Die Genfer S-Bahn lässt Basel träumen

Die Rhone-Stadt realisiert die erste grenzüberschreitende S-Bahn, Basel wartet weiter.

<b>Ein Hauch von Geisterbahnhof</b>. Richtung Basel steigt im Bahnhof St. Johann kaum jemand in den Zug.

Ein Hauch von Geisterbahnhof. Richtung Basel steigt im Bahnhof St. Johann kaum jemand in den Zug. Bild: Robin Stamm

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Eine grenzüberschreitende S-Bahn – einzigartig in Europa»: So lautete der Titel eines Communiqués der SBB von letzter Woche. Mit 40 grenz­überschreitenden S-Bahn-Zugkompositionen werden die SBB und die französischen Staatsbahnen SNCF ab 2019 40 Bahnhöfe in der Schweiz und im benachbarten Frankreich bedienen. Die Rede ist allerdings nicht von der Region Basel. Besiegelt wurde letzte Woche der Vertrag über die Genfer S-Bahn. Diese wird von den SBB und den SNCF gemeinsam betrieben und in den Kantonen Genf, Waadt, den Départements Haute-Savoie und Ain verkehren. In der Region Basel wurde dem­gegenüber die grenzüberschreitende S-Bahn-Linie von Frick und Laufenburg über Basel SBB nach Mulhouse 2008 nach einem Streit zwischen den SBB und den SNCF um vorgesehene neue Zugkompositionen eingestellt. Seither herrscht in Basel Funkstille.

Wie auf einem Geisterbahnhof fühlt sich, wer auf dem Perron des Bahnhofs Basel St. Johann auf einen Zug Richtung Basel SBB wartet. Die Züge aus Mulhouse fahren nur bis in den Französischen Bahnhof weiter – für Basler Bahnbenützer alles andere als attraktiv. Dabei war vorgesehen, mit dem Beitritt der Schweiz zum Schengen-Abkommen im November 2008 Basel St. Johann zu einer der grösseren Knoten des öffentlichen Verkehrs auszubauen. Anders als früher halten die Züge zwar inzwischen in Basel St. Johann. Doch in Richtung Schweiz steigt kaum jemand zu.

Stadler und Alstom

Was in Basel gescheitert ist, wurde in Genf möglich. Eingestellt wurde in der Region Basel die S-Bahn von Frick und Laufenburg nach Mulhouse, weil sich die Elsässer weigerten, die Schweizer Flirt-Kompositionen von Stadler Rail auf französischem Boden zuzulassen. Stattdessen be­schloss Strassburg damals, Züge der französischen Alstom einzusetzen, die ihrerseits nicht auf dem SBB-Netz verkehren konnten. Was in Basel seinerzeit unmöglich war, wurde in Genf nun vereinbart, die ­entsprechenden Zugkompositionen bestellt: Auf der grenzüberschreitenden Genfer S-Bahn werden ab 2019 23 Kompositionen «Flirt France» von Stadler Rail und 17 Alstom-Züge «Régiolis Ceva» verkehren. 2019 wird die bisher noch fehlende Bahnverbindung zwischen den Genfer Bahnhöfen Cornavin und Eaux-Vives in Betrieb genommen: die «Ceva Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse». Künftig werden durchgehende Züge von Coppet (VD) über Genf nach Annecy, Evian und Saint-Gervais-les-Bains verkehren.

In Basel wurde das Nein zu Zugkompositionen, die in der Region Basel auf französischen und schweizerischen Bahnstrecken verkehren können, 2008 von den Franzosen im Alleingang entschieden – ohne Basel überhaupt zu konsultieren, und nachher auch nur mit einem wenig lauten Bedauern auf Basler Seite. Offiziell begründet wurde die Absage von Strassburg mit dem ungenügenden Fassungsvermögen des Flirts von Stadler Rail. Die Schweizer Einwände gegen den französischen Protektionismus blieben kaum beachtet. Zwar wurde noch vereinbart, die nicht mehr durchgehend verkehrenden Züge in Basel SBB am gleichen Perron halten zu lassen, doch umgesetzt wurde dies nie. 2012 wurde zwar noch eine neue schweizerisch-französische Absichtserklärung unterschrieben, den Verkehr wieder durchgehend aufzunehmen. Doch zur Inbetriebnahme einer grenz­überschreitenden Linie kam es dennoch seither nie mehr.

In der Zwischenzeit wurde der Konflikt von einem neuen Streit überlagert: den Plänen für eine Flughafenbahn zum EuroAirport. Auch diese sind inzwischen auf Eis gelegt, konnten sich doch Frankreich und die Schweiz nie auf einen gemeinsamen Zeitplan für die Realisierung einigen. Zwar sprachen die eidgenössischen Räte seinerzeit den dafür notwendigen Kredit, doch dessen Laufzeit ist längst abgelaufen, ohne dass das Projekt weiter konkretisiert oder gar in Angriff genommen wurde.

Franzosen zeigen Interesse

Inzwischen signalisieren die französischen Partner zwar ihrerseits Interesse an einer raschen Realisierung der EuroAirport-Bahn, doch jetzt pressiert es auf der Schweizer Seite nicht mehr. Die Grünen bekämpfen das Projekt sogar, und auch die verschiedenen Lärmschutzorganisationen am EuroAirport sind skeptisch. Beide Seiten sind sich jedoch einig, dass die durch­gehende S-Bahn-Verbindung aus dem Aargau und dem Baselbiet ins Elsass erst wieder thematisiert wird, wenn man sich beim Schienenanschluss für den EuroAirport geeinigt hat.

Denn inzwischen hat Basel einen anderen Grund gefunden, direkte S-Bahn-Verbindungen ins Elsass weiterhin auf Eis zu legen: die Pläne für das Basler Herzstück, die unterirdische Verbindung zwischen Basel SBB und dem Badischen Bahnhof. Diese auf 20 bis 30 Jahre angelegte Zukunftsvision vermag heute darüber hinwegzutrösten, dass kurzfristige Verbesserungen auf der bestehenden S-Bahn-Linie nach Frankreich nicht zur Diskussion stehen. Denn mit dem Herzstück möchten die beiden Kantone Basel-Stadt und Baselland die S-Bahn Richtung EuroAirport auf einer neuen Strecke via Innenstadt zu einem neuen Bahnhof Morgartenring führen, und erst von dort weiter auf der alten Strecke Richtung Basel St. Johann, und nachher über den EuroAirport nach Mulhouse.

Mehrere Schritte voraus

So ist denn Genf definitiv der Region Basel mehrere Schritte voraus. Mit der Ceva vom Bahnhof Cornavin nach Eaux-Vives wird das innenstädtische Verbindungsproblem gelöst – und mit den angekündigten direkten S-Bahn-­Verbindungen vom benachbarten Waadtland über Genf zu den Destinationen in Savoyen schafft die Rhonestadt ein attraktives ÖV-Angebot für Pendler.

Eine halbe Milliarde Franken musste Genf für die neue Bahnverbindung in der Stadt aufwenden. 55 Prozent der insgesamt 1,6 Milliarden Franken Baukosten übernahm der Bund, 18 Prozent die französischen Nachbarn. Eine halbe Milliarde gedenkt Basel für sein S-Bahn-Netz nicht aufzuwenden. Stattdessen setzen die Basler darauf, dass der Bund im Rahmen von Fabi, dem vom Volk beschlossenen Kässeli für Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur, allein für die Kosten aufkommt. Frühestens ab 2030, wahrscheinlicher aber eher noch später. Acht Jahre dauerte der Bau der Cevi in Genf. Doch Immerhin wird die realisierte Genfer S-Bahn die Basler weiter von einer grenzüberschreitenden S-Bahn träumen lassen. Von einer raschen Wiederaufnahme der einst betriebenen S-Bahn-Linie vom Fricktal über das Unterbaselbiet und Basel SBB nach Mulhouse wird aber wohl in den nächsten Jahren nicht mehr die Rede sein. Trotz des Geisterbahnhofs Basel St. Johann.

Frage des Tages:

Umfrage

Soll Basel, statt aufs Herzstück zu warten, vorgängig eine S-Bahn-Verbindung nach Frankreich forcieren?

Ja

 
45.5%

Nein

 
54.5%

611 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 17.03.2017, 07:09 Uhr

Artikel zum Thema

Noch mehr Stau auf der Passerelle

Auf der Passerelle im Bahnhof SBB steht seit gestern eine Infotafel der BVB, die Fahrgästen anzeigt, welche Trams sie knapp verpassen werden. Mehr...

14 Millionen für den Margarethenstich

Die Linie 17 soll bald von Ettingen über den Margarethenstich zum Badischen Bahnhof fahren. Die Baselbieter Regierung beatragt dafür 14 Millionen Franken. Mehr...

SBB investieren 35 Millionen in Gebäude am neuen Bahnhof Liestal

Der neue Bahnhof Liestal soll aus einem 15 und einem 25 Meter hohen Backsteingebäude bestehen, wie das am Montag vorgestellte Siegerprojekt vorsieht. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Kommentare

Die Welt in Bildern

Lange Nase: Tänzer zeigen eine Episode ihres Stücks vor dem Opernhaus in Sydney. (22. August)
(Bild: EPA/DAVID MOIR ) Mehr...