«Der Basler» – eine schöne Einbildung

In seiner Replik auf Markus Somm hat Regierungsrat Eymann eine Identität beschworen, die es so nicht gibt.

Basel und die Schweiz. An der Bundesfeier ist der gekrümmte Rhein Ort des Festens. Sieht man den Feiernden an, dass sie Basler sind?

Basel und die Schweiz. An der Bundesfeier ist der gekrümmte Rhein Ort des Festens. Sieht man den Feiernden an, dass sie Basler sind? Bild: Jérôme Depierre

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Auf den Mann spielen? «In Basel möchten wir das nicht.» Den Konflikt suchen? «In unserem Kanton ist das nicht anwendbar.» Schärfere Töne zwischen Politikern? «Baslerinnen und Basler wollen das nicht.»

LDP-Regierungsrat Christoph Eymann hat vor zwei Wochen dem BaZ-Chefredaktor Markus Somm widersprochen, weil dieser den bürgerlichen Wahlkampf als zahnlos kritisierte und mehr Kampfgeist forderte. Eymann erklärte, dass in Basel ein anderes Klima herrsche. In Herrliberg mag es gewünscht sein, dass der politische Disput zur Schlammschlacht verkommt. «In Basel möchten wir das nicht.» Er schliesst damit von sich auf alle. Er spricht als Basler für die Basler.

Nur: Was ist denn «der Basler»? Gibt es den Typus mit dem unvergleich­lichen Basler Wesenszug, den Homo Basiliensis?

«Wunderbare Eigenarten»

In Basel, so schreibt Eymann, gebe es auch ausserhalb der liberal-demokratischen Partei Menschen, die eine liberale Geisteshaltung haben und behalten wollen. Das sei «eine von vielen wunderbaren Basler Eigenarten und Unterschieden zur Restschweiz».

Der Satz beweist zweierlei: Eymann übersieht, dass es überall in der Schweiz Menschen gibt, die liberal denken, ohne einer Partei anzugehören. Und: Er vermag sich und seine ­Mitbasler ungeniert selber zu loben und über die restlichen Schweizer stellen.

Ist das ein typischer Wesenszug des Baslers: schmeichelnde Selbst­bespiegelung? Steht der Basler gerne vor jenem verklärenden Spiegel, der ihm zeigt, wie bescheiden, wissend und diskret er ist? Dass er keine scharfen Töne zwischen den Politikern mag? Dass er elegant und anständig ist? Und auch weltoffen? Denn Basel liegt an der Grenze zu Frankreich und Deutschland. Da weht der internationale Geist. Da ist der Bâlois in wenigen Zugstunden in Paris. Hat dort vielleicht sogar eine kleine hübsche Zweitwohnung.

Lässt der Basler sich vom selben Spiegel blenden, der ihm auch den Begriff «Esprit bâlois» ­vorgaukelt? Jenen mit feiner Ironie durchzogenen Witz, der manchmal an der Fasnacht im Schnitzbank und Zeedelvers gepflegt wird?

Und ist es dieser gleiche Spiegel, in dem der Basler als Bewohner einer Kunst-, Messe- und Humanistenstadt erleuchtet? In der Tat weiss die Stadt am Rheinknie bedeutende Museen ihr eigen, strahlt mit ihrer «Art» ebenso wie mit der Baselworld in die Welt hinaus, konnte den Humanisten Erasmus von Rotterdam einst als Gast bei sich aufnehmen und darf ihm auch Ort ­ewiger Ruhe sein.

Beschwörung und Ausgrenzung

Was Christoph Eymann besonders freut: «In Basel trifft man sich – egal, ob links oder bürgerlich – abends beim Rheinschwumm. Man macht zusammen Fasnacht. Oder man sitzt beim FCB nur wenige Reihen voneinander entfernt.» Mit diesem Satz sollen alle gesellschaftlichen und politischen Schichten zusammengebunden, soll eine einträchtige Gemeinschaft ­herbeigeredet werden.

Nur: Wenn es nun diese schöne, idealisierende Seite des Baslers geben sollte, müsste dann nicht auch eine andere Charaktereigenschaft typisch baslerisch sein? Eymann nennt sie nicht. Doch ist sie genau in seinem heraufbeschworenen Zusammengehörigkeitsgefühl enthalten: die Ausgrenzung. Denn längst nicht alle in Basel machen Fasnacht, nicht jeder, der in Basel wohnt, geht im Rhein schwimmen. Und bei Weitem nicht jeder hat Interesse an einem Fussball­spiel des FCB; er nimmt damit in Kauf, kein ­Basler zu sein, weil er nicht «gumpt».

Der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg hat einmal geschrieben: «Jeder Mensch will sich ununterbrochen über irgendetwas hinweg­täuschen. Dazu sollen ihm die anderen behilflich sein. Die es nicht tun, sind dann unliebsame Naturen.»

Ja, die Weltoffenheit. In Basel scheint sie manchmal dort an ihre Grenzen zu stossen, wo scharfe Kritik von aussen kommt. Dann mag auch Eymann plötzlich ganz gerne, das was er eben noch zuvor nicht gemocht hat: auf den Mann spielen. Dann kommentiert er nicht mehr zur Sache, sondern zum Umstand, dass der Kritiker seinen Lebensmittelpunkt weit ausserhalb von Basel hat und zu wenig an lokalen Anlässen teilnimmt.

Eymann steht damit nicht alleine da. Auch sein Kollege SP-Regierungsrat Christoph Brutschin spielt direkt auf den Mann, wenn er sagt, der SVP-­Regierungsratskandidat Lorenz Nägelin sei ein Kuckucksei. Und die Kollegin SP-Regierungsrätin Eva Herzog, meinte auf ­Telebasel zu Markus Somms Frage, wie Basel die Staatsstellen abbauen wolle, damit der Kanton in Bezug auf die Zahl seiner Angestellten nicht mehr ganz oben auf der Liste, sondern im Schweizer Mittelfeld rangiere: Zum Glück wohne er nicht in Basel und zahle hier keine Steuern. Indirekt verbat sie sich Kritik eines Nicht-Baslers. Ist das noch Lokalpatriotismus oder schon Lokalchauvinismus? Kippt hier das geistig Weltoffene ins Kleingeistige? Wird hier Basel zu Güllen?

Abgehobener Zirkel

Natürlich ist Basel kein Dorf. Es ist eine Stadt, die in ihrer Geschichte auf Grosses zurückblicken kann. Eine der bedeutendsten Kirchensynoden fand hier statt – das Konzil von Basel, von 1431 bis 1449. Hier wurde 1460 die erste Universität der Schweiz gegründet. Im Zuge dieser Ereignisse entwickelte sich auch der Buchdruck. Das zog sogenannte Humanisten wie Erasmus von Rotterdam an, die hier ihre Schriften drucken lassen konnten. Doch vergessen wir nicht: Das macht Basel noch lange nicht zur Humanistenstadt. Die Humanisten waren ein kleiner abgehobener Zirkel von Denkern, die in Latein verkehrten. Dass sie nach Basel kommen konnten, war den geschäftstüchtigen Buch­druckern zu verdanken.

Wer das typisch Baslerische betont, denkt vielleicht auch an das Amerbach’­­sche Kunstkabinett, das von der Stadt gekauft wurde und seither als erstes öffentliches Kunstmuseum in Europa gilt. An den bettelarmen Taglöhner denkt man nicht.

Basel wurde während der Industrialisierung zu einer der bedeutendsten Industriestädte der Schweiz und erlebte auch eine entsprechend grosse Zuwanderung. Gleichzeitig lebten die Fabrikarbeiter teilweise in dermassen engen und schlechten Wohnverhältnissen, dass sie abends wohl kaum noch fein gedrechselte Fasnachtsverse schreiben mochten.

Föhn und gekrümmter Rhein

Es mag sein, dass die Weite der Rheinebene, der gekrümmte Fluss genauso wie der Föhn einen Einfluss auf die Stimmung der hiesigen Bewohner haben – ob es auch «wunderbare Eigenarten» fördert?

Es mag auch sein, dass sich in Basel mehr als anderswo die Einwohner mit Humor und Witz auseinandersetzen, weil hier die Fasnacht die Motivation dazu befeuert. Doch ob der feine «Esprit bâlois» oder der trockene ­britische Humor – es gibt ihn überall, wo Menschen imstande sind, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen. Doch er wird stets ein Schattendasein hinter dem grobschlächtigen Witz fristen – auch in Basel.

Stigma oder Krone

In unserem Kanton leben gemäss aktueller Bevölkerungs­statistik zurzeit knapp 198 000 Einwohner. Sie teilen sich auf in gut 64 430 Kantonsbürger, knapp 63 230 übrige Schweizer und gut 70 110 Ausländer.

Nur ein Drittel der in Basel Wohnhaften sind also quasi anerkannte ­Basler. Und von denen sprechen nicht einmal alle Baseldeutsch – jenen Dialekt, der die hier Ansässigen erst als Basler Einwohner in der Schweiz unmissverständlich kennzeichnet. Er ist ein Identifikations­merkmal.

Der Dialekt kann dem Basler auch eine ­Heimat sein – nicht nur seine Stadt mit Münster, Spalentor, Rathaus und Mittlerer Brücke, «Löwenzorn», «Kunsthalle» und «Braunen Mutz». Mit der eigenen ­Sprache fühlt man sich wohl; sie vermag für jene, die sie sprechen, verbindend ­wirken.

Doch sie ist eben auch im Stande auszugrenzen. Der Dialekt kann den ihn Sprechenden brandmarken oder auszeichnen. Er ist Stigma oder Krone – überall, in Basel wie in Bern. Ich weiss von einem verstorbenen Bekannten, einem ­eingefleischten ­Fasnächtler, der ­seine Frau aus Zürich dazu nötigte, Baseldeutsch zu lernen; ansonsten werde er sie nie seinen ­Cliquenfreunden vorstellen können. Er war nicht der Einzige.

Was verleitet einen dazu, sich für eine Zürcherin als Frau zu schämen? Was treibt andere an, ausserkantonale Kritiker abzuweisen? Worin soll die «wunderbare Eigenart» liegen, die einen auszugrenzen und andere nicht?

I waiss, mer hänn jo in der Schwyz

kai bsunder Renommée,

und d Aidginosse mache s Kryz,

mien si e Basler gseh.

I waiss, mer sinn mit fremde Lyt

e bitzli reserviert,

und dien sogar vo Zyt zue Zyt,

als syge mer blasiert.

I waiss das alles zämme gnau,

es brennt mer uff der Hut.

Und ainewäg, wenn i mi bschau,

so sag i gärn und lut:

I bin e Bebbi und gstands y,

es gfallt mer z Basel guet.

Und wenn Ain spettisch grinst derby,

dä nimm i uff der Huet.

Die Verse stammen von Felix Burckhardt (1906–1992), der unter dem Pseudonym ­«Blasius» schrieb. Er verkörperte den traditionellen Stadtbasler und galt als Autorität für den älteren Basler-Dialekt. Der Gedichtauszug zeigt einen Basler, der in mehrere Spiegel schaut. Blasius zeichnet hier den Basler Bürger als sympathischen weil selbst­kritischen Lokal­patrioten, dem aber das Chauvinistische abgeht. Ist das nun «der Basler»?

«Daig», «Hösch», Bern, Türkei

Der Basler ist nicht nur der Grossbasler aus dem sogenannten «Daig» mit dem Hang zum leisen Ton; er ist auch nicht bloss der «Hösch»-Brueder aus dem Klein­basel mit der lauten Stimme. Der Basler ist ebenso der zugezogene Engländer, der bei Novartis arbeitet. Es ist die Kioskfrau, die Fasnachtsplaketten verkauft, ohne Fasnacht zu machen. Es ist der Luzerner, der hier seit Jahrzehnten wohnt, der Ostschweizer, der an der Universität Germanistik lehrte. Der Basler ist der eingebürgerte Tscheche, der Theologie studiert hat, und der Italiener mit Coiffeursalon. Er ist der Zünfter, der in Zürich arbeitet, der Berner, der zu «Rettet Basel!» aufruft, und der anarchische Linksautonome, der Scheiben einschlägt. Er ist der erfolgreiche Fussball­spieler mit albanischem Hintergrund und die kurdische Grossrätin aus der Türkei.

«Der Basler» – es gibt ihn so nicht.

Er ist eine schöne Einbildung.

Umfrage

Regierungsrat Eymann lobte in seiner Replik an Markus Somm den Basler. Doch es kommt Widerspruch. Gibt es den Homo Basiliensis?

Ja

 
54.9%

Nein

 
45.1%

1406 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 12.09.2016, 07:01 Uhr

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