Der hohe Preis des Basler Energiegesetzes

Die Energiewende führt in Basel-Stadt zu bis zu 1000 Franken höheren Jahresmieten.

Vom Basler Energiegesetz nicht betroffen: Mit ihrem Wärmbox-Angebot waren die IWB im Baselbiet zu teuer, sie mussten eine Gasheizung amtlich genehmigen.

Vom Basler Energiegesetz nicht betroffen: Mit ihrem Wärmbox-Angebot waren die IWB im Baselbiet zu teuer, sie mussten eine Gasheizung amtlich genehmigen.

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Die zwölf Parteien einer Mehrfamilienliegenschaft in Reinach hatten mit Blick aufs Familienbudget wieder einmal Glück. Glück, dass sie nicht in Basel-Stadt wohnen, sondern aufs Land gezogen sind, wo die Energiewende nicht derart rigoros umgesetzt wird wie im «Schweizer Energie-Musterkanton». Ganze 1000 Franken höhere Mieten pro Jahr würden die Reinacher für das nächste Jahrzehnt bezahlen müssen, lägen ihre Wohnungen auf Stadtboden. In diesem Fall hätten sie aufgrund der gesetzlichen Forderung beim Heizen ihrer Wohnungen auf erneuerbare Energien umsteigen und ein System in Kauf nehmen müssen, das ihnen die Industriellen Werke Basel (IWB) vorgeschlagen haben. Im Baselbiet hingegen dürfen die zwölf Parteien ihre Wohnungen weiterhin mit Gas beheizen.

Der BaZ liegen die beiden Offerten für fossile Beheizung und Beheizung mit erneuerbarer Energie vor. Sie zeigen zum ersten Mal, welchen Preis das Basler Energiegesetz in der reellen Umsetzung hat, und was die Ideologie der Abkehr von fossilen Brennstoffen einem Hauseigentümer tatsächlich an Mehrkosten verursacht. Die Zahlen sind weit entfernt von jenen, die Bundesrätin Doris Leuthard im Vorfeld der Abstimmung vom 21. Mai zum Energiegesetz bekannt gegeben hatte. Damals berechnete sie 40 Franken pro Kopf und Jahr für die Umsetzung der Energiewende.

IWB an Eignerstrategie gebunden

Nun ganz konkret: Liegenschaftsbesitzer M. aus Reinach wusste, dass die Heizungssanierung für sein Zwölf-Parteien-Haus ansteht. Im Jahr 2016 wurde er bei den IWB vorstellig, denn die IWB versorgen das Mehrfamilienhaus in einer Blockrandsiedlung in Reinach mit Gas, so wie die IWB auch Pratteln und andere Gemeinden mit Gas beliefern. Es widerspreche der Eignerstrategie, beschied der IWB-Kundenberater, Gasheizungen mit Gasheizungen zu ersetzen. Die IWB dürften auch auf dem Land nur Systeme mit erneuerbarer Energie installieren lassen. M. müsse sich aber noch bis 2017 gedulden, bis man ihm das konkrete Produkt «Wärmebox» offerieren könne.

Derzeit haben die IWB das Produkt «Wärmebox» in den Baselbieter Gemeinden Allschwil, Binningen, Muttenz, Münchenstein, Reinach und Birsfelden lanciert und Hauseigentümern Werbung zugestellt. Zusammengefasst heisst Wärmebox: Die IWB kaufen ein Heizsystem, das sie von einem privaten Installateur einbauen lassen. Die Anlage wird vom Kunden geleast. Über zehn Jahre muss der Eigentümer das System zurückbezahlen, während die IWB Wartung und Risiko übernehmen.

Ende März dieses Jahres konnten die IWB Eigentümer M. die Offerte überreichen. Darin empfahl der Energiemonopolist eine hocheffiziente Luft-Wasser-Wärmepumpe, die 216'000 Kilowattstunden pro Jahr bereitzustellen vermag. Der Preis dafür: 158'000 Franken, wobei eine Anzahlung von 47'400 Franken fällig wäre.

IWB konkurrenzlos teuer

Das schien nicht nur M. definitiv zu teuer. Wie der Liegenschaftsbesitzer sagt, habe auch der IWB-Kundenberater resigniert bekannt, konkurrenzlos teuer zu sein. Weil der Umstieg von Gas auf erneuerbare Energien im Baselbiet nicht gesetzlich vorgeschrieben wird wie in Basel, konnte sich der Hauseigentümer frei entscheiden. Er liess sich von der Firma Frei + Gaugler aus Dornach seine Gasheizung für 35'000 Franken ersetzen. Die Anlage ist im letzten Monat in Betrieb genommen worden.

Die Ironie an der Geschichte: Die IWB als Gaslieferant mussten das System ihrer Konkurrenz amtlich abnehmen. M. sagt: «Der Preisunterschied für zwölf warme Wohnungen beträgt 123'000 Franken. Die Differenz hätten meine Mieter bezahlen müssen.» Die Rechnung ist einfach: Die Rückzahlung dieses Betrags erfolgt über die Laufzeit von zehn Jahren und wäre auf die zwölf Parteien überwälzt worden, was zu gut 1000 Franken Mietaufschlag pro Jahr geführt hätte.

Es ist der Preis, der Basler Mieter erwartet, wenn ihre Heizkessel und Brenner fällig werden. Und Branchenkenner wissen: Der Hauptteil der 11'000 installierten Gasheizungen in Basel ist am Ende seiner Lebensdauer und muss in den nächsten Jahren ersetzt werden. Ein ganzes Regulatorienwerk hat die Verwaltung nach der Volksabstimmung ausgearbeitet. Architekten und Heizungsunternehmen wurden in den Septembermonaten von Regierungsrat Christoph Brutschin und seinen Beamten eingeweiht.

Erneuerbare Systeme werden zur Pflicht. Als Ersatz sind automatische Holzfeuerungen oder Wärmepumpen wie in Reinach offeriert vorgesehen. Wobei Holzfeuerungen aus Platzgründen in bisherigen «Gas-Liegenschaften» kaum Raum finden. Hinzu kommt, dass der Ersatz von Wärme-Erzeugern in Basel eine ganze Palette von teuren Begleitmassnahmen einläutet: Fassadendämmung, kompletter Fensterersatz und Einbau von Fotovoltaik-Anlagen. Die Umsetzung dieser Rieseninvestitionen muss innerhalb von drei Jahren erfolgen. Es dürften Investitionen sein, die zu einem grossen Teil auch auf die Mieter abgewälzt werden können.

Subventioniertes Fernwärmeglück

«Glück hat nur, wer seine Liegenschaft an das Fernwärmenetz der IWB anschliessen kann», sagen die Branchenkenner. Denn die IWB seien selber verpflichtet, bis zum Jahr 2020 insgesamt 80 Prozent ihrer gelieferten Energie CO?-frei bereitzustellen. Dann erfülle man als Liegenschaftsbesitzer die Bedingungen, sei also aus dem Schneider und werde erst noch teilsubventioniert.

Ob die IWB es schaffen, für die Umstellung die Energie bereitzustellen, ist eine andere Frage. Als Projekte sind das Holzkraftwerk II, ein Fernwärmespeicher sowie betriebliche Effizienzmassnahmen in der Kehrichtverbrennungsanlage (Wärmerückgewinnung) vorgesehen. Das reicht für den Anschluss von derzeit 11'000 Gasliegenschaften bei Weitem nicht aus. Für wie viele Haushalte die IWB ihr Fernwärmenetz erweitern können, kann nämlich der Energieversorger selber nicht sagen, wie er auf Anfrage bestätigt.

Der Anschluss dieser Liegenschaften und weiterer 3300 Ölheizungen auf Stadtboden wird aber aus weiteren Gründen unmöglich sein: Ebenso wenig gibt es eine Aussage dazu, wie viele Liegenschaften überhaupt aus technischen Gründen ans Fernwärmenetz gehängt werden könnten: «Ob eine Liegenschaft an das Fernwärmenetz angeschlossen werden kann, bedarf vorgängiger individueller Abklärungen bezüglich Lage und Beschaffenheit der jeweiligen Liegenschaft sowie der umliegenden Netzsituation», schreibt die IWB-Medienstelle.

Mit anderen Worten: Auf viele Eigentümer sanierungsfälliger Heizanlagen kommen sehr teure Zeiten zu. Die Zeche werden die Mieter bezahlen.

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 22.11.2017, 07:19 Uhr

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