Die freisinnige Pleite

Grossratswahlen Basel: Bürgerlich verliert, Links gewinnt. Wer ist schuld? Nach den Bürgerlichen die Medien.

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Es ist eine Umarmung, die tiefste Zuneigung und Freude ausdrückt. SP-Grossrat Daniel Göpfert und die wiedergewählte Parteikollegin Eva Herzog stehen umschlungen vor der Leinwand im Saal «San Francisco» der Messe Basel. Während sich die Genossen herzen, stehen Journalisten um Herzog Schlange. Sie ist gefragt und offensichtlich auch beliebt. «Ich freue mich von ganzen Herzen über mein Spitzenresultat», sagt sie der BaZ.

Wird gefeiert? Auch mal mit Champagner? Herzog – die bekannt dafür ist, dass sie ein gutes Bier dem Chämpis vorzieht – lacht. Kein scheues Kichern. Kein Glucksen oder kurzes Schmunzeln. Richtiges Lachen. Für das ist Herzog wiederum gar nicht bekannt. «Bier gibt’s, aber heute darf's auch mal ein Cüpli sein.» Eine Stunde später steht sie im Restaurant Warteck auf einem Stuhl und präsentiert sich ihrer Partei. Diese tobt.

Flucht der Freisinningen

Und die FDP? Wie vom Erdboden verschluckt. Der noch nicht wiedergewählte Sicherheitsdirektor Baschi Dürr ist gekommen, um zu gehen. Dementsprechend war auch sein Gesichtsausdruck einige Minuten zuvor bei der Verkündung seiner Nicht-Wahl. Das Gesicht zusammengefallen. Der Mund zu einer Grimasse verzogen. Als wäre gerade etwas in ihm gestorben. Es ist eine grosse Wahlschlappe an diesem Sonntag für die FDP. Nicht nur für Dürr. Nur noch ein Zehntel der Basler gibt der FDP an diesem Sonntag ihre Stimme. Somit verlieren sie zwei ihrer Sitze im Grossrat.

Auch FDP-Präsident Luca Urgese wirkte niedergeschlagen um zwölf Uhr. Dann war das definitive Resultat von Dürr noch gar nicht bekannt. Sechs Stunden später steht er im Scheinwerferlicht von TeleBasel mit den anderen Parteipräsidenten und Präsidentinnen. Er ist bleich. Und während Volkspartei-Nationalrat und -Präsident Sebastian Frehner wettert (Nein, der tritt noch immer nicht zurück), sieht Urgese neben ihm so aus, als würde er am liebsten am anderen Ende des Erdballs sein. «Ich denke, dass die LDP es geschafft hat, ihre Wähler besser zu mobilisieren und sicher auch viele aus unserer Wählbasis für die LDP gestimmt haben», sagt Urgese der BaZ nach der ersten Auszählung.

Schuld seien die Medien

Genau diese LDP wird heute wohl die einzige bürgerliche Partei sein, die die Korken knallen lässt. Sie hat gleich vier Sitze dazu gewonnen und Shooting-Star Conradin «Conny» Cramer wurde im ersten Wahlgang direkt gewählt. Haben die Liberalen den Freisinnigen Stimmen geklaut? «Ja, das kann gut sein», sagt LDP-Parteipräsidentin Patricia von Falkenstein. «Das war aber sicherlich nicht unsere Absicht.» Absicht oder nicht: Fakt ist, dass die Freisinnigen heute die grossen Verlierer sind. Also war eine Krisensitzung angesagt. «Wir haben mit allen Kandidaten besprochen, dass wir so weiter machen wie bisher», sagt Baschi Dürr, als er sich am späten Nachmittag dann doch noch ins Congress-Center traut. Er habe aber mit einem zweiten Wahlgang gerechnet.

«Ich bleibe optimistisch.» Lukas Engelberger im Gespräch mit der BaZ. Bild: Kostas Maros

Nicht so der wiedergewählte CVP-Regierungsrat Lukas Engelberger. «Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass drei bürgerliche Kandidaten im ersten Wahlgang gewählt werden. Auch Baschi Dürr.» Grund für Dürrs schlechtes Ergebnis sieht Engelberger bei den Berichterstattungen der vergangenen Wochen, welche Dürr und dessen Departement in ein schlechtes Licht gestellt hätten. «Die sehr kritische Berichterstattung, die meiner Meinung nach unverhältnismässig war, hat sicherlich Spuren hinterlassen.» Sind wir Schuld? «Die Basler Zeitung war bei ihren Berichterstattungen am deutlichsten. Das hat Dürr Wählerstimmen gekostet», sagt Engelberger ernst. Man werde für den zweiten Wahlgang weiterhin aber die gleiche – heute gescheiterte – Strategie fahren. Dies bestätigt auch Lorenz Nägelin. Auch er gibt den Medien Mitschuld für sein Scheitern, weil sie zu sehr auf nationale Themen fokussiert hätten.

Von Falkenstein konstatiert, dass man nichts an der Strategie ändern will und auch Schützling Cramer, der sich noch vor der vollendeten Auszählung ein grosses Bier genehmigt, will weiterhin am bestehenden Ticket festhalten. Während die Bürgerlichen stur bleiben, kursieren im Congress-Center bereits die wildesten Gerüchte. Zieht die Grünliberale Martina Bernasconi, ebenfalls Verliererin der Stunde, die Kandidatur zurück? Schmeissen die Bürgerlichen einen ihrer Kandidaten aus dem Rennen, um Patricia Von Falkenstein für den zweiten Wahlgang aufzustellen? Diese dementiert. Draussen auf dem Raucher-Balkon besprechen das einige Parteimitglieder überraschend unkonspirativ.

Fest steht jedoch, dass BastA!-Kandidatin Heidi Mück im zweiten Wahlgang noch einmal antreten wird. Auch die Linken bleiben bei ihrem Ticket. Wessels und Mück sollen noch einmal rein. Wessels muss auch noch einmal in den zweiten Wahlgang. Doch seine Partei ist optimistisch. «Wir sind überzeugt, dass er noch einmal gewählt wird», sagt eine sichtlich gelöste Parteipräsidentin Brigitte Hollinger. Hat man kurz Panik bekommen? «Nein, Panik hab ich nie bekommen. Auch wenn Sie das nicht glauben. Denn ich wusste, wir sind auf Kurs und haben einen sehr guten Leistungsausweis.» Fest steht, dass Basel Rot-Grün bleibt und die Linken heute ausgelassen feiern, während ausgenommen von den Liberalen, die heutige Wahl den Bürgerlichen ihre Feierlaune sichtlich verdorben hat.

Erstellt: 23.10.2016, 22:04 Uhr

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