Das rollende Ärgernis

Wer mit dem 8er-Tram unterwegs ist, muss viel Geduld aufbringen. Die BVB schneiden im Vergleich zu Verkehrsbetrieben anderer Schweizer Städte schlecht ab.

Schon beim Start verspätet. Die Tramlinie 8, die zwischen Neuweilerstrasse (Bild) und Kleinhüningen/Weil am Rhein verkehrt, ist ein Sorgenkind der BVB.

Schon beim Start verspätet. Die Tramlinie 8, die zwischen Neuweilerstrasse (Bild) und Kleinhüningen/Weil am Rhein verkehrt, ist ein Sorgenkind der BVB. Bild: Roland Schmid

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An der Haltestelle Neuweilerstrasse des 8er-Trams blinkt längst das Display – ein Signal für Passagiere, dass das Tram gleich losfahren wird. Doch der Chauffeur raucht draussen noch in aller Ruhe seine Zigarette fertig, bevor er in die Kabine steigt. Das fängt ja gut an, denkt man: Schon an der Starthaltestelle im Neubad beginnt die Fahrt mit Verspätung.

Endlich schliessen sich die Türen. Das Tram rollt los, vorbei an den Stationen Neubad, Laupenring, Schützenhaus, Markthalle. Der Fahrer holt die verlorene Zeit auf dem Weg Richtung Innenstadt schnell auf und bahnt sich unbehindert seinen Weg durch den Verkehr. Barfüsserplatz, Glühweinduft vom Weihnachtsmarkt dringt ins Tram; Rheingasse, eine Mutter schimpft mit ihrem Kind: «Fabian, bleib sitzen!»; Bläsiring, eine Dame in Rosa macht sich auf einem Sitz breit; Kleinhüningeranlage, ein Hund schnuppert an einem Fahrgast, der gequält lächelt. 38 Minuten nach Abfahrt in Basel kommt der 8er in Weil am Rhein/Bahnhof an. «Endstation», verkündet die Stimme aus dem Lautsprecher. Der Kurs war geradezu vorbildlich pünktlich unterwegs.

Doch die Idylle an diesem Donnerstagnachmittag im Dezember trügt. Es gibt Tage, da ist die Fahrt mit dem 8er, freundlich formuliert, ein Ärgernis. Dann zeigt das Haltestellen-Display die Schreckensworte «Verkehrsüberlastung» und «Verspätung» an, und an der Wendeschlaufe bei der Haltestelle Neuweilerstrasse stauen sich, vor allem an Samstagen, manchmal bis zu drei Wagenkompositionen hintereinander.

«Sorgenkind der BVB»

So wird aus dem Fahrplan eine Fiktion und aus der Reise mit dem 8er-Tram eine Achterbahnfahrt, ohne Loopings, aber mit schwindelerregenden Umleitungen. Statt an der Markthalle Richtung Bahnhof weiterzufahren, wird der Kurs zur Verblüffung der Fahrgäste plötzlich Richtung Heuwaage umgeleitet. Es kommt auch vor, dass das Tram, vom Bahnhof her kommend, beim Schützenhaus nicht planmässig Richtung Neubad abbiegt, sondern geradeaus weiterfährt zum Depot Morgartenring. Einheimische, irritiert ob der «situativen Umleitung», steigen dann notgedrungen um. Auswärtige, welche die genuschelte Warnung des Fahrers nicht verstanden haben, haben das Nachsehen.

Lange ist es her, da konnte man sich als Passagier des 8er-Trams auf den Fahrplan verlassen wie auf die sprechende Uhr. Doch dann kam der schicksalhafte 12. Dezember 2014: Regierungsmitglieder aus Basel-Stadt und Weil am Rhein feierten die Verlängerung der Linie von Kleinhüningen nach Deutschland.

Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels prophezeite, dadurch würden die Läden in der Innenstadt für deutsche Kunden attraktiver. Das Gegenteil ist der Fall: Das 8er-Tram befördert Basler Einkaufstouristen zu Zehntausenden zu den Einkaufstempeln in Weil am Rhein. Dort gerät es wegen des hohen Passagieraufkommens und der unglücklichen Linienführung beim Autokreisel vor dem Rheincenter, wo sich Schiene und Strasse kreuzen, immer wieder aus dem Takt.

Der 8er bleibt, wie es im Juli 2017 Stefan Schaffner, der damalige Leiter «Markt und Netz» der BVB, im «Regionaljournal» von Radio DRS formulierte, auch 2018 das «Sorgenkind der BVB». Verglichen mit 2014 habe sich die Situation zwar «massiv verbessert», sagt Christoph Wydler, Präsident des Neutralen Quartiervereins Neubad. Doch es gebe noch allzu häufig Probleme, «oft im Abendverkehr von der Innenstadt Richtung Neubad». Auf der Homepage des Quartiervereins heisst es: «Die frühere Zuverlässigkeit ist noch nicht erreicht.»

«Unschöne Situation»

Auch Alexander Gröflin, Informatik-Experte und Basler SVP-Grossrat, der 2017 mit einer privaten Messung Verspätungen von 15 bis 55 Minuten eruiert hatte, weiss: «Der 8er bleibt am Nadelöhr Weil am Rhein stecken, das merkt man dann eben im Neubad.»

Im BVB-Geschäftsbericht ist zwar von einem inzwischen «optimierten Innenstadt-Durchlauf» die Rede. Er bringe «zusätzliche Verbesserungen bei der Pünktlichkeit». Die Fahrzeuge der BVB verkehrten «mit einem durchschnittlichen Wert von 89,4 Prozent mehrheitlich pünktlich». Pünktlich ist laut BVB ein Tram unterwegs, wenn es «zwischen 60 Sekunden vor und bis zu zwei Minuten nach der auf dem Fahrplan angegebenen Zeit abfährt».

Ein Blick auf die Internetseite «pünktlichkeit.ch», die aufzeigt, wie zuverlässig der öffentliche Verkehr in der Schweiz rollt, ist jedoch ernüchternd. Die BVB stehen mit einer Pünktlichkeitsquote von 88,3 Prozent schlecht da. Nur die Verkehrsbetriebe Luzern waren in den vergangenen 365 Tagen mit einer Pünktlichkeit von 86,5 Prozent noch miserabler unterwegs. Gut sind hingegen die Verkehrsbetriebe Schaffhausen: Sie sind mit einer Pünktlichkeit von 94,6 Prozent Spitze, gefolgt von den städtischen Verkehrsbetrieben Bern (91,9) und den Verkehrsbetrieben Zürich (90,8).

Dass die BVB im Vergleich zu Verkehrsbetrieben anderer Schweizer Städte schlecht abschneiden, ist dem Unternehmen bewusst: «Dies ist keine zufriedenstellende Bilanz für uns. Grundsätzlich ist Pünktlichkeit ein Ziel, an dem wir täglich arbeiten», schreiben die BVB auf Anfrage der BaZ. Die Verspätungen des Sorgentrams Nummer 8 seien eine «unschöne Situation, wir entschuldigen uns bei unseren Fahrgästen für die Unannehmlichkeiten».

«Keine Auswirkungen»

Der 8er sei mit 19,13 Millionen Fahrgästen im Jahr 2017 «die am stärksten frequentierte Linie auf dem BVB-Netz» und «mit ihrer langen Linienführung durch die Innenstadt anfällig für Verspätungen», rechtfertigen sich die BVB. Man sei bemüht, mit einem Splitting an Samstagen die Situation zu entschärfen. Dann ist der 8er als geteilte Linie unterwegs: von der Neuweilerstrasse bis nach Kleinhüningen und separat von Kleinhüningen nach Weil am Rhein. So sollen sich Verspätungen nicht aufs ganze Netz ausdehnen. Zudem wurde beim Kreisel vor dem Rheincenter in Weil am Rhein die Ampelsteuerung optimiert. Dies führe «zu einer Verbesserung im Durchlauf». Ausserdem habe man mit dem Einsatz von Kundenlenkern, die an Samstagen im Advent die Menschenströme am Grenzübergang in geordnete Bahnen lenken, «gute Erfahrungen gemacht».

Anlässlich des Fahrplanwechsels am 9. Dezember meldeten die BVB einen «weiteren Ausbau des Angebots» mit Verstärkungen auf den Bus- und Tramlinien 30, 36 und 14. Wer auch beim 8er Verbesserungen erwartet hatte, wird enttäuscht. «Der Fahrplanwechsel hat keine Auswirkungen auf die Linie 8», teilten die BVB mit.

Umfrage

Die Tramlinie 8 ist oft verspätet. Doch die BVB berücksichtigen dies im Fahrplanwechsel nicht. Unternehmen die BVB zu wenig, um Verspätungen vorzubeugen?

Ja

 
55.4%

Nein

 
44.6%

1241 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 19.12.2018, 07:13 Uhr

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