Die letzte Chance der TagesWoche

Nach knapp vier Jahren ist von der Aufbruchstimmung nicht mehr viel übrig.

Tageswoche: Viel Schein, wenig Sein.

Tageswoche: Viel Schein, wenig Sein. Bild: Keystone

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«Mein Fazit nach vier Jahren TagesWoche: Ihr habt mindestens zwanzig Millionen verballert, (vermutlich waren es mehr als dreissig), damit eine Zeitung gedruckt wird, die sich nicht mal als Klopapier eignet, und eine Website publiziert wird, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheint.» Das Verdikt, das ein ehemaliger Mitarbeiter über die TagesWoche kürzlich im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlichte, ist vernichtend. Und die zitierten Sätze gehörten noch zu den netteren. Knallhart rechnet der Fotograf mit den führenden Köpfen des Mediums ab. In der Kommentarspalte stimmen mehrere weitere ehemalige Mitarbeiter in die harsche Kritik ein.

Nach knapp vier Jahren hat die TagesWoche nicht nur jede Menge Geld, sondern vor allem auch Goodwill verloren. Dies zeigte sich zuletzt, als der Verwaltungsrat Anfang Monat die neusten personellen Veränderungen bekannt gab. Der überraschende Rausschmiss von Co-Redaktionsleiter Dani Winter und Geschäftsführer Tobias Faust rief fast durchs Band nur kritische Kommentare hervor. Keine Ausnahme: Mitteilungen in eigener Sache wurden in letzter Zeit von der Community, wie die Leserschaft gerne genannt wird, grösstenteils verrissen.

Wenige Tage vor dem Köpfe­rollen hatte bereits der zweite Redaktionsleiter Remo Leupin seinen Abgang verkündet. Intern sind viele der Meinung, dass Leupin abspringen konnte, bevor auch er gehen musste. Damit ist die gesamte Führungscrew weg, welche das neue Medium vor knapp vier Jahren aus der Taufe gehoben hat. Auch in der Redaktion sind nur noch wenige vom Gründungsteam dabei.

Der Goodwill war riesig, als im Herbst 2011 die erste Ausgabe der TagesWoche erschien. Noch grösser waren nur die Erwartungen und das Startkapital, mit dem die Mäzenin Beatrice Oeri das Pionierprojekt ausstattete. Die Turbulenzen rund um die Besitzerwechsel bei der Basler Zeitung sorgten für eine regelrechte Begeisterungswelle. Die Kombination von Wochenzeitung und Newsportal wurde international als Ei des Kolumbus gegen die Erosion der Medienlandschaft gefeiert – die TagesWoche, obwohl sie sich von Beginn weg dagegen sträubte, als Anti-BaZ.

Künftige Finanzierung unklar

Doch schon bald zeigten sich die ersten Risse. Nach nur eineinhalb Jahren kam es zum ersten grossen Knall in der Führungsetage. Co-Chefredaktor Urs Buess fand nach den Ferien seinen Arbeitsplatz geräumt vor. Stattdessen wurde Dani Winter eingesetzt. «Online first» lautete das neue Schlagwort. Doch auch so fand die TagesWoche den Tritt nicht. «Man wollte sich als digitale Avantgarde inszenieren», erinnert sich Markus Wiegand. «Blutige Anfänger» titelte der Chefredaktor des Branchenmagazins Schweizer Journalist im Herbst 2013. «Ich hatte noch selten das Gefühl, dass man so wenig Ahnung hatte, wovon man eigentlich redete.»

Fast das Genick brach der TagesWoche im Frühjahr 2013 dann der sogenannte Flughafen-Gate. Eine Reportage von Telebasel deckte auf, dass über die Hälfte der «verkauften» Auflage der TagesWoche gratis an Flughäfen auflag – der Grossteil in Kloten. Unter dem Strich blieben eine bescheidene Zahl von knapp 10'000 Abonnenten. Mittlerweile sind es noch etwa die Hälfte. Der verantwortliche Geschäftsführer Tobias Faust konnte sich, so sagen Kritiker, nur dank seinen guten Beziehungen retten. Faust ist der Jugendfreund und Nachbar von Oeri-Intimus Georg Hasler, der als Mann im Hintergrund bei der TagesWoche galt. Mit der Umbesetzung des Verwaltungsrats vor einem halben Jahr hat sich hier offenbar der Wind gedreht.

Trotz der jüngsten Umbrüche ist die Stimmung zurzeit offenbar gut. Viele betrachten die Kündigungen als längst überfälligen Schnitt. «Das war die einzige Chance, aber wohl auch die letzte», sagt ein Mitarbeiter. Gesucht wird nun eine Führungspersönlichkeit, welche sowohl die Redaktions- wie auch die Geschäftsleitung übernimmt. Der neue Chef soll der TagesWoche ein Gesicht geben. «Der neue Gesamtleiter muss ein Wunder vollbringen können, um das schlingernde Hybrid-Medium aus den roten Zahlen zu steuern. In nicht mehr ferner Zeit dürfte sonst die Geduld der Mäzenin ein Ende haben», kommt Peter Knechtli in seiner Analyse auf Online­reports zum Schluss.

Tatsächlich ist völlig offen, welche Rolle die Stiftung Levedo mit Hasler und Oeri künftig noch spielen wird. Ein erster Bankrott konnte gemäss der Schweiz am Sonntag letzten Herbst mit neuem Geld vermieden werden. Doch das Medium wird wohl langfristig auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein. Ein entsprechende BaZ-Anfrage beantwortete Verwaltungsratspräsident Oscar Olano nur ausweichend. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.07.2015, 15:14 Uhr

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