«Der Stau ist programmiert»

Verkehrsverbände kritisieren Entlastungsmassnahmen für Sanierung des Schänzlitunnels.

Provisorische Verkehrsführung beginnt: Die neue Behelfsbrücke wird bereits befahren.

Provisorische Verkehrsführung beginnt: Die neue Behelfsbrücke wird bereits befahren. Bild: Dominik Pluess

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An Werktagen verkehren täglich 69'500 Fahrzeuge zwischen dem Anschluss Muttenz Süd und der Verzweigung Hagnau. Die viel befahrene Strecke, auf der die Autofahrer zu Stosszeiten dauernd im Stau stehen, ist ein Nadelöhr. In knapp zwei Monaten wird sich diese Situation noch verschärfen. Denn im Oktober beginnen die Sanierung des Schänzlitunnels und die Vorarbeiten für den Abriss und Neubau des Tunnels Hagnau – Bauarbeiten, die rund dreieinviertel Jahre dauern sollen. Zwar sollen die Einschränkungen für den Verkehr dank einer provisorischen Verkehrsführung über einen Bypass und Hilfsbrücken so gering wie möglich gehalten werden, Verkehrsverbände befürchten allerdings den Kollaps: «Die Kapazität reicht nie und nimmer aus. Der Stau ist programmiert», sagt Lukas Ott, Geschäftsführer des TCS Sektion beider Basel

Auch der Bund und der Kanton Baselland gehen von Engpässen aus. Finanziert vom Bundesamt für Strassen (Astra) bieten sie ab Montag Massnahmen an, welche die Situation entschärfen sollen. So werden die Park+Rail-Anlagen in Zwingen und Aesch um mehrere Dutzend Plätze erweitert und zu reduzierten Preisen angeboten. Auf der Projektwebsite www.epschaenzli.ch zeigen Webcams die aktuelle Verkehrssituation. Pendler mit einem kurzen Arbeitsweg wollen der Bund und der Kanton Baselland zum Velofahren motivieren, indem sie 150 E-Bikes in vergünstigter Langzeitmiete zur Verfügung stellen.

Tropfen auf heissen Stein

Laut Andreas Dürr, FDP-Landrat und Vizepräsident des ACS Sektion beider Basel, kommen zu Stosszeiten 800 bis 1000 Fahrzeuge zu wenig durch den Schänzlitunnel: «Da sind 150 E-Bikes keine Lösung.» Zudem würden die Leimentaler, die Laufentaler und die Birstaler nicht nur nach Muttenz oder Pratteln fahren, sondern Ziele in der ganzen Schweiz aufsuchen. «Wir müssen also immer zwingend durch den Schänzlitunnel. Man stellt den Tessinern auch nicht 150 E-Bikes zur Verfügung, um den Stau am Gotthard zu mindern.» Auch für Lukas Ott, Geschäftsführer des TCS Sektion beider Basel, gehen die geplanten Massnahmen zur Abfederung der drohenden Staus zu wenig weit. «Es wird sich zeigen müssen, ob die Behelfsbrücke zu einer Lösung des Stauproblems beitragen wird», sagt Ott. Die Aktion mit den 150 E-Bikes und den Park+Rail-Anlagen in Aesch und Zwingen nennt Ott einen «Tropfen auf den heissen Stein». Er geht davon aus, dass die Autopendler wegen der drohenden Behinderungen ab Oktober auf Gemeinde- und Kantonsstrassen ausweichen werden. «Wo dann genau die Verkehrsprobleme liegen werden, ist aber schwierig vorherzusagen», sagt Ott. Befahren würden dann aber auch Schleichwege durch die Quartiere. «Genau das sollte allerdings vermieden werden», so Ott.

Vom Kanton Basel-Stadt erwartet er, dass die Zufahrtsstrecken in die Stadt während der Sanierungszeit frei von Baustellen sind. «Zudem wünschen wir uns an den Ampelanlagen die grüne Welle. Wir hoffen, dass die Verkehrsplaner in der Stadt selber darauf kommen.» Ott kritisiert auch die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen Baselland und Basel-Stadt. «Sie hat Verbesserungspotenzial, vor allem seitens der Stadt. Da sind wir weit entfernt vom Optimum.» Auch Dürr ist mit den Verkehrsplanern im Kanton Basel-Stadt nicht zufrieden. «Beim Baustellenmanagement haben sie sich nicht mit den Baselbietern abgesprochen. Sie werden im Bereich Joggeli, Lehenmatt und Breite während der Schänzlisanierung wohl Baustellen eröffnen, um Autofahrern, die über Ausweichrouten durch die Stadt fahren wollen, die Durchfahrt zu erschweren.»

Basel vertraut auf Astra

Martin Schaffer, Projektleiter beim Tiefbauamt des Kantons Baselland, dementiert, dass die beiden Verkehrsabteilungen von Baselland und Basel-Stadt nicht optimal zusammenarbeiten würden. «Wir tauschen uns, was die Mobilitätsmassnahmen angeht, aus und stimmen unser Tun gegenseitig ab.» So seien die roten Schilder für die Radrouten in die Stadt auf die Sichtbarkeit überprüft worden, damit sicher keine Büsche den Blick auf diese versperrten.

Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements (BVD), versichert, dass keine neuen Baustellen geplant sind, die das Problem noch verschärfen würden. Denn auch beim BVD sei man sich bewusst, dass die Sanierung des Tunnels zu Behinderungen führen werde. Anders als die Verkehrsverbände geht man dort jedoch davon aus, dass die provisorische Verkehrsführung relativ leistungsfähig sein wird und es zu keiner wesentlichen Verlagerung des Verkehrs durch die städtischen Wohnquartiere kommen wird: «Das für die Baustelle verantwortliche Astra hat uns entsprechend leistungsfähige Provisorien in Aussicht gestellt. Dafür haben wir uns auch engagiert», sagt Marc Keller. Bisher sind in Basel deshalb keine Massnahmen geplant: «Falls sich während der Bauzeit nach einer gewissen Eingewöhnung jedoch herausstellen sollte, dass man punktuelle Verbesserungen im Verkehrsfluss erreichen könnte, etwa durch Anpassungen bei Ampelsteuerungen oder bei bestehenden Baustellen, sind wir zu gegebener Zeit gerne bereit, mögliche Massnahmen zu prüfen.»

Umfrage

Im Oktober beginnt die Sanierung des Schänzlitunnels, für täglich 69'500 Fahrzeuge ein Nadelöhr. Tun Kanton und Bund genug, um den Stau am Schänzli zu reduzieren?

Ja

 
16%

Nein

 
84%

1825 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 07:19 Uhr

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