch – vermutlich eine unbewusste Hommage an den anwesenden Grossratspräsidenten Heivisch.

Farbe und Hühnerhaut

Ganz stark das Solo des Hofnarrs, der uns vor Augen führt, welche Schreckenstaten wir nie mehr durchstehen wollen. Was wir für die Zukunft verbessern möchten. Und wie es am Schluss dann doch nur bei solchen Floskeln bleibt.

Genau so stark geht der Auftritt der VKB unter die Haut. Joseph Goebbels Stimme. Die Fahnen mit dem Hakenkreuz. Suchscheinwerfer. Alarmsirenen. Und die eingeschlossene Fasnacht. Moll-Töne, gedämpfter Trommelschlag. Alles ist düster. Macht Angst.

Erst die «Befreiung» und der erste Morgestraich, wenn die alte Tante aus der Käppelijoch-Kapelle steigt, bringen wieder Farbe. Und Hühnerhaut! Wir haben durchgehalten – z Basel an mym Rhy!

D Spezi zeigt uns, wie die Wirtschaft in den 1960-er Jahren dank der Gastarbeiter zu boomen beginnt – es ist eine Hommage an die Spanier, Portugiesen, Italiener – dies mit dem «Espana Cani».

Auf dem Mond vergessen

Und d Basler Rolli sind in ihrem Gründungsjahr 1969 auf dem Mond angekommen. Hier feiern sie nun ihre 50 Jahre.

Ein gigantisches Astronauten-Meer an Super-Pfeifern und Top-Tambouren steht in der Kraterlandschaft des Mondes. Man ist bereit, hier die Welt- oder eben Monduraufführung zu intonieren: den «Apollo» von Lucien Stöcklin und Patrick Hersberger.

Super dann der Übergang zu den Stroossewischer, die als Astronauten auf dem Mond vergessen wurden. Immer wieder an die Bodenstation funken. Und sich schliesslich in Woodstock-Kostümen «befreien» – super Auftritt. Super Värs!

«Wämmer Fraue?»

Grossartig waren auch immer die Rahmen– seis, ob man über das Frauenstimmrecht als Cliquen-Thema («wämmer Fraue?») diskutiert oder vor einer Swisscom-Kabine Überlegungen anstellt, was man mit dem überfälligen Kasten jetzt anstellen könnte.

D Breo fordert in ihrem 1986-Auftritt «Mehr Freiheit für Junge!» – und «Rettet den Erdbockkäfer!». Wir werden von den Jugendunruhen durchgerüttelt. Der Sound: ein «Glashaus-Blues» (Arrangement von Alex Hendriksen und Fabian Cahenzli) und verschiedene Experiment-Klangkörper.

Bleibt unser Glückwunsch zum Einfall mit der Schlegel-Schlacht!

Schon erobern Computer und ihre Spiele die Welt – d Rhygwäggi drücken uns den Game-Boy in die Hände, zeigen «e Bit’s Basel» und meistern diese schwierige synkopische und atonale Komposition (Claudia Suter/Alain Gremaud) meisterhaft bis zum Moment: Game over!

Vaudois-Rap-Sodie

Das neue Jahrtausend starten wir mit den Schnurebegge und Street-Art; wir hören Rap mit Fabe, sehen Bilder von Graffiti-Künstler Dest und bekommen dazu eine heisse Vaudois-Rap-Sodie mit dem sinnigen Titel «Wo du-was 99» serviert.

Schon sind wir im Finale und der Jetzt-Zeit angelangt – die Sans-Gêne setzt mit einem Bouquet von Emojis und Social-Media-Zeichen die plakativen Momente des Heute um. «Bâle Medial» titeln sie ihren Auftritt.

Und der «Copain» schenkt uns den fulminanten Schlusspunkt zu einem Monstre, das wohl einzigartig ist und in die Fasnachtsgeschichte eingehen wird.

Jahrhundert-Drummeli

Noch einmal erscheinen die Figuren (durchs Band weg hervorragend gespielt!) vor der Zeitkiste. Der Countdown läuft – die Fasnacht 2019 steht ante portas. Und nichts wie los!

Wir zücken à la Comité den Chapeau!

Und stecken den Monstre-Verantwortlichen einen Riesenstrauss Mimosen an die Brust: Jahrhundert-Drummeli. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes.

Oder wie hiess es am Anfang des Abends im Prolog?

Ein «e» mit Faktor 5: heeeeerlig!

Drummeli: Bis Freitag, 1. März, jeweils 19.30 Uhr im Musical Theater. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.02.2019, 12:07 Uhr

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