Der Kirchenkritiker kam und sprach – trotz Verbot

Ex-Priester Eugen Drewermann (78) hielt vor vollen Rängen eine glühende Rede über Jesus und Menschlichkeit.

Ohne Pause. Eugen Drewermann hält seine Vorträge ohne Notizen und rezitiert auch gerne Rilke-Gedichte.

Ohne Pause. Eugen Drewermann hält seine Vorträge ohne Notizen und rezitiert auch gerne Rilke-Gedichte. Bild: Nicole Pont

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Am Mittwochabend hat der deutsche Theologe und Vatikankritiker Eugen Drewermann (78) eine in Rom verordnete Regel gebrochen: Eigentlich dürfte er gar nicht mehr in einer Kirche auftreten, zumindest nicht in einer katholischen. Doch genau das tat er. Der Vatikan, genauer Kardinal Joseph Ratzinger (der spätere Papst Benedikt XVI.), hat Drewermann nicht nur seine Priesterweihe wieder entzogen, die katholische Kirche hat ihn zudem exkommuniziert und ihn mit einem lebenslangen Verbot belegt, in Kirchen zu sprechen.

Daran hielt sich die christkatholische Kirche in Basel nicht und schuf die Möglichkeit, dass Drewermann in der Predigerkirche auftreten durfte, ein nicht ganz unbedeutender Ort. Denn von 1233 bis 1237 wurde diese Kirche als Klosterkirche des Dominikanerordens erbaut.

Diesem Mann gerecht zu werden ist schwierig, all seine vielen Facetten zu erfassen noch schwieriger. Drewermann hat die katholische Selbstgefälligkeit nach dem Zweiten Weltkrieg vorgeführt und kritisiert wie nur wenige andere, und er hat sich in vielen Büchern eine grosse Leserschaft erschrieben. Als Redner zu christlichen Themen ist er gefragt, ebenso wenn es darum geht, welche Genesung der angeschlagenen Psyche durch ein konsequentes Bekenntnis zur Menschlichkeit möglich ist.

Seine tiefenpsychologischen Deutungen von biblischen Passagen finden gerade bei jenen viel Zuspruch, die sich von der Kirche, nicht aber vom Glauben abgewandt haben. Seine Interpretation der Grimm’schen Märchen beispielsweise gehören zum Besten, was in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht worden ist. Mit diesen Märchenanalysen hat Drewermann eine Tür zum besseren Verständnis aufgestossen, was Geschichten wie Hänsel und Gretel oder Schneewittchen wirklich erzählen wollen.

Gott meint alle

Wer Drewermann kennt, weiss: Seine Vorträge können locker zwei Stunden dauern. Und die ganze Zeit über spricht er druckreif und rezitiert aus Schriften und Büchern, bevorzugterweise dem Alten oder Neuen Testament, gerne macht er aber auch Vergleiche mit ägyptischer oder assyrischer Mythologie und scheut sich nicht, Verbindungen zu Philosophen wie Sokrates oder zu Psychotherapeuten herzustellen.

Immer geht es um Heilung des Menschen und wie er Wege findet, mit seinen inneren Brüchen, Verletzungen und Gefühlen der Verzweiflung umzugehen. Drewermann sagt, es dürfe für einen Menschen keinen Unterschied machen, ob jemand ein Bettler, eine Hure, ein Säufer oder ein Verbrecher sei. Der Mensch müsse immer im Mittelpunkt stehen, nicht was er in der Gesellschaft darstellt oder was er erreicht oder nicht erreicht habe.

Während die Kirchen kaum mehr als ein Häufchen von Gläubigen in die Kirchen bringen, sind die Ränge bei Drewermann gefüllt. So auch am Mittwochabend. Es sei ihm eine besondere Freude, begann Drewermann seinen Vortrag mit Charakter einer Predigt, dass er in einer katholischen Kirche über die Botschaft Jesu sprechen dürfe. Mitunter tat das der deutsche Theologe auch durchaus poetisch. So etwa, wenn er sagte, die Liebe, die der Mann aus Nazareth verkündet habe, sei wie eine Lerche, die aufsteigt und von oben herab das Lied der Freiheit singe. Denn die Liebe Jesu bedeute am Ende die Befreiung von Angst und Schuldgefühlen.

Keine akademischen Turnereien

Der Schreibende hat sich nie gross für die theologische Auslegung im akademischen Sinne interessiert, wohl aber für die Frage, wie die innere Freiheit zu erreichen ist, und was es bedeutet, Frieden zu finden. Begrifflichkeitsschlachten und Gedankenturnereien, wie sie Theologen und Priester zeitweilen zu diesem Thema von sich geben, sind ohne Bezug zu den Alltagsproblemen der Menschen, die verzweifeln, in Angst leben, mit einem Schicksalsschlag hadern oder trauern. Es gab da schon immer die «Schriftgelehrten» und es gab Menschen wie den deutschen Benediktinerpater Anselm Grün oder Eugen Drewermann.

Gottes Güte kann gar niemanden ausschliessen, sagt Drewermann, und die Leute hören ihm deshalb zu. Die Kirche und ihre Vertreter indessen schliessen aus, die Gesellschaft, der kaltherzige Familienvater, der immer noch die Verletzungen aus seiner Kindheit in sich trägt. Es sind solche Sätze, mit denen es Drewermann schafft, dass ihm die Menschen zuhören. Hier spricht jemand, der sie nicht richtet und ausschliesst. Hier taucht jemand ein in die Verwicklungen und Windungen von Widersprüchen und Verletzungen, die es in jedem gibt. Hier will jemand nicht einteilen in «du genügst nicht» und «das hast du falsch gemacht», hier will jemand dem Menschen hinter all seinen Masken begegnen.

Der Begriff «Sünde», so sagt Drewermann und bezieht sich auf den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard, werde eigentlich mit dem Wort «Verzweiflung» besser umschrieben. Wer mit sich oder dem Leben hadert, wer verletzt oder zerbrochen ist, der sei verzweifelt, und es gelte, ihn zurückzuführen zu sich selber. Nur wer in sich eins ist, der kann beginnen, sich zu ändern und zu entwickeln.

Drewermann bleibt aber selten bei Jesus. Er stellt immer die Verbindung zur Gesellschaft her. So etwa, wenn er sagt, dass bereits die Frommen und Gesetzestreuen im alten Judentum im Grunde hartherzig gewesen seien. Denn wenn jemand einen anderen verstosse, nur weil dieser das Gesetz gebrochen habe, so interessiere er sich nicht für den Menschen, nicht dafür, was diesen dazu führte, dass er eine Tat begangen habe. Niemand sagt in diesem Moment, «gut, dass es dich gibt» und will erfahren, wo seine Verletzungen herrühren. Vielmehr muss eine ausreichende Strafe her, die als gerecht empfunden wird. «Gott wohnt da», sagt Drewermann, «wo ein Mensch menschlich ist.» Dieser Satz kann auch als Frontalangriff auf die westliche Konsumgesellschaft verstanden werden, wo das Ich immer wichtiger wird.

Kritik am Kapitalismus

Wenn Drewermann das Gleichnis vom verlorenen Schaf erklärt, so verstehen die Leute, was Jesus gemeint haben könnte: Wenn der Mensch ohne ein Urvertrauen durchs Leben geht, fühlt er die ganze Einsamkeit, die ganze Verzweiflung, die ganze Unbeständigkeit. Der gute Hirte wird hier zum Gefühl, geborgen und aufgehoben zu sein. Hier öffnet Drewermann den therapeutischen Ansatz, der nachhaltiger wirken kann als Psychopharmaka. Deshalb habe Jesus auch davon gesprochen, dass der Frieden, den er der Welt gebe, nicht von dieser Welt sei – denn es lasse sich jeden Abend in den Nachrichten anschauen, was für ein Friede diese Welt zu geben bereit sei.

Die Kompromisslosigkeit Drewermanns umfasst auch die Friedens-, Flüchtlings- und Wirtschaftspolitik. Drewermann, der Pazifist, der sich gegen jegliche Rüstung stellt. Drewermann, der die Worte Jesu als unmissverständliche Aufforderung versteht, Menschen in Not zu helfen. Drewermann, der den Kapitalismus als Wurzel von Elend und Ausbeutung sieht. Du kannst nicht Gott und dem Mammon dienen, hatte Jesus gesagt – für Drewermann heisst das: Der Mensch muss sich entscheiden. Auf der einen Seite das Geld als oberste Maxime, dem alles untergeordnet wird, auch die Menschlichkeit. Auf der anderen Seite die Welt der Werte und Ethik.

Drewermann war und ist nicht unumstritten. Kritiker werfen ihm vor, sich auf sich und seine Weltsicht und Interpretationen zurückgezogen zu haben und auf seinen Ansichten zu beharren. Einige sehen in ihm auch den Prototypen eines selbsternannten Kirchenkritikers, der sich in und auf Kosten der Institution Kirche durch radikale Thesen und Veröffentlichungen zu profilieren versuche, so jedenfalls formulierte es der deutsche Staatsrechtler Josef Isensee.

Nach knapp 90 Minuten bedankte sich Drewermann für die Möglichkeit, dass er in der Predigerkirche von Basel hatte sprechen dürfen und dazu noch zu einem so urchristlichen Thema wie der wahren Botschaft von Jesus Christus. Der Stimme von Drewermann war anzuhören, wie sehr ihn der Auftritt bewegt hat, das Zeichen der katholischen und christkatholischen Kirche von Basel, die sich mit der Einladung gegen das Denk- und Sprechverbot aus dem Vatikan stellten.

Drewermann drängt einen, die Grenzen des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns zu hinterfragen und sich selber die zentrale Frage zu stellen: Wie gehe ich mit mir und anderen um? Wie sehr bin ich Mensch? Bezeichnenderweise schafft es gerade ein Mann, die Menschen zu berühren, den der Vatikan als Priester für unwürdig hält und als gefallenen Engel betrachtet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 12:11 Uhr

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